Ist die Zukunft des Bernsteins so leuchtend wie er selbst? (Foto: Plath/.rufo)
Montag, 28.07.2008
Kaliningrad – Bernsteinindustrie vor Aufschwung?
Kaliningrad. Leuchtende Zukunft für den Bernstein in Kaliningrad? Die Boos-Verwaltung will die Bernstein-Industrie massiv ausbauen. Die Gewinne sollen steigen, die Schmuggelmafia ausgebremst werden. Realistisch?
Ausbauen, umbauen, strenger kontrollieren: Mit der Bernstein-Industrie in Russlands Ostsee-Exklave hatte in den letzten Jahren noch jede Kaliningrader Gebietsverwaltung ihre leuchtenden Zukunftspläne. Nun legt, auch schon nicht zum ersten Mal, die Regionalregierung von Gouverneur Georgi Boos neue Soll-Zahlen vor.
Umsatz und Steuereinnahmen sollen auf das Fünffache steigen
Bis 2011 soll der Umsatz von Rohbernstein und den daraus veredelten Erzeugnissen im Gebiet Kaliningrad von derzeit 600 Mio. Rubel (16,6 Mio. Euro) auf 3,1 Milliarden Rubel (86,1 Mio. Euro) gesteigert werden. Das geht aus einem „Programm zur Entwicklung der regionalen Bernstein-Industrie“ vor, das die Gebietsregierung dieser Tage vorstellte.
Parallel zum wachsenden Ertrag im Geschäft mit dem Gold der Ostsee ist in dem Entwicklungsprogramm auch von kräftigen Steuermehreinnahmen die Rede: Künftig sollen statt der bisherigen 90 Millionen jährlich fast 470 Millionen Rubel in den Gebietshaushalt strömen, zudem geht die Boos-Regierung davon aus, dass der Aufschwung im Kaliningrader Bernsteingewerbe 3.000 neue Arbeitsplätze schafft.
„Europas Bernsteinmetropole“
Das Programm könne sogar schon erste Erfolge verbuchen, jubelt brav die Zeitung Königsberger Express: „Erzeugnisse Kaliningrader Bernsteinschnitzer erobern neue Positionen auf dem Innen- und Weltmarkt.“ Auch im Kulturbereich sei mit positiven Wandlungen zu rechnen.
„So gilt das Bernsteinmuseum jetzt schon als eine der wichtigsten Touristenattraktionen der Stadt, die den Status einer Bernsteinmetropole Europas anstrebt.“ Bernsteinmetropole. Darunter macht man’s nicht im neuen, aufstrebenden Kaliningrad.
Zwischen Wunschdenken und Realität
Doch jenseits des in Wirklichkeit reichlich verstaubten Amber-Museums und weltmarkterobernden einheimischen Schmuckherstellern ist die Realität der Bernstein-Branche in der Region Kaliningrad eine andere, und daran hat bislang noch kein Regierungsprogramm etwas geändert.
Bernsteingrube in Jantarny. In Kaliningrad liegen die weltweit größten Bernsteinvorkommen (Foto: Plath/.rufo)
Allein die mehrfache Privatisierung, Wiederverstaatlichung und Umstrukturierung des Bernsteinkombinates in Jantarnyj (Palmnicken) mit zwischenzeitlichen Betriebspleiten ließ die Förderung im weltweit einzigen Bernsteintagebau bis Ende der 1990er Jahre von einst rund 700 Tonnen Rohbernstein pro Jahr auf einen Bruchteil der Kapazität schrumpfen, zeitweise wurde offiziell gar kein Bernstein mehr gefördert.
Illegaler Abbau floriert
Dafür floriert der illegale Abbau an der samländischen Bernsteinküste und ihrem Hinterland umso blühender. Hunderte Schwarzgräber buddeln sich auf oft lebensgefährliche Weise in die bernsteinführende so genannte „Blaue Erde“ hinunter und versorgen über ein Netz von privaten Aufkäufern die Branche mit Rohstoff.
Nahe des Seebades Selenogradsk (Cranz), wo Geologen besonders reiche Bernsteinvorkommen geortet haben, nahm der illegale Abbau vor einigen Jahren sogar schon industrielle Züge an: Schwere Bagger schaufelten dort riesige Gruben in die Landschaft – offiziell beantragt worden war der Bau von Fischzuchtteichen.
Begehrte Schmuggelware
Auch der Schmuggel von Rohbernstein über die Kaliningrader Grenzen läuft seit Jahren wie geschmiert. Obwohl der Zoll seine Kontrollen angeblich verschärft hat, immer wieder einmal einen ertappten Schmuggler auf spektakuläre Weise präsentiert und mit beschlagnahmter Schmuggelware immerhin die Fertigstellung der Bernsteinzimmer-Kopie in St. Petersburg unterstützte, dürften nach wie vor jährlich etliche Tonnen des Sonnensteins illegal außer Landes verschwinden. Ein Entwicklungsprogramm braucht diese Branche nicht mehr.
Es reicht für alle
Doch jetzt soll alles besser werden. Zunächst müsse die illegale Förderung unterbunden werden, erklärt Georgi Boos, der mafiös organisierten Szene kündigt der Gouverneur einen harten Kampf an. Zudem plädiert der Gebietschef für eine „Umorientierung des Bernbsteinabsatzes vom Außen- auf den Innenmarkt“. Soll heißen, der Bedarf der eigenen regionalen verarbeitenden Gewerbes hat künftig Priorität vor dem Export.
Wie auch immer: Rohstoff ist noch zur Genüge vorhanden, und er wird in der bernsteinreichsten Region der Welt auch noch eine Weile reichen. Geologen beziffern die Bernsteinvorräte längs der samländischen Küste vorsichtig auf etwa 300.000 Tonnen.
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Der sibirische Frost hat auch Kaliningrad fest im Griff: Der Meteorologische Dienst sagt für das Wochenende Temperaturen von bis zu -30 Grad voraus. Im Ostseebad Selenogradsk ist man dann bereits nah am historischen Kälterekord: Am 25. Januar 1942 waren hier minus 33,1 Grad gemessen worden. ( Topfoto: Plath/.rufo)