Samstag, 01.07.2006

Kaliningrad: Russlands Boomtown an der Ostsee

Beton und Gotik: Wohnhaus-Baustelle und der Dom. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Das große Renovieren begann in Kaliningrad zur 750-Jahrfeier und hört nicht auf. Der große Geburtstag markierte den Start eines Modernisierungsprogramms, wie es die Ostseestadt seit 1945 noch nicht erlebte.
Ob Siegesplatz, das einstige Forum der Technik oder die Uferpassage rings um den Oberteich: Kaum ein Winkel im Stadtzentrum, in dem nicht saniert, renoviert, gebaut wird.

Der komplette Sowjetski Prospekt gleicht einer drei Kilometer langen Großbaustelle. Auch der Blick auf den altehrwürdigen Königsberger Dom ist von Kränen gerahmt. Hinter der Dominsel wächst das neue Edel-Quartier „Fischdorf“. Ein Jahr lang lastete Stille auf Kaliningrads derzeit ambitioniertestem Bauvorhaben. Hauptinvestor Pawel Fjodorow musste sich erst weitere Partner suchen, um das 97-Millionen-Euro-Vorhaben zu stemmen.

Backstein statt Beton: Haus im Fischdorf-Viertel. (Foto: Plath/.rufo)
Doch seit Mai geht der Bau nun weiter gegenüber der Lomse, die heute Oktoberinsel heißt. Die nach altem Vorbild wiedererrichtete Kaiserbrücke ist schon fertig, nun nimmt die 900 Meter lange Pregelpromenade Form an. Hier sollen unter schmiedeseisernen Kandelabern Souvenirläden, Bernsteinjuweliere und Cafés zum Flanieren einladen und Touristen locken.

Ein Stück altes Königsberg


Während sich die Autofahrer in einer endlosen Kolonne durch die halb gesperrte und fünf Meter tief aufgebuddelte Oktoberstraße quälen, gießen Brigaden von Bauarbeitern in Tag- und Nachtschicht die Fundamente für das Luxushotel „Kaiserkrug“.

Nach altem Vorbild aufgebaut: die Kaiserbrücke über den Pregel. (Foto: Plath/.rufo)
Das erste Haus des Fischdorf-Viertels soll im kommenden Jahr öffnen und zitiert ein beliebtes Lokal der einstigen Altstadt. „Wir bauen am Pregel ein Stück des alten Königsberg wieder auf“, sagt Pawel Fjodorow, der als Gas-Manager viele Metropolen Europas bereiste und nun ein Stück europäische Architektur in das Kaliningrader Stadtzentrum zurückholen will.

In einem Mix verschiedener Baustilen, entworfen vom Kaliningrader Chefarchitekten Alexander Baschin. Das Edelwohnquartier „Karolinenhof“ zeichnete er als hanseatische Giebelhäuserzeile. Die berühmten Altkönigsberger Pregelspeicher standen der Architektur des Flussbahnhofs für Ausflugsschiffe Pate.

Das 5-Sterne-Hotel „Suworow“ erinnert mit seiner Backsteinfassade an eine preußische Bastion. Das Suworow-Hotel soll ebenfalls im kommenden Jahr fertig sein, das komplette 35 Hektar große Fischdorf-Ensemble bis 2010 – mit Kongresshalle, Fischbörse, acht Restaurants, Kunst-Museum, Sternwarte.

Kinos rüsten auf


Nur noch fünf Monate Zeit bleiben einer anderen City-Großbaustelle: „Kaliningrad-Plaza“. Der moderne Stahlbeton-Komplex am Leninprospekt gegenüber dem einstigen Schlossplatz lässt ahnen, wie radikal sich das Stadtbild in den nächsten Jahren wandeln wird. Das Plaza bietet 35 000 exklusive Quadratmeter Bürofläche.

Nicht schön, aber neu: Bürohochhaus am Moskauer Prospekt. (Foto: Plath/.rufo)
Zum Hit des neuen Einkaufs- und Vergnügungstempels dürften aber die sieben Säle des Multiplex-Kinos avancieren, mit dem der Moskauer Movie-Branchenführer „Karo-Film“ seinen Einstand in der Ostsee-Exklave gibt.

Die Konkurrenz zieht schon nach. Am Siegesplatz wächst das neue Kino- und Konzertzentrum „Rossija“ in die Kaliningrader Skyline. Das modernistisch-kühne Lichtspiel-Hochhaus darf sogar das Rathaus überragen. Allerdings nicht die 82 Meter hohe Goldkuppel der orthodoxen Christi-Erlöser-Kathedrale auf der anderen Seite des Platzes. Die Kathedrale soll im September geweiht werden.

Bauboom ist erst der Anfang


Hinter der Prachtkirche geht die Bauerei in einem Tempo weiter, als gelte es die in einem halben Jahrhundert heruntergekommenen und brachliegenden City-Areale in Jahresfrist voll zu bauen. Vom Platz des Sieges vorbei an der Technischen Uni bis zum Zentralmarkt im einstigen Forum der Technik reicht das zukünftige „Clever-House“, ein Glaskomplex aus Läden, Restaurants und einem Radisson-Hotel.

Boomtown Kaliningrad. Allein in den laufenden Innenstadt-Bauprojekten steckt ein Volumen von über 250 Millionen Euro. Und was bei Chefarchitekt Baschin an fertigen Projekten im Rahmen des neuen Generalplans in der Schublade liegt, bezeugt: Es ist erst der Anfang.

Fast 1500 Hektar Stadtfläche sollen neu bebaut werden. Demnächst ist der ehemalige Schlossplatz dran. Das offizielle Neugestaltungs-Modell in Baschins Büro zeigt ein radikal modernisiertes „Haus der Räte“, flankiert von pompösen Wolkenkratzern neurussischer Spielart, wie sie derzeit vor allem in den Himmel über Moskau wachsen.

Neugestaltung geplant: der einstige Schlossplatz mit dem „Haus der Räte“. (Foto: Plath/.rufo)

Schloss-Wiederaufbau geplant


Und da nichts mehr unmöglich scheint, soll jetzt soll sogar das Wahrzeichen der alten Ostpreußen-Metropole auferstehen: das Königsberger Schloss. „Sicherlich nicht als Gesamtensemble in seiner alten Form“, schränkt Baschin ein, „doch als Teil eines modernen Komplexes, als Zitat des alten Königsberg, das wäre schon eine großer Gewinn für Kaliningrad.“

Hundert Millionen Euro wird die Renaissance des Schlosses nach seriösen Kalkulationen kosten. Die erste Million hat Visionär Baschin schon zusammen.. Immerhin: Es ist privates Geld. Der Schlossaufbau soll aus Spenden gelingen. Vorbild: die Dresdner Frauenkirche.

Es mangelt – an Bauarbeitern


Der überhitzte Boom macht eines mittlerweile zur Mangelware: Arbeiter. In der Branche herrscht Vollbeschäftigung, 40 Kaliningrader Baufirmen sind auf Monate ausgebucht. Viele beschäftigen schon Gastarbeiter aus Kirgisien und Usbekistan. „Was soll man machen“, stöhnt Ros-Bau-Chef Wladimir Migulenko, „es gibt Arbeit ohne Ende. Aber man findet einfach keine Leute mehr.“

(tp/.rufo)