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Kaufkraft ungebrochen: Gedränge vor dem Shopping-Center "Akropol". Foto: tp/.rufo
Kaufkraft ungebrochen: Gedränge vor dem Shopping-Center "Akropol". Foto: tp/.rufo
Dienstag, 08.04.2008

Kaliningrad - Wirtschaft schreibt schwarze Zahlen

Kaliningrad. Der Aufschwung im Kaliningrader Gebiet gewinnt an Fahrt. Das Jahr 2007 hat etlichen Branchen Rekordergebnisse beschert. Dabei könnte es noch besser laufen. Größter Bremsklotz: der Mangel an Fachkräften.

Wie die kürzlich vorgestellte offizielle regionale Statistik belegt, stieg die Industrieproduktion in Russlands westlichster Region 2007 im Vergleich zum Vorjahr um 40,3 Prozent, das gesamte Wirtschaftswachstum gibt das Gebietsstatistikamt gar mit 53,6 Prozent an – bei einem Bruttoinlandsprodukt von umgerechnet 3,9 Mrd. Euro.
Die größten Wachstumsraten melden das verarbeitende Gewerbe und klassische Industriezweige: Branchen wie Schiffbau, Fischverarbeitung, Textil- und Möbelherstellung und Lebensmittelproduktion steigerten ihre Produktion zum Teil um mehr als das Doppelte.

Zu den Topsellern der regionalen Wirtschaftsstatistik zählten erwartungsgemäß auch jene mittlerweile 49 Unternehmen, die in der Sonderwirtschaftszone Kaliningrad steuer- bzw. zollprivilegiert Pkw, Haushaltselektronik und andere technische Geräte montieren.

Aber auch die Holzverarbeitung, ein für das Gebiet traditionelles, in den 1990er Jahren fast völlig zusammengebrochenes Gewerbe, signalisierte mit einer Wachstumsrate von fast 75 Prozent eine Wiederbelebung.

Aufschwung in der Lebensmittel-Branche



Insgesamt seien im vergangenen Jahr allein nach Kaliningrad Investitionen in Höhe von rund 15 Milliarden Rubel (etwa 416 Millionen Euro) geflossen, teilte Natalja Scharoschila, stellvertretende Vorsitzende des Komitees für ökonomische Entwicklung in der Kaliningrader Stadtverwaltung, kürzlich auf einem Treffen mit deutschen Unternehmern mit.

Die größte Nachfrage von Investoren habe es in den Bereichen Schiffbau und Nahrungsgüterproduktion gegeben. Gerade letztgenannter Branche steht wohl auch 2008 ein weiterer Aufschwung bevor, denn allein zwei millionenschwere Projekte laufen gerade an bzw. stehen kurz vor dem Start:

Der brasilianische Lebensmittelkonzern "Sadia SA" nahm im Dezember 2007 den ersten Komplex der neuen Produktionsstätte für Geflügel-Tiefkühlkost in Betrieb, am nächsten Abschnitt wird bereits gebaut.

Auch der derzeit größte Investor im Rahmen der Sonderwirtschaftszone kommt aus der Nahrungsgüter-Branche: Bei Kaliningrad errichtet das russische Unternehmen "Sodruschestwo Sojus" für umgerechnet 177 Millionen Euro ein Werk für die Herstellung von Pflanzenfetten und Sojaprodukten.

Ungebrochener Bauboom



Kaliningrad boomt - vort allem auf dem Bau: Baustelle im Stadtteil Selma.  Foto: tp/.rufo
Kaliningrad boomt - vort allem auf dem Bau: Baustelle im Stadtteil Selma. Foto: tp/.rufo
Wenn etwas brummte im Kaliningrader Wirtschaftsjahr 2007, dann war es wiederum der Bau. Ein Zahlenvergleich macht den Boom deutlich: Wurden im Jahr 2000 in der Gebietshauptstadt Wohnungen mit einer Gesamtfläche von rund 22.000 Quadratmetern neu gebaut, waren es 2007 laut Statistik mehr als 496.000 Quadratmeter.

Hinzu kamen 282.000 qm neue Gewerbe- und Handelsräume. "Es hätten noch mehr werden können, aber allen Firmen fehlen mittlerweile vor allem qualifizierte Arbeitskräfte", bestätigt Natalja Scharoschila.

Der Arbeitsmark im Kaliningrader Gebiet scheint fast leergefegt. Die offizielle Arbeitslosenquote lag Ende 2007 bei 3,1 Prozent, gemessen an der Zahl aller erwerbsfähigen Einwohner. Offiziell arbeitslos gemeldet waren freilich nur 1,3 Prozent: etwa 6.600 Männer und Frauen – noch einmal weniger als im Vorjahr (7.400).

