Wahl auf turkmenisch: 97 Prozent für Berdymuhammedow
Handball: Berliner Füchse überlisten russischen Bären
Startseite


Zuzügler: Keine Leute, keine Leute: Kaliningrad hofft auf Zuzügler. (Foto: Plath./rufo)
Zuzügler: Keine Leute, keine Leute: Kaliningrad hofft auf Zuzügler. (Foto: Plath./rufo)
Dienstag, 26.06.2007

Kaliningrad: Erste Übersiedler kommen aus Lettland

Thoralf Plath, Kaliningrad. Die ersten Zuzügler aus Lettland sind im Kaliningrader Gebiet angekommen. Der staatliche Migrationsdienst rechnet in 2007 mit bis zu 3000 Neusiedlern. Arbeit gibt es für sie mehr als genug. Nur keine Wohnungen.

Als Gouverneur Georgij Boos kurz nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren begann, um Einwanderer für das Kaliningrader Gebiet zu werben, weil eine Modernisierung der heruntergewirtschafteten Exklave sonst nicht zu schaffen sein würde, hatte er besonders die in den baltischen Republiken lebenden Russen im Blick. Boos erntete vor allem Skepsis. Aus dem blühenden, freien Baltikum ausgerechnet nach Kaliningrad? Nicht wenige hielten das für einen schlechten Scherz.

Doch allmählich beginnt sich der in Fahrt kommende Aufschwung der russischen Ostsee-Provinz jenseits der Grenzen herumzusprechen. In der vorigen Woche kamen die ersten Umsiedler in Kaliningrad an – zehn Russen aus Lettland.

Minister kommt zur Begrüßung



Die Leute wurden empfangen wie Staatsgäste. Kaum dass die Maschine der AirBaltic auf dem Flughafen Chrabrowo ausgerollt war, gab es Blumen und Präsente zum Empfang, und der Minister für regionale Entwicklung der Gebietsregierung höchstselbst, Michail Pluchin, kam zur Begrüßung: „Wir haben Sie sehr erwartet und hoffen, dass bald noch mehr Familien Ihrem Beispiel folgen.“ Grenzabfertigung, Zollkontrolle, Migrationsformalitäten – das alles ging verdächtig schnell an diesem Tag.

Gouverneur: 300 000 Übersiedler eingeladen: Gouverneur Georgij Boos (rechts). (Foto: Plath/.rufo)
Gouverneur: 300 000 Übersiedler eingeladen: Gouverneur Georgij Boos (rechts). (Foto: Plath/.rufo)
„Fehlt nur noch der rote Teppich“, meinte Dina Dolmatowa lachend, über so viel öffentliche Interesse über ihre Ankunft in der neuen Heimat ziemlich erstaunt. Für sie habe der Entschluss, nach Russland zu ziehen, schon seit langem festgestanden, erzählt die diplomierte Ökonomin, die bislang in Salaspils bei Riga lebte. Und sich um die lettische Staatsbürgerschaft nie bemüht habe, wie sie sagt: „Wozu? Ich habe einen russischen Pass und den wollte ich behalten.“

Zusammen mit ihrem Mann will sie nun den Neustart auf Russlands „EU-Insel“ wagen. Berufserfahren im internationalen Tourismus-Business, dürfte eine Arbeit in Kaliningrad schnell gefunden sein. Fast alle Branchen suchen Fachkräfte.

Auch Witalij Kasjanow aus Riga macht sich um Arbeit keine großen Sorgen. In Lettland sei das schwierig gewesen, vor allem mit dauerhafter Anstellung, sagt der gelernte Schlosser mit Schiffbau-Erfahrung, der in Riga zuletzt in einer Autowerkstatt jobbte und nun in seinen Beruf zurück will. Das sollte schnell gehen: Die Jantar-Werft sucht verzweifelt Facharbeiter, hat derzeit über 700 Stellen offen, wie Werftchef Nikolaj Wolow jüngst der Migrationsbehörde meldete – in der Hoffnung auf das Einwanderungsprogramm.

