Dienstag, 28.02.2012

Kaliningrad: Stromversorgung stößt an Kapazitätsgrenze

Die Strommasten sind alt, die Leitungen marode. Bei starkem Frost droht der Kollaps (Foto: Ballin/.rufo)
Kaliningrad. Die kältesten Tage dieses Winters haben es deutlich gezeigt: Das Stromnetz des Kaliningrader Gebietes muss dringend erneuert und ausgebaut werden. Vor allem die Wirtschaft befürchtet Energieengpässe.
Der Zustand der Energieversorgungssysteme bremst mittlerweile ernsthaft die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Kaliningrader Gebietes. Zu dieser Einschätzung kam dieser Tage Juri Slobin, ehemaliger Abteilungschef für Naturressourcen in der Regierung von Gouverneur Georgi Boos, in einer vertraulichen Expertise für die Gebietsduma.

Winterkälte legt Stromnetz auf Eis


In den kalten Wintertagen Ende Januar hatte der regionale Stromversorger Jantarenergo erstmals seit Jahren die Notbremse ziehen müssen: Das Leitungsnetz war an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. In einigen Kreisen drohten bei 30 Grad Frost, die Lichter auszugehen.

Slobin überraschte das kaum. „Die Stromversorgung im Gebiet ist ein Koloss auf tönernen Füßen”, sagt er. In Zeiten, in denen Energiesicherheit immer mehr zu einem Standortfaktor für Investoren werde, stecke die Sonderwirtschaftszone diesbezüglich in einem tiefen Loch. „Einer der wichtigsten Gründe für das anhaltend schlechte Investitionsklima im Gebiet Kaliningrad ist der Zustand des Energieversorgungssystems.”

AKW beseitigt Energieprobleme nicht


Auch das Atomkraftwerk allein werde daran nichts ändern, warnt der Experte. Entscheidend sei die gleichzeitige Modernisierung und der Ausbau des völlig überlasteten Leitungsnetzes. „Der Strom muss erst einmal zu den Abnehmern kommen. Darin liegt unser Problem, weniger in der produzierten Energiemenge.” Fachleute halten ohnehin bereits das 900-Megawatt-Gaskraftwerk TEZ-2 am Kaliningrader Stadtrand für ausreichend – zumindest nach derzeitigem Stand.

Das Atomkraftwerk hingegen werde ohne neue und ausgebaute Hochspannungstrassen zu einem Kollaps des Netzes in der Exklave führen, warnt Juri Slobin. Am schlimmsten sei der Zustand der zum Teil noch aus der Vorkriegszeit stammenden Stromleitungen dort, wo mittlerweile die meisten Verbraucher leben: im Gewerbegürtel der Gebietshauptstadt und an der Küste.

20 Prozent der Energiemenge in den Wind geblasen


Der Transportverlust durch die Uralt-Kabel liegt laut Angaben des Unternehmens KaliningradEnergoInvest auf die gesamte Exklave hochgerechnet bei 750 Millionen Kilowattstunden pro Jahr – gut 20 Prozent der Gesamtmenge des produzierten Stroms.

Im Investitionspogramm der Regierung Nikolai Zukanow für die so genannten infrastrukturellen Ankerprojekte bis 2016 hat der Ausbau des Stromnetzes mittlerweile Priorität. Die finanziellen Mittel dafür erhofft man sich aus Moskau: Ohne stabile Trasse macht der Bau eines Atommeilers schließlich wenig Sinn.