Freitag, 27.01.2012

Grüner Korridor an der visafreien Grenze nach Polen

Momentan sind die Spuren eher weiß: Der Grenzverkehr in Mamonowo ist im Winter spärlich (Foto: tp/.rufo)
Kaliningrad. An den Grenzübergängen nach Polen soll ein „grüner Korridor“ eingerichtet werden für Reisende, die nichts zu verzollen haben. Wegen des visafreien Grenzverkehrs werden die Warteschlangen alsbald lang.
Russland und Polen führen im Juni erstmals den freien Grenzverkehr ein. Künftig brauchen die Bewohner des Kaliningrader Gebietes sowie der polnischen Grenzregion von Masuren bis Danzig (Gdansk) kein Visum mehr, um die Grenze zu überqueren. Im Juni soll es offiziell losgehen.

Grenzbehörden und Zoll rechnen mit einem starken Anstieg der Grenzpassagen. Schon jetzt fahren Polen und Kaliningrader gern in das jeweilige Nachbarland, um dort einzukaufen, was jenseits der Grenze günstiger ist: Die Russen decken sich in Braniewo, Elblag und Danzig mit Lebensmitteln ein. Die polnischen Grenzlandbewohner tanken auf der russischen Seite, was an Billigsprit nur hineinpasst in die Benzinbehälter.

Nichts zu verzollen - auf die grüne Spur


Darum droht es vor den Schlagbäumen bald wieder zu Warteschlangen wie in den 1990er Jahren zu kommen. Um das zu vermeiden, will man bis zur Öffnung des visafreien Grenzverkehrs in Mamonowo-2 einen „grünen Korridor“ einrichten – für Reisende, die keine zu deklarierenden Waren mit sich führen, wie Alexander Kotschnow, Chef des Kaliningrader Gebietszollamtes, erklärt. „Wir wollen damit die Durchlasskapazität erhöhen. Die Kontrollen auf dem grünen Korridor werden nur wenige Minuten dauern.“

Die Einrichtung einer separierten Spur für Reisende, die nichts zu verzollen haben, sieht Kotschnow nicht nur in Hinblick auf kleine polnisch-russische Visafreiheit als notwendig an, sondern auch wegen der Fußball-EM, die im Sommer in Polen und der Ukraine ausgetragen wird.

„Der visafreie Grenzverkehr soll bis dahin eröffnet sein, das ist ein festes Ziel beider Seiten. Es ist also damit zu rechnen, dass viele Kaliningrader zu den EM-Spielen nach Gdansk fahren möchten. Ein grüner Korridor wird helfen, Engpässe an der Grenze zu vermeiden.“

Nichts Neues: Eine Spur für Schmuggler


Wer’s glaubt, wird selig. Alle, die die polnisch-russischen Grenzübergänge der Exklave regelmäßig überqueren, haben erlebt, dass die „Nothing to declare“-Sonderspuren kaum Zeitersparnis brachten – denn neu ist diese Erfindung nicht. Die Abfertigung dauerte hier in der Regel fast genauso lange, zumal auch Benzintouristen und Zigarettenschmuggler die grüne Spur nutzten: Offiziell zu verzollen haben auch die nichts.

Und wer die Position und den Einfluss hätte, etwas an den Zuständen und Regelungen zu ändern, musste an den Schlagbäumen noch nie warten: Für Menschen mit Geld und Macht gibt es an russisch-polnischen Grenzkontrollstellen eine VIP-Spur. Auf ihr geht es wirklich zügig. Auch Mamonowo-II hat so einen Korridor, auf dem eigentlich nur noch der Rote Teppich fehlt. Doch Reisende, die sich in die Champagner-Spur verirren, werden von den Schrankenwärtern der Staatsgrenze barsch zurückgejagt.

Webcams für die Warteschlangen



Sinnvoller für das normale Volk scheint daher eine Investition, auf die sich die polnischen und russischen Grenzbehörden einigten, als sich das seit einem Jahr laufende Abstimmungsgezerre um den grünen Korridor noch zu einer unendlichen Geschichte auszuwachsen schien: Webcams. Damit soll künftig jedermann vor Reiseantritt im Internet selbst sehen können, wie lang die Warteschlange gerade ist.

Im polnischen Elblag leuchten auf der großen Kreuzung am Stadtrand, von der die Zufahrtstraße nach Grzechotki abzweigt, bereits Digitalanzeigen: die Anzahl der am Grenzübergang wartenden Autos.