Wohnungsmangel bremst Zuzug



Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Russlands Boomtown an der Ostsee (01.07.2006)
• Kaliningrad: Dem Aufschwung fehlen die Arbeiter (25.09.2006)
Nicht Arbeitsmangel ist das Problem der Kaliningrad-Übersiedler. Es ist, neben diversen bürokratischen Hürden und rechtlichen Unsicherheiten, zuvorderst eine andere Sorge: das Dach überm Kopf. Sanierte und dabei bezahlbare Wohnungen haben Seltenheitswert im Kaliningrader Gebiet.

Der wirtschaftliche Aufschwung und robuste Nachfrage heizen die Preise auf immer neue Rekordwerte – vor allem in der boomenden Gebietshauptstadt, wo man für ein Haus in Toplage inzwischen Millionär sein sollte und in der „Volks-Klasse“ fast nur die Wahl hat zwischen Sowjet-Wohnblock und Eigen-Remont, beides auch nicht eben billig.
Der Mangel an Wohnungen bremst die Zuzugszahlen bislang nachhaltig. Auch die Neu-Kaliningrader aus Lettland ziehen erst einmal in Übergangswohnungen im Kreis Bagrationowsk, die eigens für Umsiedler gebaut wurden, in einer alten Armeekaserne.

Doch um ihre vier Wände machen sich die Ankömmlinge noch keine großen Sorgen. Anna und Wladislaw Rontsch aus Riga haben schon etwas gespart, um eine Wohnung zu kaufen oder zu bauen. Auch Dina Dolmatowa will sich auf das künftige „Nest“ für sich und ihre Familie noch nicht festlegen. „Erst einmal ankommen, vieles hängt von der Arbeit ab. Schön wäre es, wenn man etwas finden könnte in einer kleinen Stadt in der Nähe von Kaliningrad.“

Wettbewerb um Arbeitskräfte



Auch in den „kleinen Städten“ der Exklave ist der Wettbewerb um Neusiedler längst in Gang. Denn nicht nur in Kaliningrad (60 000 offene Stellen) fehlen Leute – auch in umliegenden Orten kennt man das Problem. In Gurjewks (Neuhausen), Bagrationowsk (Preussisch Eylua) oder Gwardejsk (Tapiau) betreiben manche Unternehmen mittlerweile kostenlose Busse, um die Leute morgens abzuholen und abends wieder nach Hause zu bringen. Oder planen gleich den Bau von Wohnungen für das betriebseigene Personal.

Zuzugsbremse: Arbeits gibts genug, nur keine Wohnungen. (Foto: Plath/.rufo)
Zuzugsbremse: Arbeits gibts genug, nur keine Wohnungen. (Foto: Plath/.rufo)
In Gwardejsk soll, eigens für Zuzügler, ein ganz neuer Stadtteil entstehen. In der Grenzstadt Mamonowo (Heiligenbeil) läßt der für seine Umtriebigkeit bekannte Bürgermeister Oleg Schlyk, in den 1990er Jahren zugezogen, gerade ein großes leerstehendes Militärobjekt in eine schmucke Siedlung für 800 Einwanderer umbauen.

Die Wohnungen sollen für etwa 550 Euro pro Quadratmeter verkauft werden – dreimal günstiger als in Kaliningrad. „Man muss den Leuten etwas bieten, dann werden sie auch kommen“, ist Schlyk sicher. „Auch eine Kleinstadt hat Lebensqualität, und bis in das Zentrum Kaliningrad ist es nicht weit.“ Der Stadtkreis Mamonowo geht in seinem Entwicklungsprogramm bis 2016 von einem Zuzugsbedarf von 8000 Menschen aus. Mehrere große Investitionen polnischer Firmen hängen schon jetzt davon ab, dass es genügend Arbeitskräfte gibt.

120 Familien auf gepackten Koffern



So könnte es sein, dass bald die nächsten Einwanderer aus dem Baltikum eintreffen. Nach Angaben von Sergej Sawin, Chef des regionalen Migrationsdienstes, bereiten sich allein in Lettland etwa 120 Familien auf die Übersiedlung nach Kaliningrad vor. Ingsgesamt geht man in diesem Jahr von etwa 3000 Zuzüglern aus.

