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| Abschied nach drei Jahren Kaliningrad: Deutschlands Generalkonsul Guido Herz (Foto: Plath/.rufo) | |
Mittwoch, 06.08.2008
Generalkonsul Herz: Aufschwung in Kaliningrad hält an
Kaliningrad. Guido Herz, scheidender deutscher Generalkonsul in Kaliningrad, sieht großes Potenzial für die russische Ostsee-Exklave. Sonderwirtschaftszone und steigendes Interesse aus Moskau sorgen für den Aufschwung.
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„Kaliningrad hat große Perspektiven und wird sich die Chancen, die es durch seine besondere Lage hat, nicht entgehen lassen", sagte der Diplomat in einem Interview mit der Tageszeitung „Kaliningradskaja Prawda“. Vor allem der nun gesetzlich festgeschriebene Status einer Sonderwirtschaftszone mit seinen Steuererleichterungen und der Möglichkeit, Kaliningrad als Produktionsstandort und zugleich als Sprungbrett für den riesigen russischen Markt zu nutzen, ziehe zunehmend das Interesse der westlichen Wirtschaft auf das Gebiet an der Ostsee.
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Zudem sei Moskau im Gegensatz zu den 1990er Jahren, inzwischen stark daran interessiert, die Exklave zu entwickeln und investiere gewaltige Mittel in den Ausbau der Infrastruktur. „Alles, was Kaliningrad heute an wirtschaftlichen Erfolgen hat, ist in den letzten Jahren entstanden. Und das ist erst der Anfang, wenn man die Entwicklungspläne und die diversen Projekte sieht. Das lässt für einen dauerhaften Aufschwung hoffen.“
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„Einen schlechten Ruf hat man leicht" Zugleich räumte der Diplomat - durchaus zu seinem Bedauern - ein, dass das Gebiet Kaliningrad im Westen nach wie vor unter einem schlechten Image leide. Da wirke das Bild des ehemaligen sowjetischen Militärsperrgebietes mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, den Verwüstungen und sozialen Krisen der 90er Jahre nach:
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„Einen schlechten Ruf hat man leicht erworben, ihn loszuwerden, dauert lange. Gouverneur Georgi Boos hat inzwischen mit mehreren Präsentationen des Gebietes Kaliningrad begonnen daran zu arbeiten, das Kaliningrad-Bild im Ausland zu verbessern, speziell in Deutschland, aber auch in Holland, in Schweden. Doch ein paar Präsentationen sind natürlich noch nicht genug. Da kann man nicht hoffen, dass zum Beispiel sogleich die Investoren kommen und hier Schlange stehen", sagte Herz.
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Die Erwartungen der Öffentlichkeit sind daher seiner Meinung nach teilweise überzogen. „Hier muss man viel mehr auf einen langfristigen Effekt setzen, der setzt erst später ein. Aber er wird kommen."
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„Verwaltung nicht immer schnell und effektiv" Dass sich deutsche Unternehmen trotz der groß angelegten Werbe-Präsentationen, Motto „Kaliningrad öffnet sich", mit Investitionen in Russlands EU-Enklave nach wie vor vergleichsweise zurückhalten, liegt nach Meinung des Generalkonsul nicht nur am düsteren Erb-Image Kaliningrads aus den kriminellen Jahren der Jelzin-Ära. Auch aktuelles Abschreckungspotenzial für westliche Investoren gäbe es - allem voran die umständliche, schwerfällige Bürokratie.
„Ich schätze Gouverneur Boos und seine Arbeit sehr. Doch er muss leider mit einem Verwaltungsapparat auskommen, welcher nicht immer so schnell und effektiv arbeitet, wie es wünschenswert wäre", formulierte Herz diese Kritik im Interview reichlich diplomatisch.
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Willkürliche Bürokratie Was er meinte, ist klar - man kann es von so gut wie jedem deutschen Unternehmer in Kaliningrad hören, wenn auch nicht immer öffentlich: Die in ihren Strukturen undurchschaubare, untereinander oft verfeindete und sich gegenseitig regelrecht bekämpfende, entsprechend willkürlich agierende und in allen Ebenen von Korruption geprägte Verwaltungsbürokratie gilt mittlerweile als eines der größten Aufschwungshemmnisse in der russischen Boomregion an der Ostsee.
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Dennoch betonte Herz, der in den drei Jahren seiner Kaliningrader Amtszeit bei jeder Gelegenheit die positiven Änderungen und das in Fahrt gekommene Wirtschaftswachstum in der Kaliningrad-Exklave würdigte, dass auch die deutsche Wirtschaft ein immer größeres Interesse an Russlands westlichem Vorposten zeige. Aktuelle Beispiele wie der entstehende Produktionskomplex des Babynahrungsherstellers Hipp ständen für diese Entwicklung.
