Mittwoch, 28.12.2011

Kaliningrad: Neue Pregelbrücke für Verkehr freigegeben

Zwei Kilometer Schnellstraße ziehen sich jetzt in Nord-Süd-Richtung durch das Stadtgebiet von Kaliningrad (Foto: newkaliningrad.ru)
Kaliningrad. Kaliningrads staugeplagte Autofahrer atmen auf: Die neue Brücke über den Pregel ist fertig. Seit dieser Woche rollt der Verkehr auf der knapp zwei Kilometer langen Flussquerung.
Aller guten Dinge sind drei. Für die Kaliningrader Pregelbrücken trifft das Sprichwort durchaus zu, denn die Teilung der Stadt in dies- und jenseits des Flusses hieß bislang im Autofahreralltag vor allem eines: Stau.

Die Hochbrücke des Leninprospekt im Stadtzentrum und die enge Doppelstockbrücke (oben Bahn, unten Autos) am Hafen – viel zu wenig für rund 80.000 Fahrzeuge, die sich an einem durchschnittlichen Werktag durch die Gebietshauptstadt quälen.

Die neue Brücke führt nun von der Straße des 9. April über die Oktoberinsel (die einstige Königsberger Lomse) bis nah an das alte Friedländer Tor, verbindet somit auf kürzestem Weg die nördlichen Bezirke und ihre Ausfallstraße Alexandra Newskogo (ehemals Cranzer Allee) mit den südlichen Stadtteilen rings um Hauptbahnhof und den Baltiskij Rayon (Ponarth).

Mit ihren Abzweigungen zum Moskauer Prospekt und zur Oktoberstraße dürfte die dritte Pregelquerung umgehend zur neuen Hauptschlagader im überlasteten Kaliningrader Straßennetz aufsteigen. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 80 Kilometer pro Stunde ausgelegt.

Damit auch Fußgänger und Radfahrer ohne Lebensgefahr über die Brücke kommen, wurden hinter stabilen Leitplanken breite Geh- und Radwege angelegt. Fünf Meter hohe Schallschutzwände sollen für das Wohngebiet auf der Oktoberinsel den Verkehrslärm in Grenzen halten.

Pfeiler ohne Ende brauchte es, um die neue Brücke über den Pregel ziehen zu können (Foto: tp/rufo)

Hundert Pfeiler im Moor


Der Spaß war nicht billig. Rund 4,3 Milliarden Rubel (etwa 102 Millionen Euro) flossen aus dem föderalen Haushalt in die Schnellstraße, wobei den Löwenanteil die 880 Meter lange Brücke verschlang – für die Konstruktion mussten mehr als hundert Pfeiler bis zu 40 Meter tief in den Moorboden der Pregelniederung gerammt werden.

Weitere Kosten sind in Sicht. Denn die Pregelbrücke macht erst Sinn, wenn auch die Verlängerung bis zum Wassiljewskij-Platz ausgebaut ist, um einen Anschluss in Richtung nördlicher Ausfallstraße und Küstenautobahn zu schaffen. Gouverneur Nikolai Zukanow bezifferte die Kosten für diesen zweiten Bauabschnitt mit noch einmal rund zwei Milliarden Rubel. Die Projektierungsarbeiten laufen bereits. Geplanter Baubeginn: 2014.

In südlicher Richtung sollen laut Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk als nächstes der Kalinin-Prospekt bis zum Bahnhofsplatz und die Ausfallstraße in Richtung Prawdinsk (Friedland) durchsaniert und zum Teil verbreitert werden. Macht noch einmal 800 Millionen Rubel.

Woher die kommen sollen, weiß Jaroschuk auch nicht. Er hofft einfach, dass Wladimir Putin sich an seinen letzten Besuch im alten Königsberg erinnert – und an sein Versprechen, Rubel rollen zu lassen für Kaliningrads Schlaglochprogramm.

Als nächstes ist die „Berliner Brücke“ dran


Bereits gesichert ist die Finanzierung für eine andere dringliche Straßengroßbaustelle: Ab 2013 soll die große Pregelbrücke der Ringstraße am östlichen Stadtrand erneuert werden.

Dort liegen immer noch die Reste der alten deutschen Brücke im Fluss, 1945 von der Wehrmacht auf dem Rückzug gesprengt. „Berliner Brücke“ heißen die Trümmer in Kaliningrad. Die Ende der 1950er Jahre nebenan gebaute Ersatzbrücke sollte eigentlich nur ein Provisorium sein, doch Provisorien haben oft ein langes Leben.

Fast 30 Jahre Bauzeit


Auch die jetzt eröffnete dritte innerstädtische Pregelbrücke hat bereits eine Vorgeschichte. Mit ihrem Bau war bereits 1982 begonnen worden, als der Rohbau zu 80 Prozent fertig war, ging der Sowjetunion das Geld aus – 1986 wurden die Bauarbeiten eingefroren. Auf unbestimmte Zeit.

So stand das Betongerippe seither quer über den Moskauer Prospekt, ein Torso ohne Auf- und Abfahrt, der vor allem bei deutschen Besuchern zum Symbol für die Fehlplanungen des sowjetischen Kaliningrad avancierte. Kaum ein deutscher Königsberg-Dokumentarfilm der 1990er Jahre, in dem die Brücke nicht auftauchte, denn an ihrem nördlichen Ende stand ein großes Backsteinhaus aus ostpreußischer Zeit – mitten in der Brückentrasse.

Das war freilich weniger Fehlplanung als es schien. Man hatte das Gebäude schlichtweg stehen gelassen, als klar wurde, dass man die Brücke nicht weiterbauen würde. Erst vor zwei Jahren, als man das Projekt wiederbelebt hatte, wurde es abgerissen.

Vom alten sowjetischen Brückenrohbau blieb am Ende kaum etwas stehen. „Das war fast alles Ausschuss und Schrott. Nicht mehr zu gebrauchen“, sagt Bürgermeister Jaroschuk. Man sagt wohl nicht ohne Grund in Russland: Baue nichts Neues auf etwas Altes.