Ein Tropfen auf den heißen Stein, verglichen mit dem Fachkräftemangel. Und noch meilenweit entfernt von der Zahl, die Gouverneur Boos vorschwebt: Er rechnet damit, dass in den nächsten zehn Jahren 300 000 Menschen in die Exklave ziehen.

Russlanddeutsche „Rückkehrer“ erwartet



Auch aus Deutschland. Noch in diesem Jahr werden nach Angaben der Regionalregierung mehrere hundert russlanddeutsche „Rückkehrer“ in Kaliningrad erwartet.

Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Mehr Autos als Menschen (24.04.2007)
• Kaliningrad: Neuaufbau der historischen Stadtmitte (11.03.2007)
• Kaliningrad: Blütezeit für Schwarzbauten (12.12.2006)
• Kaliningrad: Dem Aufschwung fehlen die Arbeiter (25.09.2006)
• Kaliningrad: Immobilienpreise auf Rekordniveau (01.08.2006)
Dieser Zuzug läuft freilich etwas leiser ab als das offene Werben im Baltikum: Die Ansiedlung von Russlanddeutschen im früheren Ostpreußen hat schon einmal für politische Turbulenzen gesorgt und gilt immer noch als heißes Thema.


Allerdings hat sich die vermeintliche „Regermanisierung“ Königsbergs durch deutschstämmige Familien aus Kasachstan schon in den 1990er Jahren als großer Unsinn erwiesen. Die Zeiten sind vorbei, in denen russische Nationalisten und deutsche Neonazis, jeder auf seine Weise, mit solchen Themen Stimmung machten.

Im Gegenteil und allem Getöse von Grenzsperrzonen und angeblichen politischen Eiszeiten zum Trotz: Das Kaliningrader Gebiet öffnet sich immer mehr und ist sehr praktisch dabei, sich zu einer Brücke zwischen Russland und der EU zu entwickeln. Etwas anderes bleibt der Region auch kaum übrig.

Bald wird daher auch der Umzug von (Russland)Deutschen in das frühere Königsberg so normal sein gerade wie die Ankunft der Russen aus Lettland.



Die übrigens war der Kaliningradskaja Prawda eine ausgesprochen patriotische Titelzeile wert: „Angekommen in der Heimat“. In Kants alter „Stadt der praktischen Vernunft“ scheint wirklich nichts mehr unmöglich.

Thoralf Plath, Kaliningrad (tp/.rufo/Kaliningrad)


Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Dienstag, 26.06.2007
Zurück zur Hauptseite








Der sibirische Frost hat auch Kaliningrad fest im Griff: Der Meteorologische Dienst sagt für das Wochenende Temperaturen von bis zu -30 Grad voraus. Im Ostseebad Selenogradsk ist man dann bereits nah am historischen Kälterekord: Am 25. Januar 1942 waren hier minus 33,1 Grad gemessen worden. ( Topfoto: Plath/.rufo)




Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Kaliningrad kompakt
08.02.2012Oligarch Deripaska greift nach russischen Flughäfen
06.02.2012Moskaus Ex-Bürgermeister macht jetzt Mist in Ostpreußen
03.02.2012Frieren gegen Putin: Die Opposition geht auf die Straße
02.02.2012Universität gedenkt deutschen Ehrendoktors
01.02.2012Russland und Litauen öffnen Seegrenze im Kurischen Haff
31.01.2012Atomstrom aus Kaliningrad kommt frühestens ab 2017
27.01.2012Grüner Korridor an der visafreien Grenze nach Polen
26.01.2012Visafrei shoppen für Russen, billig tanken für Polen
19.01.2012Kleiner Grenzverkehr mit Litauen kommt nicht vom Eis
17.01.2012Schwere Sturmschäden an der Bernsteinküste
16.01.2012Rätselraten um Gouverneur Zukanows Zukunft
13.01.2012Schmuggelzigaretten im doppelten Boden
12.01.2012Flughafen-Ausbau soll 2012 weitergehen
05.01.2012Brandanschlag auf Einiges Russland-Büro
05.01.2012Brandanschlag auf Einiges Russland-Büro

