Russland sichert sich Weltmeistertitel im Eishockey
Grand Prix in Baku: Die Show beginnt, die Kritik bleibt
Startseite


Das Königstor in Kaliningrad erinnert an die alte Königsberger Geschichte (Foto: Plath/.rufo)
Das Königstor in Kaliningrad erinnert an die alte Königsberger Geschichte (Foto: Plath/.rufo)
Freitag, 21.09.2007

Umbenennung Kaliningrads für Boos „derzeit kein Thema"

Kaliningrad. Nicht auszuschließen, dass Kaliningrad irgendwann einmal wieder seinen alten historischen Namen zurückerhält. Doch derzeit steht die Königsberg-Frage nicht zur Debatte. Auch Gouverneur Georgi Boos nicht.

Thema öffentlicher Debatten war die Rückbenennung Kaliningrads in Königsberg in den letzten Jahren immer wieder einmal. Nicht etwa in Kreisen der alten Ostpreußen - die nennen die Stadt und ihr Umland ohnehin bei den historischen deutschen Namen.

Offene Diskussion über Königsberg



Nein, auch die heutigen Bewohner der Pregelstadt diskutierten diese Frage sehr offen und viel unverkrampfter als manches, was dazu aus Deutschland zu hören ist. Ernsthaft erstrebt freilich wird ein Zurück zum alten Namen derzeit von kaum jemandem - die Stadt hat ganz andere Sorgen.

So sieht es auch Gouverneur Georgi Boos. Der Chef der Regionalregierung - gebürtiger Moskauer, doch inzwischen fest in die Ostsee-Provinz umgesiedelt - äußerte sich dieser Tage in einem Interview der kremlnahen Zeitung „Rossiskaja Gaseta“ erstmals auch zu einer möglichen Umbenennung Kaliningrads.

„Ich habe den Eindruck, dieses Thema spielt in der gegenwärtigen Zeit keine Rolle", sagte er. Es stimme zwar, dass diese Frage in der Vergangenheit wiederholt öffentlich debattiert worden sei, „aber dabei ging es nicht so sehr um den Wunsch, die Stadt wieder Königsberg zu nennen, sondern darum, dass unsere Stadt den Namen eines Mannes trägt, der nichts mit ihr zu tun hat. Und der in der unserer Geschichte nun wirklich keine rühmliche Rolle spielte."

Stadt in der Kalinin-Klemme



Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Königin-Luisen-Brücke einsturzgefährdet (07.09.2007)
• Kaliningrad: Das Königsberger Schloss taucht wieder auf (21.08.2007)
• Kaliningrad: Neuaufbau der historischen Stadtmitte (11.03.2007)
• Heimatvertrieben – einmal quer durch Russland (27.06.2005)
• Kaliningrad erinnert sich an seine Anfangsjahre (03.06.2005)
In der Tat: Michail Kalinin, treuer Weggefährte Stalins, Ministerpräsident und Erfinder des Gulag-Systems, fiel bereits in der sowjetischen Geschichtsschreibung in Ungnade, galt gar als Staatsverbrecher. Zwei russische Städte, die zu Zeiten der Sowjetunion nach Kalinin hießen, nahmen im Tauwetter der Perestroika den alten Namen wieder an oder gaben sich einen neuen: Aus Kalinin wurde Anfang der 1990er Jahre wieder Twer, das zweite Kaliningrad, eine Industriestadt und Rüstungsschmiede bei Moskau, heißt heute Koroljow.

In der einstigen Hauptstadt Ostpreußens tauchte in dieser Diskussion natürlich der Name Königsberg auf. Das Thema war durchaus populär im Kaliningrad der frühen 1990er Jahre, als die Grenzöffnung des Militärsperrgebietes eine große russisch-deutsche Aufbruchs-Euphorie in die Pregelstadt spülte. Durchsetzen konnten sich die Anhänger der Rückbenennung allerdings nicht.

„Stadtentwicklung wichtiger als Name"



Das heutige Kaliningrad ist freilich auch nicht mehr das alte Königsberg - und wird es auch nicht dadurch, dass man plant, das alte Schloss der preußischen Könige wiederaufzubauen. „Jede Stadt wird viel mehr von ihren Einwohnern, ihrer nationalen Kultur und ihren Traditionen geprägt und nicht so sehr von ihrem Namen", meint Boos.

