Russland sichert sich Weltmeistertitel im Eishockey
Grand Prix in Baku: Die Show beginnt, die Kritik bleibt
Startseite


Seine Erkundung war 2008 geplant: Entdeckter Geheimtunnel im Schlosskeller (Foto: Plath/.rufo)
Seine Erkundung war 2008 geplant: Entdeckter Geheimtunnel im Schlosskeller (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 16.09.2008

Spiegel stellt Finanzierung der Schloss-Ausgrabung ein

Kaliningrad. Die Ausgrabungsarbeiten in den Kellern des Königsberger Schlosses stehen offenbar vor dem Aus. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL stellt die Finanzierung ein. Ein Rückschlag auch für den Schlosswiederaufbau.

In einem Offenen Brief stellte SPIEGEL-Redakteur Christian Neef, langjähriger Moskau-Korrespondent des Magazins und Koordinator für das Kaliningrader Schloss-Projekt, die Gründe für den sofortigen Ausstieg dar. Adressiert ist der Brief an Michail Andrejew, Kulturminister in der Kaliningrader Gebietsregierung. Doch auch alle großen regionalen Zeitungen erhielten ihn – viele druckten ihn ab.

Desinteresse der Regierung


Man bedauere die Entscheidung, heißt es in dem Schreiben. Allerdings habe das „Desinteresse am Fortgang der Ausgrabungsarbeiten seitens der verantwortlichen Kaliningrader Behörden“ keine andere Möglichkeit gelassen, als die weitere Finanzierung der archäologischen Arbeiten auf dem Schlossgelände einzustellen.

Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Rätsel der okkulten Talismane gelöst (17.01.2008)
• Kaliningrad: Grabung des Schlosstunnels erst 2008 (22.11.2007)
• Kaliningrad: Neues Schloss als Regierungssitz? (12.11.2007)
• Kaliningrad: Das Königsberger Schloss taucht wieder auf (21.08.2007)
Seit 2001 arbeiten Archäologen des Kaliningrader Gebietsmuseums für Geschichte und Kunst in Auftrag des SPIEGEL an der Ausgrabung dessen, was von dem im Krieg zerstörten, 1968/69 gesprengten und eingeebneten Königsberger Schlosses übrig ist. Anfangs erschien die Aktion wie eine fixe Idee, zumal den Antrieb für die Forschungen eine arg legendenbeladene Vision lieferte: die Suche nach dem verschollenen Bernsteinzimmer.

Doch je mehr Trümmer, imposante Mauern, Gewölbereste, Fundamente der Schlossruine wieder aus dem Boden auftauchten, desto mehr trat das Motiv Bernsteinzimmer in den Hintergrund. Von dem fand sich sowieso keine Spur. Dafür wuchs das Interesse der Kaliningrader Öffentlichkeit an diesem symbolträchtigsten Bauwerk des historischen Königsberg.

Impuls für Aufbau der Innenstadt


Das 2005 zur 750-Jahrfeier auf dem Gelände des freigelegten Westflügels eingerichtete Freilichtmuseum wurde von Besuchern regelrecht gestürmt. Als der frisch gewählte Chefarchitekt von Kaliningrad, Alexander Baschin, ein Jahr später seine Idee von einem Wiederaufbau des Schlosses in seiner historischen Form vortrug, konnte man sich auch in der Hamburger SPIEGEL-Redaktion auf die Schulter klopfen: Ohne die Ausgrabungen hätte es vermutlich auch die Wiederaufbauidee nie gegeben.

Und gerade diese von Baschin geäußerte Schloss-Vision hat die Debatte um das künftige Gesicht, um das Wohl und Wehe einer Revitalisierung der Innenstadt von Königsberg-Kaliningrad befruchtet wie bisher kaum ein anderes Thema.

Eigeninteressen kritisiert: Grabungschef Wladimir Kulakow (Foto: Plath/.rufo)
Eigeninteressen kritisiert: Grabungschef Wladimir Kulakow (Foto: Plath/.rufo)
Freilich sind die Absichten, das Schloss wiederaufzubauen, nach wie vor eher vage Vision als konkrete Planung – trotz Zusage des seinerzeit noch als Präsident angereisten Wladimir Putin, die Hälfe der veranschlagten Baukosten von 100 Millionen Euro aus dem Staatshaushalt hinzuzuschießen. Und neuerdings scheint das ganze Projekt fraglicher denn je. Chefarchitekt Alexander Baschin ist vom neuen Kaliningrader Bürgermeister gefeuert worden, und Baschins Amtsnachfolger Igor Li ging zum Schloss umgehend auf Distanz:

Weder materielle noch technische Voraussetzungen


Für einen Wiederaufbau gäbe es derzeit weder materielle noch technische Voraussetzungen. Darum sei das Königsberger Schloss für ihn auf absehbare Zeit kein Thema, weil: „Bei allem Respekt vor der Geschichte dieser Stadt, wir haben andere, wichtigere Aufgaben.“

Und nun der Ausstieg des SPIEGEL aus der archäologischen Erkundung. Es steht nicht gut um das „Schloss 2.0“, das Hoffnungsprojekt einer städtebaulichen Symbiose aus Geschichte und Zukunft in dieser so seltsam doppelbödigen Stadt. Doch wirklich überraschend kam die Entscheidung der Deutschen eigentlich nicht. Es war eine zwangsläufige Entscheidung.