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„Eine der interessantesten Regionen Europas" Eines indes hätten die Bewohner des Kaliningrader Gebietes aus Deutschland ganz sicher nicht zu befürchten, betonte Herz: irgendwelche Ansprüche aus der Geschichte heraus. „In Deutschland gibt es nicht eine einzige bedeutende politische Figur, die eine Regermanisierung Kaliningrads möchte oder gar für eine Rückgabe an Deutschland eintritt.“
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Selbst die Ostpreußen hegten keinerlei Besitzansprüche mehr, betonte Herz, vielmehr seien sie am Aufbau der Stadt und des Gebiets oft aktiv beteiligt. „Ansonsten muss man eher sagen, dass der Großteil der Deutschen heute kein besonderes Interesse mehr für Kaliningrad empfindet. Das Thema Königsberg ist für sie beendet, im juristischen wie im emotionalen Sinne. Wer heute aus Deutschland nach Kaliningrad reist, dem gefällt es, einen so spannenden Ort zu erleben, an dem deutsche Geschichte und russische Gegenwart verschmelzen. Das Gebiet Kaliningrad ist so gesehen ganz sicher einer der interessantesten Regionen Russlands."
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Keine vierte baltische Republik Dass diese Region zu einer „vierten baltischen Republik" werden könnte, wie es in den heftigen Krisen und Notzeiten der 90er Jahre immer wieder als Entwicklungsperspektive diskutiert wurde, hält Guido Herz für ausgeschlossen.
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| Ärgernis Grenze: Visapflicht für beide Seiten (Foto: Plath/.rufo) | |
„Diese Gefahr besteht längst nicht mehr. Die Situation des Gebietes hat sich in den letzten Jahren grundlegend verbessert. Moskau weiß sehr wohl, was mit Kaliningrad zu tun ist, hat die Verbindungen verstärkt und lässt es trotzdem an der langen Leine. Die Perspektive als Pilotregion künftiger Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Europäischen Union ist der richtige Weg."
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„Wir versuchen, die Formalitäten zu verschlanken" Wie weit die Kaliningrader Wirklichkeit freilich noch von einer Pilotregion entfernt ist, zeigen die beiderseitigen Probleme mit der Visapflicht. Sowohl Westeuropäer, die nach Kaliningrad reisen wollen, als auch Bewohner des Kaliningrader Gebietes, die umgekehrt in die EU fahren wollen, müssen dazu Wochen vorher ein Visum beantragen - mit den entsprechenden bürokratischen Hürden und Ärgernissen.
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So kommen sich Ost und West auf Dauer wohl kaum näher. Das räumt auch der scheidende deutsche Chefdiplomat in Immanuel Kants alter „Stadt der reinen Vernunft" unumwunden ein - ohne freilich zu diesem Thema Neues in Aussicht stellen zu können. „Man kann nur hoffen, dass die Visapflicht irgendwann einmal auf hoher politischer Ebene abgeschafft wird. Wir versuchen, die Formalitäten des Visaverfahrens zu verschlanken, mehr können wir nicht tun.“
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| Als Provisorium inzwischen ausgedient: das Kaliningrader "Hotelkonsulat" (Foto: Plath/.rufo) | |
Vorwürfe, dass durch die Visapflicht „Menschenrechte der Kaliningrader verletzt“ würden, wies Herz zurück. Selbst die Frage der Transitverbindung Kaliningrads mit Kernrussland ist seiner Auffassung nach ein rein russisches, infrastrukturelles Problem.
Drei Jahre Herz für Kaliningrad Drei Jahre war Guido Herz in Kaliningrad als politischer Gesandter der Bundesrepublik tätig. Zu seinen größten Verdiensten zählt sicherlich die Eröffnung eines „vorläufigen" Visabüros, für das Herz persönlich in Berlin immer wieder Druck gemacht und sich letztlich durchgesetzt hatte: Mit großem Bahnhof und viel Applaus wurde das Visabüro im April 2007 in der ul. Leningradskaja 4 eröffnet. Bis dahin saß die Kosulatsmannschaft in einem Hotel, wo an das Ausstellen von deutschen Schengen-Visa nicht zu denken war.
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So wird man den energischen, dabei stets freundlichen und den Kaliningradern überaus freundlich gesinnten deutschen Diplomaten wohl noch vermissen, wenn er Ende August offiziell Kaliningrad verlässt, um seinen Dienst in Tansania anzutreten. Doch wiederkommen in die Stadt am Pregel wird Guido Herz, das ist wohl gewiss. Er hat hier gute Freunde gefunden.
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