 |
|
| Am Strand von Jantarny (foto: jm/rufo) | |
Freitag, 24.06.2005
Hungerstreik im Bernsteinkombinat
Kaliningrad. Bis zu 250 Arbeiter des Bernsteinkombinats in Jantarny sind in den Hungerstreik getreten. Sie fordern ein fünf- bis sechsfach höheres Gehalt und die Zulassung ihrer neu gegründeten Gewerkschaft.
|
|
Heute ist der vierte Tag des Protestes. Die Hungernden haben Zelte direkt vor dem Eingang des Tagebaus aufgeschlagen. Die Produktion steht praktisch still. Zwei Männer mussten wegen zu hohen Blutdrucks schon ins Krankenhaus eingeliefert werden. Doch die Arbeiter wollen weiter machen. Sie wollen höhere Löhne und eine neue Betriebsführung. Dem amtierenden Direktor Waleri Ustinow sprachen sie ihr Misstrauen aus.
Fradkow als Schlichter?
Der wiederum will sich nicht erpressen lassen. Verhandlungen über Gehaltserhöhungen könne es erst nach dem Abbruch des Hungerstreiks geben, sagte Ustinow. Allerdings erkennt er die von den Arbeitern gebildete neue Gewerkschaft nicht an. Die Regionalduma von Kaliningrad forderte inzwischen sogar Premier Michail Fradkow auf, den Streit zu schlichten. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass der Betrieb still stehe.
Die Betriebsführung nahm gegenüber aktuell.ru zu den Forderungen der Arbeiter Stellung: „Tatsächlich ist die Bezahlung im Mai niedriger gewesen als sonst um diese Jahreszeit üblich”, bestätigt der Pressesprecher des Unternehmens, Andrej Gorjatschow. “Die Fördersaison hat dieses Jahr später begonnen als geplant”, erklärt er die Umstände. Im Winter, wenn die Arbeiter mit Reparaturarbeiten und Instandhaltung beschäftigt sind, verdienen sie zwischen 3.000 und 4.000 Rubel (85 – 115 Euro). Das Durchschnittseinkommen im Gebiet Kaliningrad liegt bei etwa 5.000 Rubel (140 Euro).
Etwa 1.000 Menschen arbeiten in dem weltweit einzigen Bernstein-Förderkombinat. Die Arbeit ist schwer, die Technik veraltet. Der Betrieb steht vor großen finanziellen Schwierigkeiten. Ein Schuldenberg von drei Millionen Euro lastet auf dem Unternehmen. Eigentlich sollte die Sparte Schmuckverarbeitung verkauft werden, um die Schulden zu bezahlen, doch bislang ist noch nichts geschehen.
Leben vom illegalen Bernsteinverkauf
Dennoch ist seit zwei Jahren eigentlich vieles besser geworden. “Die Löhne sind regelmäßig erhöht worden und wir zahlen auch rechtzeitig”, sagt Gorjatschow. Doch die Arbeiter sehnen sich die alten Zeiten zurück. Zwar war die Bezahlung mit 1.000 Rubeln miserabel und blieb manchmal sogar aus, doch die Arbeiter nahmen einen Teil ihrer “Ernte” mit. Die “Tränen der Götter”, wie Ovid einst Bernstein nannte, ernährten die Belegschaft.
So arm seien die Arbeiter nicht, versichert dann auch ein lokaler Journalist. Viele von ihnen haben sich ein Landhaus gebaut von dem Geld, das sie durch den illegalen Bernsteinverkauf einnahmen.
|
Doch die Zeiten sind vorbei. Inzwischen steht eine Wache am Ausgang des Tagebaus. “Wir erlauben ihnen nicht mehr zu stehlen”, sagt Gorjatschew. Auch gegen die Wache hatten die Arbeiter protestiert. Um sie von den illegalen Geschäften abzubringen, reichen die bisherigen Lohnerhöhungen nicht aus. Allerdings soll Direktor Ustinow zumindest inoffiziell schon ein neues Lohnschema vorgeschlagen haben. Vielleicht verdienen die Angestellten des Betriebes dann ja genug, um zumindest normal leben zu können.
(ab/.rufo)
|
|
|
|
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>