Wirklich leicht machte es die Kaliningrader Bürokratie den Archäologen von Beginn an nicht. Jahr für Jahr mussten die notwendigen technischen Genehmigungen zur Fortsetzung der Grabungen beharrlich gegen Widerstände und Trägheit im Kaliningrader Verwaltungsgestrüpp durchgerungen werden. Doch in diesem Frühjahr kam die Ablehnung. Zuerst, teilte man dem SPIEGEL mit, solle dieser eine Konzeption darüber vorlegen, wie die bereits ausgegrabenen Teile des Schlosses konserviert werden sollten.

„Gebietsverwaltung muss Konzeption vorlegen“


Absurd, sagt SPIEGEL-Mann Neef. „So etwas konnte man natürlich unmöglich von uns verlangen. Denn das ist zweifellos eine Aufgabe der Stadt beziehungsweise des Gebiets, weil nur auf auf dieser Ebene entschieden werden kann, welche Rolle das Areal des ehemaligen Schlosses bei dem Wiederaufbau des Stadtzentrums spielen soll.“

Weiteres Schicksal ungewiss: Ausgrabungen im Südflügel des einstigen Königsberger Schlosses (Foto: Plath/.rufo)
Weiteres Schicksal ungewiss: Ausgrabungen im Südflügel des einstigen Königsberger Schlosses (Foto: Plath/.rufo)
Doch bis zum heutigen Tag sei ihnen nicht bekannt, dass sich irgendeine Planungs- oder sonstige zuständige Behörde in Kaliningrad mit der Vorbereitung der geforderten Konzeption befasse, heißt es in dem Offenen Brief aus Hamburg. „Im Gegenteil, wir müssen mit anschauen, wie die Zerstörung bereits freilegter, ausgegrabener Teile des Schlosses weitergeht, ungeachtet dessen, dass Experten permanent ihren hohen archäologischen und historischen Wert betonen und die Kaliningrader Öffentlichkeit ihr Interesse am Aufbau eines Freilichtmusums auf dem Areal des Schlosses gezeigt hat.

Darum sind uns Zweifel aufgekommen, dass diese Pläne wirklich irgendwann umgesetzt werden. Anstatt die notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Ruinen zu sichern, die eine populäre touristische Sehenswürdigkeit werden können, anstatt in großem Maßstab die Ausgrabungen voranzutreiben, ist das Projekt der archäologischen Erkundung des Schlosses zum Opfer sich gegenseitig widersprechender Interessen geworden.

Stadtverwaltung übt sich in Gleichgültigkeit


Bei jedem Schritt stießen wir auf vielfältige bürokratische Hürden und immer neue Hindernisse: die Gleichgültigkeit der Stadtverwaltung, finanzielle Eigeninteressen des Chefs der „Baltischen Expedition“ (des einzigen Grabungsteilnehmers, der die staatliche Lizenz zu seiner Durchführung hat), die pessimistische Haltung der zuständigen Museumsmitarbeiter. Und nicht zuletzt: die finanziellen Forderungen einzelner Personen, die in praktisch gar keiner Verbindung mit den Ausgrabungen selbst stehen.“ Aus dem Brief spricht eine tiefe Enttäuschung des SPIEGEL-Teams über die vergebene Chance, das Ergebnis der Ausgrabungen zum Wohl der Stadt zu nutzen.

Der SPIEGEL erhielt keine Genehmigung für die Fortsetzung der Ausgrabungen in diesem Jahr. Zurück bleibt ein Objekt, dessen Erkundung nun halbfertig liegen bleibt und um dessen weiteres Schicksal sich zumindest derzeit niemand mehr zu kümmern scheint.

Als die Ausgrabungen 2001 begannen, war der Chefarchäologe des Kunsthistorischen Museums, Anatloi Walujew, Feuer und Flamme, auf dem Gelände der ordenszeitlichen Keimzelle der Pregelstadt den Spaten anzusetzen. Inzwischen ist Walujew, auch dank seiner Popularität und Kompetenz als Archäologe, zum Vizedirektor des Musums aufgestiegen.

