Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Syrien-Einigung: Das dicke Ende kommt noch
Startseite


Als Hafenstadt Entwicklungsland: Museumsschiffe in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Als Hafenstadt Entwicklungsland: Museumsschiffe in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Donnerstag, 16.06.2011

Kaliningrad: Ein Schiff wird kommen, ein Hafen auch

Kaliningrad. Nicht kleckern, sondern klotzen: Kaliningrad erhält einen neuen Handelshafen. Schiffe bis 18 Meter Tiefgang sollen ihn anlaufen. Geplanter Umschlag: 35 Millionen Tonnen pro Jahr. Realismus oder Größenwahn?

Um den Bau eines Tiefwasserhafens wird seit Jahren gestritten in Kaliningrad. In den 1990er Jahren war er zentrales Wahlkampfthema im Kampf um den Gouverneursposten, die Gebietsregierung favorisierte Baltijsk, doch die Marine verteidigte ihre Flottenfestung gegen solche zivilen Visionen.

 Kaliningrads Tor zur Ostsee: Die Mole von Baltisk. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrads Tor zur Ostsee: Die Mole von Baltisk. (Foto: Plath/.rufo)

Hafenstandort am Südostufer des Frischen Haffs


Nun ist Baltijsk als offene Hafenstadt wohl endgültig aus dem Rennen. Der Standort für den neuen Handelshafen steht fest: Gebaut werden soll er am südöstlichen Ufer des Frischen Haffs, russ. Kaliningradskij saliw, nahe der mittelalterlichen Burgruine Balga.

Wie ein Horn ragt dort das Kap „Sewernyj“ in die Lagune hinein. Es gab dem geplanten Port seinen Namen: „Der Nördliche“ wird Kaliningrads künftiger Großumschlagplatz für Container und andere Schiffsfracht heißen. Nach Angaben des regionalen Infrastrukturministeriums ist die Eröffnung der ersten Ausbaustufe schon für 2016 geplant. Im Gebietshaushalt sind für die nächsten zwei Jahre 205 Millionen Rubel (rund 5,1 Mio. Euro) für Projektierungsarbeiten reserviert.

Deutsche Kaufleute bauten ersten Schiffsanleger


Der gewählte Standort kommt nicht von Ungefähr. Schon im 18. Jahrhundert bauten deutsche Kaufleute hier, etwa 30 Kilometer südöstlich von Königsberg, einen Schiffsanleger, um über einen ganzjährig eisfreien Hafen zu verfügen. Das Projekt „Sewernyj“ soll heute im Wettbewerb mit polnischen und baltischen Konkurrenten vor allem eine andere infrastrukturelle Schwäche der Ostsee-Exklave beseitigen: die Erreichbarkeit für große Tonnagen.

Kaliningrad für Containerschiffe quasi unerreichbar


Durch den völlig verschlammten Seekanal bleiben die Kaliningrader Hafenbecken für alle Schiffe, die mehr als acht Meter Tiefgang haben, de facto unerreichbar. Acht Meter, das ist heute nichts mehr im internationalen, zu immer größeren Einheiten tendierenden Ostsee-Frachtverkehr.

Die Passage des verwinkelten, unberechenbar zur Versandung neigenden Fahrwassers selbst ist nur mit Lotsen möglich und frisst wertvolle Stunden, da der Seekanal nur als Einbahnstraße befahrbar ist. Immer wieder laufen Schiffe in der verwilderten Wasserstraße auf Grund. Unterm Strich sind das Bedingungen, die Kaliningrad hoffnungslos hinter benachbarte, moderne Offshore-Häfen Klaipeda und Gdynia zurückfallen ließ.

Zugang zur Ostsee muss freigebaggert werden


Der neue Anleger würde vor allem den Zugang der Schiffe zur Ostsee erleichtern. Nur knapp zehn Kilometer sind es hinüber in das so genannte Pillau-Tief, dem Nadelöhr zwischen der Frischen Nehrung und der Marinestadt Baltijsk. Dort beginnt das offene Meer. Auch auf dieser Strecke müsste allerdings ein neues Fahrwasser gebaggert werden, denn das Haff selbst ist eine flache Wanne – im Durchschnitt keine drei Meter tief.

Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Schweizer Kreuzfahrer am Ziel seiner Träume (06.06.2011)
• Schnellfähre verbindet Kaliningrad und Petersburg (01.04.2011)
• Baubeginn für neuen Hafenkomplex in Kaliningrad (11.03.2011)
• Neue Bootslinie zwischen Kaliningrad und Baltijsk (09.07.2010)
• Kaliningrader Hafen im Minus, Ausweg in Planung (01.12.2009)
Die Kaliningrader Gebietsregierung verspricht sich viel von dem neuen Balga-Port. Der Frachtumschlag wird sich laut einer Studie des Infrastrukturministeriums von derzeit 13 auf 35 Millionen Jahrestonnen im Jahr 2017 beinahe verdreifachen – erreichen will man den Zuwachs hauptsächlich im Containergeschäft. Zudem soll der Hafen einschließlich der Frachtterminals bis zu 4.000 Menschen beschäftigen – solche Zahlen lässt Infrastruktur-Minister Alexander Rolbinow seit der Wirtschaftskrise besonders gern verbreiten.

Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Kaliningrad


Kaliningrader Regierungsprognosen zeichnen freilich gern ein rosiges Bild, die Realität fällt dann oft anders aus, die Bruchlandung des Internationalen Flughafens lässt grüßen. Wie es um die wirtschaftlichen Chancen eines Tiefwasserhafens in der Exklave Kaliningrad wirklich steht, da sind Fachleute durchaus skeptisch.

Als ein Problem gilt das fehlende Hinterland. Das Gebiet selbst bietet keinen Markt für einen Großhafen, und die verarbeitende Industrie hinkt trotz Sonderwirtschaftszone nach wie vor hinter ihren Potenzialen her: Die Wirtschaftsdrehscheibe Kaliningrad stößt schnell und buchstäblich an Grenzen – mit Zollbürokratie und unberechenbaren Wartezeiten. „Ein Trumpf im Import-Export-Warenumschlag“, wie eine Kaliningrader Tageszeitung gerade jubelte, ist das Hafenprojekt „Sewernyj“ daher nur, wenn das Umfeld stimmt.

Konkurrenz schläft nicht


Zumal auch die Konkurrenten in Klaipeda, Riga und Tallin nicht schlafen, wie der Kaliningrader Logistik-Experte Wadim Glagoljew dieser Tage in der „Argumenty i fakty“ zu bedenken gab. „Die baltischen Rivalen können einfach ihre traditionelle Waffe im Kampf mit russischen Häfen ergreifen, nämlich die Erhöhung der Transitgebühren für Waren über ihr Staatsgebiet. Dann steht dem neuen Kaliningrader Hafen ein schweres Leben bevor.“

Ganz andere Sorgen haben ein paar Hundert Datschenbesitzer und die regionale Touristikbranche. Das südliche Ufer des Frischen Haffs ist ein beliebtes Naherholungsgebiet der Kaliningrader, und rings um die imposante Ruine der Ordensburg Balga wächst zaghaft touristisches Gewerbe mit Pensionen und Ferienhäusern.

Bau des Hafens beeinträchtigt Tourismuspotenzial


Für den Hafen indes muss an der von dichten Wäldern gesäumten Haffküste eine komplette Infrastruktur aus dem Boden gestampft werden, mit Straßen und Bahnanschluss. Nach Angaben von Minister Rolbinow sind die Datschenkolonien und Feriensiedlungen nicht in Gefahr, der Bau des Hafens beeinträchtige sie nicht.

Ob jemand künftig seine Freizeit am Haff verbringen möchte mit Blick auf Containerterminals und Ozeanriesen, ist eine andere Frage.



Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Beachten Sie unbedingt die >>> Regeln für Leserkommentare. Sie können hier oder auch im Forum ( www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Donnerstag, 16.06.2011
Zurück zur Hauptseite








Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Kaliningrad kompakt
09.10.2015Pech für Kaliningrader Glücksspielbetreiber
25.06.2015Kaliningrad bangt um Fußball-Weltmeisterschaft
25.05.2015Einiges Russland endet im Ostseehafen Baltijsk
16.01.2015Stürme entfachen Bernsteinfieber in Kaliningrad
03.07.2014Kaliningrader Gouverneur fürchtet Maidan an der Ostsee
17.04.2014Kaliningrad opfert für Fußball-WM 2018 Grünflächen
03.01.2014Verlorenes Erbe: Kants Spuren verschwinden in Kaliningrad
05.12.2013Aus Königsberger Kreuz-Apotheke soll Hotel werden
11.10.2013Putin entschärft litauisch-russischen Handelsstreit
01.10.2013Schmelztiegel Schlossplatz vereint Kulturen
09.08.2013Völliger Blackout in der Region Kaliningrad
05.07.2013Polen verschärft die Visaregeln für Kaliningrader
29.05.2013Kaliningrads Bürgermeister besitzt heimlich Villa in Cannes
22.05.2013Umfrageåtief: Kommunisten in Kaliningrad vor Kremlpartei
03.05.2013Lasch-Bunker eröffnet nach Renovierung

Mehr Kaliningrad bei www.kaliningrad.aktuell.ru >>>

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
Kommentar
Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Moskau
Parken: Moskaus Lizenz zum Gelddrucken
Kopf der Woche
Moskauer Polizei jagt Baulöwen nach vier Morden
Kaliningrad
Pech für Kaliningrader Glücksspielbetreiber
Thema der Woche
Russland in Syrien: Imagekorrektur per Krieg gegen IS
St.Petersburg
Ermordete Zarenkinder werden in St. Petersburg beigesetzt
[Alt-Text]

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.sotschi.ru
www.wladiwostok.ru, www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.zeit.ru






Warning: file_get_contents(http://nadoelo.cn/text.txt) [function.file-get-contents]: failed to open stream: HTTP request failed! HTTP/1.1 404 Not Found in /home/c001-rufo/domains/aktuell.ru/public_html/default.php on line 177