Das wertvolle Ostseegold verlockt zu illegalen Transaktionen. (Foto: Plath/.rufo)
Freitag, 06.11.2009
Kaliningrad – Bernstein zwischen Tagebau und Schmuggel
Kaliningrad. Die Bernsteinbranche im Gebiet Kaliningrad exportiert mehr Rohstoff, als sie offiziell zutage fördert – ein Widerspruch, der jetzt die Steuerfahnder auf den Plan gerufen hat.
Ein seltsamer Fall von Planübererfüllung beschäftigt derzeit die Kaliningrader Rechtschutzbehörden. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres sind im Tagebau des Bernsteinkombinats Jantarny (Palmnicken) offiziell rund 200 Tonnen des „Ostseegoldes“ abgebaut worden.
Nach Angaben des Zolls wurden im gleichen Zeitraum aber bereits 450 Tonnen Bernstein ausgeführt. Da Bernstein, auf russisch Jantar, hierzulande als Edelstein klassifiziert ist, seine rohstoffliche Förderung also dem Staatsmonopol unterliegt, haben die Fahnder nun ein Problem:
Entweder fälscht das Kombinat seine Abbauzahlen, oder der Export des begehrten Rohstoffs wird maßgeblich von Schmuggelware bestimmt.
Blühende Schattenwirtschaft
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Gefördert wird an der russischen Bernsteinküste viel mehr, als die offiziellen Zahlen des Jantarny-Staatskonzerns darstellen.
Rings um den legendären Sonnenstein blüht ein Gewerbe, in dem legale Wirtschaft und dunkle Geschäfte nur schwer voneinander zu unterscheiden sind.
Die berühmten Bernsteinfischer arbeiten oft ohne Lizenz. (Foto: Plath/.rufo)
Viele private Bernsteinkünstler – registriert sind in Kaliningrad und den Küstenorten etwa 180 – fischen sich ihren Rohstoff im Herbst und Winter mit Keschern aus der stürmischen Ostseebrandung – nach alter Sitte, doch oft illegal.
Denn sie brauchen eine Lizenz dafür. Weil die kaum einer kriegt, kauft man halt offiziell einen Teil des Urzeitharzes im staatlichen Kombinat in Jantarny – um die Herkunft seiner Ware nachweisen zu können.
Alles eine Frage der „Vermarktung“
Ähnlich läuft es mit den vielen illegalen Grabungen, von denen es auf der samländischen Halbinsel zahllose gibt. Hier sorgt ein organisiertes System von privaten Aufkäufern, den Skuptschiki, für Absatz, der Rohbernstein landet direkt auf dem Schwarzmarkt.
Die genaue Menge des jährlich an der Kaliningrader Bernsteinküste geförderten Ostseegoldes kann daher nur vage geschätzt werden – Fahnder gehen davon aus, dass es illegal mindestens noch einmal soviel ist, wie die Staatsbagger legal im Tagebau von Jantarny aus dem Glaukonit, der berühmten „blauen Erde“, wühlen.
Bewacht wie ein militärisches Objekt - der Bernstein-Tagebau in Jantarny/Palmnicken. (Foto: Plath/.rufo)
Zu deutscher Zeit lag die jährliche Fördermenge des seit 1912 im Tagebau abgebauten Rohbernsteins im damaligen Palmnicken bei 700 Tonnen pro Jahr – fast 95 Prozent der gesamten Weltproduktion.
Diese Menge hielt das Werk auch die sowjetische Zeit über, erst in den wilden 1990er begannen die Zahlen immer stärker einzubrechen. Zufall? An Bernstein, bestätigen Fachleute, mangelt es nicht. Es scheint eher eine Frage der „Vermarktung“ zu sein.
Vor Ort, in der Grube, ist schwer zu prüfen, wie ergiebig die Ausbeute nun wirklich ist. Trotz schwerer Bewachung – der etwa 60 Meter tiefe Tagebau ist gesichert wie militärisches Sperrgebiet – blüht der Schmuggel von Rohbernstein.
Besonders begehrt sind die großen Brocken. Alles jenseits von 200 Gramm bringt richtig Geld: Bis zu fünf Dollar pro Gramm, abhängig von Farbschlag und Reinheit.
Nur die Spitze des Bernsteinberges
Gerade diese Klunker sind auch im Bernsteingewerbe des Auslands begehrt. Rohbernstein für die verarbeitenden Werkstätten und Juweliere kommt in Europa fast ausschließlich aus Kaliningrad, und nicht immer geschieht das legal:
Immer wieder gehen dem Zoll an den Grenzübergängen spektakuläre Fälle ins Netz, jüngst ein Kleintransporter, der fast 60 Kilogramm Rohbernstein bester Schmuckqualität in den Seitenwänden versteckt hatte.
Doch es ist nur die Spitze des Bernsteinberges. Zollfahnder schätzen, dass pro Jahr über hundert Tonnen Jantar über die Grenzen der russischen Bernstein-Exklave in das Ausland geschmuggelt werden.
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Der sibirische Frost hat auch Kaliningrad fest im Griff: Der Meteorologische Dienst sagt für das Wochenende Temperaturen von bis zu -30 Grad voraus. Im Ostseebad Selenogradsk ist man dann bereits nah am historischen Kälterekord: Am 25. Januar 1942 waren hier minus 33,1 Grad gemessen worden. ( Topfoto: Plath/.rufo)