In einer Stellungnahme zum Abschiedsbrief aus Hamburg hatte er vor der Kamera des regionalen Fernsehens kaum mehr als ein Schulterzucken übrig. Die Freunde aus Deutschland hätten nun so entschieden, das müsse man akzeptieren. Für eine Sache kämpfen sieht anders aus.



Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Dienstag, 16.09.2008
Zurück zur Hauptseite








Auf einem Relief im Giebel der Petersburger Isaakskathedrale hat sich der Baumeister des Gotteshauses selbst verewigt: Herr Montferrand hält sein monumentales Werk zärtlich im Arm. (Topfoto: Brammerloh/.rufo)



Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Kaliningrad kompakt
20.04.2012Warmes Wochenende - und Frühsommer nächste Woche
19.04.2012Theater Tilsit zu Gast bei den Kieler Komödianten
17.04.2012AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
12.04.2012Gusewer Schülerterror schlägt hohe Wellen
29.03.2012Russland will Deutschland mit Atomstrom versorgen
28.03.2012Die Königsberger Stadthalle feiert 100. Geburtstag
22.03.2012Neue Fluglinie verbindet Kaliningrad und Kopenhagen
20.03.2012Gouverneur Zukanow im Guttenberg-Strudel
20.03.2012Gouverneur Zukanow im Guttenberg-Strudel
13.03.2012Architektengerangel um das WM-Stadion
12.03.2012dt. Diplomatie – Visastelle und Brückenbau
08.03.2012Katerstimmung nach der Wahl in Kaliningrad
05.03.2012Wahl: Kaliningrad verdirbt Putin die Siegerlaune
28.02.2012Stromversorgung stößt an Kapazitätsgrenze
27.02.2012Ostsee-Flotte beschießt Königsberger Dom

Mehr Kaliningrad bei www.kaliningrad.aktuell.ru >>>

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
St.Petersburg
Falschparken wird in St. Petersburg richtig teuer
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Dienstag, 22. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Tretjakow-Galerie gegründet

Montag, 21. Mai
19:16 

Olympia in London: Kein Wodka im Beisein von Sportlern

18:29 

Georgischer Ex-General in Moskau erschossen

17:55 

Grand Prix in Baku: Die Show beginnt, die Kritik bleibt

16:14 

Geheimoperation Regierungsbildung: Viele neue Köpfe

14:51 

Ober-Jugendlicher Jakemenko will "Macht-Partei" gründen

13:55 

Microsoft investiert Millionenbetrag in Skolkowo

12:44 

Duma schützt Bankgeheimnis vor Russlands Finanzamt

11:07 

Europäer erzwingen Rabatt für russische Gaslieferungen

10:40 

Massenschlägerei in Moskau, rund 80 Festnahmen

08:59 

Russland sichert sich Weltmeistertitel im Eishockey

01:03 

Russland Geschichte: Geburtstag von Andrej Sacharow

Sonntag, 20. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Alexander Uljanow stirbt am Galgen

Samstag, 19. Mai
01:03 

Russland Geschichte: Die Pioniere werden geboren

Freitag, 18. Mai
19:20 

Brennendes Munitionsdepot in Primorje hat sich beruhigt

18:39 

Falschparken wird in St. Petersburg richtig teuer

17:31 

Krim: Delfin-Sterben im Schwarzen Meer wird untersucht

17:17 

Ksenia Sobtschak muss für Demo 1000 Rubel Strafe zahlen

16:42 

Putin macht Haudrauf-Panzerbauer zum Generalgouverneur

15:17 

Kabinettsbildung: Prochorow und Kirijenko nicht dabei

13:42 

Acht Jahre Haft für Spion in russischem Raketenbetrieb

11:13 

amnesty: Udalzow und Nawalny politische Gefangene

09:42 

Irkutsker Gouverneur Mesenzew von Putin abgesetzt

01:03 

Geschichte Russland: Deportation von der Krim

Donnerstag, 17. Mai
21:54 

SPB: Angriff auf Schwulen-Aktion trifft Gastarbeiter

17:02 

Delfin auf der Krim gerettet - mit einer Taxifahrt

16:48 

Nordossetien: 24 Jahre für Planer von Terroranschlag

11:54 

USA zu Auslieferung von Viktor But prinzipiell bereit

10:09 

Flug zur ISS: Sojus-Kapsel mit drei Mann hat angedockt

01:03 

Russland Geschichte: Djagilew erobert erneut Paris

Mittwoch, 16. Mai
18:25 

Ural: Eichhörnchen legen mit Nestbau Internet lahm

17:40 

Von wegen Boykott: Janukowitsch lädt zur Fußball-EM

16:54 

Behandlung von Timoschenko wieder aufgenommen

15:30 

„Spaziergänge“: als nächste marschieren Künstler

14:45 

Icons: Moderne Kunstausstellung beginnt mit Skandal

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU
[Alt-Text]

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com