In letzter Zeit habe das öffentliche Interesse an diesem Thema ohnehin „spürbar abgenommen". Für den Gouverneur ein Ergebnis der stärkeren Aufmerksamkeit, die Moskau seiner westlichsten Region und Exklave inzwischen zukommen lässt - und des wirtschaftlichen Aufschwunges, der die Stadt prägt und enger an Russland bindet.

„Hier sind doch inzwischen ganz andere Themen von Interesse als die Umbenennung. Am wichtigsten, und viel bedeutsamer als der Name der Stadt, ist jetzt ihre Entwicklung hin zu einer modernen Metropole und einem starken Wirtschaftsstandort, da stehen wir vor den eigentlichen Herausforderungen." Das Kaliningrader Gebiet sei in diesem Sinne für das ganze Land von strategischer Bedeutung, da es in der Mitte Europas liege und ein Ort sei, an dem sich die Interessen Russlands und des Westens kreuzten.

„Kenig" im Alltag längst selbstverständlich



Königsberg? Kaliningrad? Wegzudenken ist der alte ostpreußische Name aus dem Alltag, aus der Gegenwart der westlichsten russischen Großstadt längst nicht mehr. Er wird allenthalben genannt, zitiert - nicht nur in der mittlerweile fast legendären Kurzform „Kenig", die sich als grellbuntes Graffitto an mancher Hauswand findet. Das ist viel weniger politisch gemeint als mancher deutsche Landsmann meint, sondern schlichtweg Teil gelebter Alltagskultur, vielleicht auch einer (im russischen Kontext) besonderen Kaliningrader Toleranzkultur: Königsberg ist im Hier und Heute längst ein selbstverständlicher Bestandteil der Stadtgeschichte.
Das Hotel Oberteich steht mitten in der Stadt. Am deutschen Namen nimmt keiner Anstoß. (Foto: Plath/.rufo)
Das Hotel Oberteich steht mitten in der Stadt. Am deutschen Namen nimmt keiner Anstoß. (Foto: Plath/.rufo)


Die Zeit verordneter Tabus: lange vorbei.

In diesem Sinne sind auch andere Altkönigsberger Ortsnamen wieder salonfähig. Es gibt ein Hotel „Oberteich" und ein Restaurant namens „Kronprinz", und das Wiederaufbau-Projekt der Dominsel Kneiphof firmiert im Internet unter der Adresse „altstadt.ru"

Alte Namen teilweise sogar auf Ortsschildern



Sehr offen geht man auch außerhalb der Gebietshauptstadt schon mancherorts mit lokaler Geschichte um. Das Seebad Selenogradsk wirbt auf großen Plakaten mit dem alten berühmten Stadtnamen Cranz, in der Grenzstadt Bagrationowsk steht der historische Name gar mit auf dem Ortsteingangsschild: Preußisch Eylau.

Als das zum Dorf geschrumpfte Provinzstädtchen Nordenburg, heute Krylowo, 2006 seine 600-Jahrfeier beging, schrieb man wie selbstverständlich beide Ortsnamen auf die Begrüßungstafeln am Straßenrand - in russisch und deutsch.

In Sowjetsk sendet die „Tilsiter Welle"



In Sowjetsk, der zweitgrößten Stadt des Kaliningrader Gebietes, zitiert die örtliche Radiostation örtliche Historie: „Tilsitskaja Wolna", die Tilsiter Welle. Auch das „Tilsit-Teatr" schert sich nicht mehr groß um den sowjetisch klingenden, in der russischen Sprache zudem zu satirischen Doppeldeutigkeiten einladenden Stadtnamen.

Tilsit war übrigens die einzige Stadt in der sowjetischen Kriegsbeute Nord-Ostpreußen, die im Zuge der großen Umbenennung-Welle von 1946 ihren deutschen Namen behalten sollte. In Dokumenten, die russische Historiker jüngst entdeckt haben, tragen alle Orte neue Namen - nur Tilsit hieß immer noch wie zuvor. Wer am Ende noch "Sowjetsk", Stadt der Räte, daraus machte, ist unklar. Vermutlich war es Stalin selbst.

