Baltic Business Center in Kaliningrad - Aufschwung auf halbem Wege steckengeblieben? (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 11.11.2008
Kaliningrad: Kein Geld für Konsumgüter und Bausektor
Kaliningrad. Als erste und am stärksten leiden unter der Krise Produzenten von hochwertigen Konsumgütern – und Bankangestellte. Der Bausektor bricht dramatisch um 20 % ein. Aber Gouverneur Boos und Beamte tagen in Barcelona.
Finanzfachleute sagen angesichts der sinkenden Marktnachfrage für die nächsten Monate einen starken Rückgang der Produktion hochwertiger Konsumgüter wie Heimelektronik und Haushaltstechnik voraus – wovon Unternehmen der Lohnveredelung und Zulieferer, die sich eigens in der Sonderwirtschaftszone Kaliningrad angesiedelt haben, besonders betroffen sind.
„Die Menschen werden in dieser unsicheren Situation wohl kaum ihr letztes Geld für einen Fernseher ausgeben“, drückt Valerij Skripa von der Firma BaltEksWed, einem der großen Montagebetriebe für TV-Geräte und Elektronik, die Stimmung aus.
Kurzarbeit, Entlassungen, Lohnkürzungen ...
Die drohenden Folgen: Kurzarbeit und Entlassungen, Lohnkürzungen, steigende Arbeitslosenzahlen. Oleg Bulytschew, Chef der bislang kräftig expandierenden Handelskette Wester, hat gegenüber der Komsomolskaja Prawda bereits Entlassungen angekündigt. „Wir sind dazu gezwungen.“ Die Banken hätten die Kreditvergabe eingestellt, was vorerst zu einem Einfrieren der Entwicklung des Unternehmens führe.
Auch in der Finanzbranche bahnt sich Personalabbau an. Die Bank WTB 24, Tochter der staatlichen Wneschtorgbank, hat angekündigt, zum 1. Januar 2009 fünf bis sieben Prozent ihrer Mitarbeiter zu entlassen. Wie die Zeitung „Wedomosti“ berichtet, erwägen auch mehrere im Gebiet Kaliningrad firmierende private Banken Entlassungen, darunter die „KIT Finance“, „Uralsib“ und „Renessans Kredit“.
Dramatische Einbrüche von jetzt schon 20 Prozent in der Baubranche
Hart trifft die Finanzkrise die Kaliningrader Baubranche, da mehrere Hypothekenprogramme gestoppt wurden und die meisten Banken derzeit keine Baukredite mehr bewilligen. Schon in diesem Jahr bleibt der Wohnungsbau, bislang ein Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Ostseeprovinz, voraussichtlich um 20 Prozent unter dem progonostizierten Volumen.
Das Bautempo hat sich drastisch verlangsamt. In den ersten neun Monaten wurden nach Angaben von Sergej Butschelnikow, Minuister für Kommunalwirtschaft und Bauwesen der Gebietsregierung, rund 534 000 Quadratmeter Wohnfläche fertiggestellt – das sind gerade einmal die Hälfte des Jahresplans. Für 2009 sind die Aussichten deutlich düsterer.
Es gibt auch Krisengewinnler auf dem Immobilienmarkt
Einige Beobachter sehen in dieser Situation auf dem Immobilienmarkt freilich auch Gutes: So dürften die im Vergleich zu ihrem realen Wert längst stark überteuerten Kaliningrader Immobilienpreise ihren Höhenflug allein durch die abkühlende Nachfrage bremsen.
Allerdings gehen viele Analysten des Immobilienmarktes nach wie vor davon aus, dass die Grundstücks- und Wohnungspreise langfristig weiter steigen werden, wenn auch nicht mehr so stark wie bisher.
Gouverneur Georgi Boos versuchte in der vorigen Woche die Kaliningrader zu beschwichtigen. Es gäbe weder Grund zu Hamsterkäufen noch zu Befürchtungen einer massiven Rubelabwertung. Sowohl der föderale als auch der Gebietshaushalt seien stark genug, „Krisen jeglicher Art zu überwinden“.
Beamte aus Kaliningrad schnallen den Gürtel an – und tagen im sonnigen Barcelona
Finanzielle Krisen in seinem Etat scheint der Gebietsfürst tatsächlich nicht zu kennen. Am vorigen Wochenende lud er die 22 Verwaltungschefs der Rayons und kreisfreien Städte des Gebietes Kaliningrad zur traditionellen Jahrestagung ein. Man wollte, das ist so üblich auf diesem Treffen, das ablaufende Jahr bilanzieren und Pläne für das neue schmieden.
Dazu traf man sich – in Barcelona. Auch drei Abgeordnete der Gebietsduma durften mit auf den dienstlichen Kurzausflug in den Süden. In Spanien tagte es sich wohl besser. Schön weit weg von der Krisenstimmung in der Heimat.
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