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(Foto: Plath/.rufo)
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Montag, 15.06.2009

Schwarzbunte Schleswig-Holsteiner im High-Tech-Stall

Kaliningrad. Betreibt Russland einen zunehmenden protektionistischen Kurs? „Lassen Sie uns einen Supermarkt in Kaliningrad und dann einen in Kiel besuchen. Dann sehen wir, wer seinen Markt abschottet“, sagt der Landwirtschaftsminister.



Teil 1 des Berichtes über den Besuch einer Schwarzbunten Landwirtschaftsdelegation aus Schleswig-Holstein: Modernisierungpartner im Kuhstall und auf dem Rapsfeld


„Förderung nicht um jeden Preis“


Doch das waren auch schon die einzigen kritischen Töne in Richtung Westen. Ansonsten bemühte sich Romanow, die Erfolge der Zusammenarbeit zwischen Kaliningrad und Kiel herauszustellen – und den Aufschwung, den die gebeutelte Landwirtschaft im Kaliningrader Gebiet in jüngster Zeit nun endlich nehme, gleich mit dazu.

Innerhalb von drei Jahren habe sich die Investitionssumme in Agrarprojekte verelffacht, 2008 seien im Gebiet zehn Milliarden Rubel in die Landwirtschaft investiert worden, davon 400 Millionen in Kleinbetriebe, rechnete Romanow vor.

„Es gibt inzwischen Förderprogramm und günstige staatliche Kredite. Wir unterstützen unsere Bauern allerdings nicht um jeden Preis. Unser Maßstab ist die Qualität, wir wollen eine moderne und effektive Landwirtschaft mit Produkten, die international wettbewerbsfähig sind. Darauf ist unsere Förderpolitik ausgerichtet. Und solche Betriebe gibt es bei uns auch schon.“

Als Beispiele nannte der Minister das kurz vor der Eröffnung stehende Werk des deutschen Babynahrungsherstellers Hipp und ein dänisch-norwegisches Schweinezucht-Großprojekt bei Prawdinsk (Friedland).

(Foto: Plath/.rufo)
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Auch die Kieler Landpartie durch das alte Preußenland hatte einen solchen Betrieb im Programm: die Milchstallanlage „Nowoje Wysokowskoje“, einen supermodernen Stallkomplex für 1000 Milchkühe mit Highech-Melkanlage. Großzügig finanziert mit Staatskrediten. Mitbesitzer des Vorzeigestalls: Landwirtschaftsminister Andrej Romanow.

Wenn etwas zusammenwächst in der neuen Landwirtschaft in Russisch-Ostpreußen, dann sind es Politik und Wirtschaft. Viele hohe Regierungsbeamte und Duma-Abgeordnete aus Moskau und Kaliningrads sind auf gut verschleierte Weise an großen Unternehmen beteiligt – nach der Industrie zunehmend auch in Agrarprojekten.

Wie sich politische Macht und wirtschaftlicher Einfluss immer mehr in den Händen weniger konzentrieren, auch dafür ist „Nowoje Wysokowskoje“ ein Beispiel.

Aufwärtstrend nach Zusammenbruch



Doch eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Hightech-Stall noch keine funktionierende Landwirtschaft. Der Rinderbestand im Kaliningrader Gebiet ist seit den chaotischen 1990er Jahren regelrecht in sich zusammengebrochen: von 170 000 Tieren im Jahr 1991 auf derzeit gerade mal 15 000.

Immerhin: In den letzten Monaten sei vor allem in den Großbetrieben ein leichter Aufwärtstrend zu verzeichnen, sagt Alexander Töws vom Tierzuchtzentrum Majowka. 4143 Liter Milch gibt eine Kaliningrader Kuh derzeit statistisch pro Jahr. „Das sind zwar 900 Liter mehr als zu Sowjetzeiten, und die Behörden hier geben auch mächtig damit an. Doch im internationalen Vergleich ist das viel zu wenig, um auch nur annähernd wettbewerbsfähig zu sein“, so Töws.

Wie weit Moskaus Ostseeprovinz noch davon entfernt ist, wieder in die Rolle einer nun russischen Kornkammer hineinzuwachsen, bleibt den deutschen Agrariern auf ihrer Rundreise nicht lange verborgen.

Die Fahrt führt überwiegend durch eine versteppte, in sich ruhende, an Savannen erinnernde Landschaft: Brache bis zum Horizont. Nur selten liegen bestellte Felder dazwischen. „Das dauert noch Jahre, bis das hier in Gang kommt“, meint Claus Ehlers nachdenklich.

Industriebetrieb als Großgrundbesitzer



Dabei hat der Großteil der Ländereien längst wieder Besitzer. Seit in Russland ein Gesetz den Kauf von Grund und Boden möglich macht, seit fünf Jahren also, ist das Ackerland im Königsberger Gebiet so gut wie aufgeteilt. Ein Hektar kostet derzeit durchschnittlich 38 000 Rubel, das sind knapp etwa 1000 Euro.