Motor des Baubooms ist Geld aus Moskau. Ohne die Millionen privater Investoren und gewaltige Zuschüsse aus der Staatskasse bräche der bauliche Aufschwung in der Exklave zusammen wie ein Kartenhaus. Auch das dokumentiert die Jahresstatistik: Insgesamt strömten allein für den Ausbau der regionalen Infrastruktur 1,2 Milliarden Rubel aus dem föderalen Budget in die Ostseeprovinz.

Durchschnittsgehalt knapp 400 Euro



Auch das materielle Lebensniveau im Kaliningrader Gebiet hat sich im vergangenen Jahr weiter verbessert. Löhne stiegen deutlich: Das monatliche statistische Durchschnittsgehalt lag Ende 2007 bei 14.168 Rubel (knapp 400 Euro), das sind fast 27 Prozent – und selbst inflationsbereinigt immer noch 16 Prozent – mehr als im Vorjahr.

Zeichen des Wirtschaftsaufschwung - dichter Stadtverkehr und bunte Werbung. Foto: tp/.rufo
Zeichen des Wirtschaftsaufschwung - dichter Stadtverkehr und bunte Werbung. Foto: tp/.rufo
Auch dies war prägend für das vergangene Jahr im Kaliningrader Gebiet: ein rekordhafter Anstieg der Verbraucherpreise. Vor allem die Preise für Mich- und Getreideprodukte explodierten im Lauf des Jahres regelrecht, so dass die Regionalregierung zeitweise die Preise für so genannte "soziale Lebensmittel" wie Milch, Brot, Butter und Eier künstlich einfrieren ließ – ein politisch motivierter Eingriff (im Vorfeld der Duma-Wahlen), der nach Ende der Bindungsfrist umso heftigere Preissprünge auslöste.

Insgesamt lag die Inflation im vorigen Jahr offiziell bei 11,2 Prozent, die Lebensmittelpreise stiegen laut Statistik um über 15 Prozent an. Ein so genannter "minimaler Warenkorb" (ein Sortiment von Grundnahrungsmitteln zur elementaren Versorgung) kostete Ende 2007 in Kaliningrad allerdings 2.019 Rubel – fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Was nichts anderes bedeutet, als dass die unteren Einkommensschichten überdurchschnittlich stärker vom Anstieg der Verbraucherpreise belastet werden.

Auch die Tarife für Kommunaldienstleistungen insgesamt (Fernwärme, Wasser und Abwasser, Müllentsorgung) zogen im Lauf des Jahres um fast 19 Prozent an: Trinkwasser wurde um 13, Strom um 14, Erdgas gar um 25 Prozent teurer. Die Exklave Kaliningrad zählt auf diesem Gebiet mittlerweile zu den teuersten Regionen Russlands.

Die Kaufkraft der Kaliningrader scheint dennoch ungebrochen. Insgesamt setzte der Einzelhandel 2007 im Gebiet 57,2 Milliarden Rubel (1,58 Milliarden Euro) um.

Einwohnerzahl: Rückgang gestoppt?



Junge Kaliningraderinnen: Die Einwohnerzahl wächst. Foto: tp/.rufo
Junge Kaliningraderinnen: Die Einwohnerzahl wächst. Foto: tp/.rufo
Die Zahlenkolonnen der Jahresstatistik 2007 geben auch über die demographische Situation der russischen Exklave Auskunft. Demnach lebten Ende des Jahres 937.406 Menschen in der westlichsten Provinz der russischen Föderation, fast genauso viele wie im Jahr zuvor (+ 19). Dennoch ist die Einwohnerzahl im Kaliningrader Gebiet damit erstmals seit 15 Jahren überhaupt wieder gestiegen.

Gouverneur Georgi Boos ließ dies umgehend als Erfolg seiner Politik herausstellen: "Dank tief greifender Reformen im regionalen Gesundheitswesen" sei die Sterblichkeitsrate im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gesunken, während die Zahl der Geburten zugleich um 12 Prozent gestiegen sei.

So kann man das gewiss sehen – Statistik lässt bekanntlich viele Interpretationen zu. Die absolute Zahl der Geburten (10.087) lag allerdings erneut deutlich unter der Sterberate (14.344), doch verstärkte Zuzüge (4.274 Menschen) relativierten den Negativtrend.

Auch geheiratet wurde 2007 kräftig. Immerhin 8.800 Hochzeiten hat das Statistikamt gezählt und liefert standesgemäß die Quote gleich dazu: plus 10,3 Prozent. Doch auch dies sei nicht verschwiegen: Der Scheidungstrend steht dem mit einem Mehr von 8,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr kaum nach. Wo Licht ist, ist halt meist auch Schatten.



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