Mehr Kaliningrad bei www.kaliningrad.aktuell.ru >>>


Als Chef vom Dienst ist für Sie
im Moment im aktuellen Einsatz
Susanne Brammerloh, St.Petersburg

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
Kopf der Woche
Wahlkampf auf südossetisch: Staatsanwalt wird entlassen
Kommentar
Sozial und gerecht: Putin verteilt Wahlgeschenke an alle
St.Petersburg
Medwedew feuert Petersburger Polizeichef nach Skandal
Thema der Woche
Gemeinsam frieren: Dauer-Eiszeit in Russland und Europa
Moskau
Präsidentenwahl: für Putin 28, für Sjuganow 22 Prozent
Kaliningrad
Moskaus Ex-Bürgermeister macht jetzt Mist in Ostpreußen
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Montag, 13. Februar
19:22 

Russland will Blauhelm-Mission für Syrien prüfen

18:38 

Korruption: Oligarchen wollen Geld für Sotschi zurück

18:06 

Handball: Berliner Füchse überlisten russischen Bären

17:15 

Russische Jugendliche 4 Mal depressiver als im Westen

15:49 

Wahl auf turkmenisch: 97 Prozent für Berdymuhammedow

14:51 

Baustelle am Kreml – weiter unklar, was dort entsteht

13:49 

Wahlkampf auf südossetisch: Staatsanwalt wird entlassen

12:38 

Hurra! Kältefrei! Schule in Moskau fällt wegen Frost aus

10:46 

Sozial und gerecht: Putin verteilt Wahlgeschenke an alle

09:53 

GLONASS Navigations- und Ortungsgeräte werden Pflicht

09:02 

VTB-Chef: Putin wählen, damit er in 6 Jahren abtritt

01:01 

Russland Geschichte: Ein Sänger und ein Vizeadmiral

Sonntag, 12. Februar
01:01 

Russland Geschichte: Ochrana, Kant, Tadschikistan

Samstag, 11. Februar
02:15 

Russland Geschichte: Iran und Russland vor einem Krieg

Freitag, 10. Februar
18:47 

Offizielle Umfragewerte: Putin im 1. Wahlgang durch

18:13 

9. Russlandlounge: Russland und der deutsche Markt

17:09 

Viel Wind um nichts: 25 Euro Strafe für Putin-Demo

16:14 

Medwedew feuert Petersburger Polizeichef nach Skandal

15:22 

Sotschi-2014: Ski-Weltcup als erste Bewährungsprobe

13:45 

Der potomkinsche Express-Bus - langsam und unbequem

12:48 

Politischer Karneval und Menschenkette um den Kreml

12:15 

Chodorkowski gewinnt Gerichtsverfahren gegen Lagerchef

11:01 

Gemeinsam frieren: Dauer-Eiszeit in Russland und Europa

09:12 

Nach Überfall - Siegerin bei Präsidentenwahlen im Koma

01:01 

Russland Geschichte: Pasternak geboren

Donnerstag, 9. Februar
18:45 

KHL: Hockeyclubs fliegen nur noch mit Airbus und Boeing

18:17 

Putin will freie Januartage auf Anfang Mai verschieben

17:24 

Gorbatschow möchte Wählerliga anführen, soll aber nicht

16:37 

Putin plant patriotisches Meeting mit 200.000 Menschen

15:55 

Skepsis gegen schweizer Riesenpaar Glencore-Xtrata

15:18 

Fußball: Spalletti verlängert Vertrag bei Zenit SPb.

14:01 

Super-Flugzeugträger: Kosmos- und Unterwasser-Einsatz

11:40 

Präsidentenwahl: für Putin 28, für Sjuganow 22 Prozent

10:26 

Neue Atom-U-Boote und Atomraketen für Russland in 2012

09:02 

Noch ein Moskauer Jugendlicher springt in den Tod

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU
[Alt-Text]

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com