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Im Modell sieht das AKW Kaliningrad so aus - fertig ist es erst ab 2016. (Foto: Plath/.rufo)
Im Modell sieht das AKW Kaliningrad so aus - fertig ist es erst ab 2016. (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 31.01.2012

Atomstrom aus Kaliningrad kommt frühestens ab 2017

Kaliningrad. Das im Nordosten der Exklave Kaliningrad entstehende Baltische Atomkraftwerk (BAES) geht später als geplant ans Netz. Es gibt Probleme mit der technischen Lizenz, und das sind nicht die einzigen.

Plangemäß sollte das 15 Kilometer südöstlich der Kreisstadt Neman (Ragnit) wachsende BAES bereits 2016 den ersten Strom liefern, doch daraus wird nun wohl nichts mehr. Wegen „einiger kleinerer Probleme bei der Erteilung der Lizenz“ werde man mit dem ersten Block erst ein Jahr später als geplant ans Netz gehen.

Darüber informierte Gennadij Wlassenko, Chef der Kaliningrader Filial-Direktion des Konzerns RosEnergoAtom (REA). Einzelheiten nannte er nicht. Eigentlich hatte REA die Lizenz schon Mitte November 2011 vermeldet. Allerdings mit Einschränkungen:

Bei Russland-Aktuell
• Teheran: Russland soll für Iran fünf weitere AKW bauen (08.11.2011)
• SPb.: Unfall auf AKW-Baustelle deckt Missstände auf (22.07.2011)
• Fundament für Kaliningrader Kernkraftwerk wird gelegt (21.03.2011)
• AKW Kaliningrad: Strahlende Aussichten für Lunino (18.01.2010)
• AKW Kaliningrad: Gegner wie Investoren machen mobil (06.10.2009)
Es gab Auflagen seitens der staatlichen Aufsichtsbehörde RosTechNadsor. Möglicherweise hängen die Lizenz-Probleme damit zusammen.

An der Gesamtplanung des BAES ändere sich bis auf die Verzögerung aber nichts, betonte Wlassenko. Der erste AKW-Block werde 2016 für den Testbetrieb hochgefahren werden, Block 2 solle wie geplant 2018 ans Netz.

Auch auf der Baustelle selbst läuft laut Wlassenko alles nach Plan – trotz der derzeit eisigen Temperaturen, die nachts unter minus 20 Grad sinken. Im April soll der Bau von Block 2 beginnen. Der BAES-Generalauftragnehmer „AtomEnergoProjekt“ soll die Zahl der Bauarbeiter bis dahin verdreifachen. Derzeit sind auf der Baustelle südwestlich von Neman 550 Arbeiter beschäftigt.

Die Kreisstadt Neman hofft auf Aufschwung

In diesem Jahr wird nach Angaben von Gennadij Wlassenko auch der Grundstein für das künftige „Atomstädtchen“ gelegt. Für die Mitarbeiter des AKW ist in Neman ein eigener Stadtteil für 10.000 Einwohner mit Kulturzentrum, drei Kindergärten und Schule geplant. Die Projektierung läuft in Regie der Stadtverwaltung von Neman – mit Speck fängt man Mäuse.

Bürgermeister Sergej Woskowschtschuk sieht mit dem Bau des 2400-Megawatt-Meilers goldene Zeiten auf seine Stadt zukommen: Wachstum, Kaufkraft, Investitionen in die Infrastruktur, Sponsoring in Kultur und Sport. Ökologische Bedenken hat er auch nach Fukushima keine. Das BAES werde das sicherste Atomkraftwerken der Welt, solche Sätze sagt Woskowschtschuk gern.

Auch Gouverneur Nikolai Zukanow, der die Baustelle des ersten Meilers vorige Woche besuchte, sieht im BAES den „entscheidenden Impulsgeber für den zukünftigen wirtschaftlichen Aufschwung im Kreis Neman“.

Dem AKW fehlt noch das Personal

Die Aufbruchsstimmung ist durchaus zu verstehen. Neman gehört zu den Krisenkreisen des Gebietes Kaliningrad. Die isolierte Lage im Nordosten der Exklave an der abgeriegelten Schengen-Grenze zu Litauen, die zusammengebrochene Landwirtschaft: Kein Wunder, dass Arbeitslosigkeit und soziale Probleme hier heftig grassieren. Da lösen Investitionen von bis zu sechs Milliarden Euro und 3.000 Arbeitsplätze geradezu euphorische Hoffnungen aus.

Das freilich beantwortet die Fragen der Kritiker nicht. Leute wie Alexandra Koroljowa von der Kaliningrader Umweltschutz-Organisation „Ekosaschtschita“ warnen beharrlich vor den technisch-ökologischen Risiken der nuklearen Energieerzeugung – und den Reaktormüll. Allerdings sind die Proteste gegen das AKW im Gebiet merklich leiser geworden.

Für den Atommanager Gennadij Wlassenko ist das ohnehin der übliche Frontverlauf. Ihn plagen andere Sorgen: Woher bekommt das BAES sein Personal? Man versuche sowohl beim Bau als auch bei dem späteren Betrieb so weit wie möglich auf den Arbeitskräfte-Pool vor Ort zurückzugreifen, sagt er.

„Aber da haben wir schon jetzt ernsthafte Probleme.“ Vor allem fehle es an Spezialisten für die Betreibung und technische Leitung des Kraftwerks: Die Kaliningrader Kant-Universität hat es abgelehnt, so eine Ausbildung anzubieten. An der Technischen Uni zeigte man sich aufgeschlossener.

Dort wird nun möglicherweise bald ein Hochschulgang für Atomenergetiker eröffnet. Wer sich da einschreibt, dürfte nach erfolgreichem Abschluss beste Chancen auf gutbezahlte Jobs haben. Auf dem Pulverfass.

Kaliningrader Strombedarf nur Nebenaspekt

Offiziell wird das Baltische Atomkraftwerk gebaut, um die Exklave Kaliningrad mit Strom zu versorgen und unabhängig von Transitleitungen durch die EU-Nachbarländer zu machen. Dafür freilich bräuchte man keine derart dimensionierten Reaktoren – den Strombedarf des Gebietes deckt das BAES sozusagen nebenbei.

Der eigentliche Grund für dessen Positionierung im Vierländereck der baltischen Staaten und Polen liegt im Export nach Westeuropa. Doch da sieht es im Moment mau aus für Russlands staatliche Energiehändler.

Polen hat bereits abgesagt, Atomstrom aus Königsberg kaufen zu wollen. Warschau plant den Bau eines eigenen, möglicherweise sogar zweier Atomkraftwerke im Norden des Landes. Die vor 20 Jahren nach heftigen Protesten von Umweltschützern eingefrorene AKW-Baustelle bei Danzig ist wieder ein aktuelles Diskussionsthema.

Litauen will, gemeinsam mit Lettland und Estland, ebenfalls ein neues Kernkraftwerk bauen – nahe der nordlitauischen Stadt Visaginas, anstelle des veralteten, 2008 auf Druck Brüssels stillgelegten AKW Ignalina.

Wohl auch um die eigenen AKW-Pläne zu schützen, macht Vilnius derzeit vor der Europäischen Kommission mit massiven Umwelt- und Sicherheitsbedenken gegen das Kaliningrader Kernkraftwerk mobil. Das atomare Strom-Wettrüsten im Baltikum ist in vollem Gange.



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