(Thoralf Plath/tp/.rufo)


Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Freitag, 21.09.2007
Zurück zur Hauptseite








Auf einem Relief im Giebel der Petersburger Isaakskathedrale hat sich der Baumeister des Gotteshauses selbst verewigt: Herr Montferrand hält sein monumentales Werk zärtlich im Arm. (Topfoto: Brammerloh/.rufo)



Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Kaliningrad kompakt
20.04.2012Warmes Wochenende - und Frühsommer nächste Woche
19.04.2012Theater Tilsit zu Gast bei den Kieler Komödianten
17.04.2012AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
12.04.2012Gusewer Schülerterror schlägt hohe Wellen
29.03.2012Russland will Deutschland mit Atomstrom versorgen
28.03.2012Die Königsberger Stadthalle feiert 100. Geburtstag
22.03.2012Neue Fluglinie verbindet Kaliningrad und Kopenhagen
20.03.2012Gouverneur Zukanow im Guttenberg-Strudel
20.03.2012Gouverneur Zukanow im Guttenberg-Strudel
13.03.2012Architektengerangel um das WM-Stadion
12.03.2012dt. Diplomatie – Visastelle und Brückenbau
08.03.2012Katerstimmung nach der Wahl in Kaliningrad
05.03.2012Wahl: Kaliningrad verdirbt Putin die Siegerlaune
28.02.2012Stromversorgung stößt an Kapazitätsgrenze
27.02.2012Ostsee-Flotte beschießt Königsberger Dom

Mehr Kaliningrad bei www.kaliningrad.aktuell.ru >>>

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
St.Petersburg
Falschparken wird in St. Petersburg richtig teuer
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Dienstag, 22. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Tretjakow-Galerie gegründet

Montag, 21. Mai
19:16 

Olympia in London: Kein Wodka im Beisein von Sportlern

18:29 

Georgischer Ex-General in Moskau erschossen

17:55 

Grand Prix in Baku: Die Show beginnt, die Kritik bleibt

16:14 

Geheimoperation Regierungsbildung: Viele neue Köpfe

14:51 

Ober-Jugendlicher Jakemenko will "Macht-Partei" gründen

13:55 

Microsoft investiert Millionenbetrag in Skolkowo

12:44 

Duma schützt Bankgeheimnis vor Russlands Finanzamt

11:07 

Europäer erzwingen Rabatt für russische Gaslieferungen

10:40 

Massenschlägerei in Moskau, rund 80 Festnahmen

08:59 

Russland sichert sich Weltmeistertitel im Eishockey

01:03 

Russland Geschichte: Geburtstag von Andrej Sacharow

Sonntag, 20. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Alexander Uljanow stirbt am Galgen

Samstag, 19. Mai
01:03 

Russland Geschichte: Die Pioniere werden geboren

Freitag, 18. Mai
19:20 

Brennendes Munitionsdepot in Primorje hat sich beruhigt

18:39 

Falschparken wird in St. Petersburg richtig teuer

17:31 

Krim: Delfin-Sterben im Schwarzen Meer wird untersucht

17:17 

Ksenia Sobtschak muss für Demo 1000 Rubel Strafe zahlen

16:42 

Putin macht Haudrauf-Panzerbauer zum Generalgouverneur

15:17 

Kabinettsbildung: Prochorow und Kirijenko nicht dabei

13:42 

Acht Jahre Haft für Spion in russischem Raketenbetrieb

11:13 

amnesty: Udalzow und Nawalny politische Gefangene

09:42 

Irkutsker Gouverneur Mesenzew von Putin abgesetzt

01:03 

Geschichte Russland: Deportation von der Krim

Donnerstag, 17. Mai
21:54 

SPB: Angriff auf Schwulen-Aktion trifft Gastarbeiter

17:02 

Delfin auf der Krim gerettet - mit einer Taxifahrt

16:48 

Nordossetien: 24 Jahre für Planer von Terroranschlag

11:54 

USA zu Auslieferung von Viktor But prinzipiell bereit

10:09 

Flug zur ISS: Sojus-Kapsel mit drei Mann hat angedockt

01:03 

Russland Geschichte: Djagilew erobert erneut Paris

Mittwoch, 16. Mai
18:25 

Ural: Eichhörnchen legen mit Nestbau Internet lahm

17:40 

Von wegen Boykott: Janukowitsch lädt zur Fußball-EM

16:54 

Behandlung von Timoschenko wieder aufgenommen

15:30 

„Spaziergänge“: als nächste marschieren Künstler

14:45 

Icons: Moderne Kunstausstellung beginnt mit Skandal

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU
[Alt-Text]

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com