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Eines der wenigen erhaltenen historischen Gebäude in der Innenstadt von Kaliningrad ist die Börse - das Spielcasino (Foto: Plath/.rufo)
Eines der wenigen erhaltenen historischen Gebäude in der Innenstadt von Kaliningrad ist die Börse - das Spielcasino (Foto: Plath/.rufo)
Sonntag, 05.07.2009

Glückspielzone Kaliningrad - Las Vegas an der Ostsee

Kaliningrad. "Rien ne va plus": Nichts geht mehr. Ab 1. Juli ist Glückspiel in Russland verboten – ausser in vier Sonderzonen. In Kaliningrad machten 41 Casinos und Spielhöllen dicht. 3000 Angestellte verloren ihren Job.

Nur in vier speziellen Zonen soll das Glückspiel in Russland künftig noch legal sein, unter anderem in Wladiwostok, Rostow und in der Altai-Region. Das westlichste dieser Zocker-Reservate plant Moskau in der Exklave Kaliningrad (Königsberg) aus dem Boden zu stampfen: "Jantarnaja", ein russisches Las Vegas an der Ostsee mit Dutzenden Luxushotels, Casinos und Vergnügungstempeln. Vorsichtige Kostenschätzung: 11 Milliarden Euro.

Bislang freilich ist das alles blanke Illusion. Rings um das Dorf Powarowka nahe der Bernsteinstadt Jantarny 40 Kilometer nordwestlich von Kaliningrad, wo nach den ursprünglichen Plänen der Putin-Regierung längst die ersten Roulettekugeln rollen sollten, wachsen nur Kamille und wilde Lupinen auf brachliegenden Feldern. Wer es schafft, mit dem Auto auf dem einzigen völlig zerfahrenen Weg bis nach Powarowka vorzudringen, trifft auf Verwahrlosung und Verfall.

Ob und wann Powarowka-City, Russlands glitzerndem Glückspiel-Reservat an der Ostsee entsteht, steht in den Sternen. Die Gebietsregierung hat gerade erst begonnen, die Erschließung des 500-Hektar-Areals auszuschreiben – obwohl das Gesetz über die Glückspielzonen schon vier Jahre alt ist.

Protest-Allianz von Kirche bis Kommunisten


Ginge es nach den Kaliningradern, finge man mit dem Bau gar nicht erst an. Das Milliarden-Projekt ist hochumstritten, und eine Protestbewegung, die in bizarrer Allianz selbst so gegensätzliche Kräfte wie Kirche und Kommunisten eint, kämpft mit Demos und Medienaktionen gegen die Casinostadt an der Bernsteinküste an.

Vor allem die strenge Russisch-Orthodoxe Kirche schäumt. "Glücksspiel ist Teufelswerk", wetterte Patriarch Kyrill I., schon als er noch Metropolit von Smolensk und Kaliningrad war. "Überall, wo diese Branche sich niederlässt, ist die organisierte Kriminalität im Spiel. Geldwäsche, Prostitution, alles so etwas. Wir lehnen das entschieden ab."

Bei Russland-Aktuell
• Nichts geht mehr: Russlands Casinos schließen heute (30.06.2009)
• Moskauer Chinesenmarkt: Kampf um Macht und Milliarden (30.06.2009)
• Einarmige Banditen nach Minsk, Geldwaschanlagen bleiben (08.06.2009)
• Kaliningrad: Der Traum von "Las Vegas" speckt langsam ab (15.08.2008)
• Kaliningrad: Glücksspielzone scheidet die Geister (26.01.2008)

Glückspielwirtschaft zur Schattenmacht ausgewachsen


Die Glückspielwirtschaft, Jahresumsatz 2008 nach verschiedenen Schätzungen zwischen 3,6 rund 5,5 Milliarden US-Dollar, ist in Russland zu einer Macht gewachsen. Die Bosse der Branche halten sich für unantastbar. Ganze Wirtschaftszweige, etwa die Luxus-Hotellerie, sind in der Hand von Glückspielmagnaten. Umso mehr fürchten viele Kaliningrader, zum russischen Sündenbabel zu werden, zur Spielwiese der Casino-Clans.

Doch soweit ist es noch nicht. Vorerst beklagt die Branche das Glückspiel-Verbot. Auch die Kaliningrader Gebietsregierung hätte das Zocken wohl gern weiter erlaubt.

Wirtschaftministerin Alexandra Smirnowa hatte in ihrer Pressekonferenz am Mittwoch dazu eine Zahl parat: Der Regionalhaushalt werde jährliche Einnahmen von 300 Millionen Rubel (etwa 7,5 Millionen Euro) verlieren. Casino-Bosse sind halt auch brave Steuerzahler.

Thoralf Plath



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