Größter Grundbesitzer ist ein Industrieunternehmen: die mächtige und politisch einflussreiche Awtotor AG, bekannt eher durch die Montage westlicher Pkw-Marken für den russischen Markt. Awtotor riss sich mit einer eigens gegründeten Agrar-Holding 130 000 Hektar unter den Nagel – die Hälfte allen Ackerlandes im Kaliningrader Gebiet. Bestellt davon ist nur ein Bruchteil. Geld ist in der Landwirtschaft nicht alles.

(Foto: Plath/.rufo)
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Von Problemen hört die Kieler Delegation während ihrer Betriebsbesuche denn auch genug. Umständliche Gesetze und Behördenwillkühr sind das eine. Damit hat in Russland faktisch jeder Unternehmer zu kämpfen.

Vor allem der Mangel an Fachkräften, deren Ausbildung den Anforderungen moderner Landwirtschaft entspricht, bremst den Agrar-Aufschwung. Die staatliche Ausbildung, straff, aber praxisfern, hinkt in vielen Fachbereichen der Gegenwart um Jahre hinterher.

Auch der Absatz landwirtschaftlicher Produkte aus der Exklave hat es schwer. Der EU-Markt: unerreichbar. Der Verkauf ins russische Kernland: von hohen litauischen Transitgebühren belastet. Auf dem eigenen Markt sind die Preise im Keller, gedrückt von billigem Holland-Gemüse und Geflügelfleisch aus Brasilien.

Schulden trotz Rekordernte



Im vorigen Jahr fuhren die Kaliningrader Landwirte eine Rekordernte ein – soviel Getreide wuchs seit Jahrzehnten nicht mehr auf den Feldern der alten Bauernprovinz. Doch gleichzeitig fielen die Preise auf dem Weltmarkt ins Bodenlose.

Eigene Möglichkeiten zum Trocknen und Lagern des Getreides können sich die meisten Landwirte hier nicht leisten, sie müssen sofort verkaufen. Die Folge: Trotz Superernte stürzten viele Kaliningrader Landbetriebe in tiefe Schulden.

Wer sein Korn an heimische Mühlen lieferte, konnte froh sein, überhaupt Geld zu bekommen, denn im Strudel der Wirtschaftskrise brachen die meisten Mühlen ein.

Der globale Finanzcrash hat die Lage noch verschärft: Die meisten Banken geben keine Kredite mehr. Und wenn, dann mit Zinsen kaum unter 25 Prozent.

„Dreißig Jahre zurückdenken“



„Wer hier als Bauer aus Deutschland herkommt und wirtschaften will, sollte sich erst mal um 30 Jahre zurückdenken“, sagt Tassilo von der Decken. „Und mit Hilfe vom Staat sollte man gar nicht erst rechnen. Im Gegenteil.“ Der Mann weiß, was er sagt.

Kein Deutscher kennt die Landwirtschaft in der russischen Exklave so gut wie der 51jährige gebürtige Niedersachse, der 1994 als Entwicklungshelfer im Auftrag der GTZ nach Kaliningrad kam, den Agrarverbund „Baltfer“ aufbaute und seit 1999 mit seiner russischen Frau Valentina als selbständiger Bauer einen 2000-Hektar-Hof im Osten des Gebietes bewirtschaftet.

Die Zeiten sind überwunden, auch wenn von der Deckens Betrieb nicht mit dem Turbostall von Minister Romanow zu vergleichen ist, sondern eher wie ein Gegenentwurf dazu wirkt – ein bäuerlicher Hof, im Dorf verwurzelt.

Das Land, das von der Deckens heute bewirtschaften, haben sie von über hundert Kleinstbesitzern gepachtet – die bürokratischen Mühen, die das kostete, lassen sich nur ahnen. Die alten Kuhställe der Kolchose wurden in Laufställe umgebaut, 200 Kühe geben im Jahr um die 4500 Liter Milch, die der Betrieb an die Gusewer Molkerei verkauft.
Das Getreide liefert er an regionale Mühlen, den Raps exportiert er schiffsladungs-weise. Kleine Kreise, große Kreise. Und die Hoffnung, dass unterm Strich etwas übrig bleibt. Im vorigen Jahr waren es, hochgerechnet, knapp 2000 Euro.



Fortsetzung: Bauernhof a la Niedersachsen hilft gegen Krise


Thoralf Plath, Kaliningrad



Teil 1 des Berichtes über den Besuch einer Schwarzbunten Landwirtschaftsdelegation aus Schleswig-Holstein: Modernisierungpartner im Kuhstall und auf dem Rapsfeld




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