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Seine Erkundung war 2008 geplant: Entdeckter Geheimtunnel im Schlosskeller (Foto: Plath/.rufo)
Seine Erkundung war 2008 geplant: Entdeckter Geheimtunnel im Schlosskeller (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 16.09.2008

Spiegel stellt Finanzierung der Schloss-Ausgrabung ein

Kaliningrad. Die Ausgrabungsarbeiten in den Kellern des Königsberger Schlosses stehen offenbar vor dem Aus. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL stellt die Finanzierung ein. Ein Rückschlag auch für den Schlosswiederaufbau.

In einem Offenen Brief stellte SPIEGEL-Redakteur Christian Neef, langjähriger Moskau-Korrespondent des Magazins und Koordinator für das Kaliningrader Schloss-Projekt, die Gründe für den sofortigen Ausstieg dar. Adressiert ist der Brief an Michail Andrejew, Kulturminister in der Kaliningrader Gebietsregierung. Doch auch alle großen regionalen Zeitungen erhielten ihn – viele druckten ihn ab.

Desinteresse der Regierung


Man bedauere die Entscheidung, heißt es in dem Schreiben. Allerdings habe das „Desinteresse am Fortgang der Ausgrabungsarbeiten seitens der verantwortlichen Kaliningrader Behörden“ keine andere Möglichkeit gelassen, als die weitere Finanzierung der archäologischen Arbeiten auf dem Schlossgelände einzustellen.

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Seit 2001 arbeiten Archäologen des Kaliningrader Gebietsmuseums für Geschichte und Kunst in Auftrag des SPIEGEL an der Ausgrabung dessen, was von dem im Krieg zerstörten, 1968/69 gesprengten und eingeebneten Königsberger Schlosses übrig ist. Anfangs erschien die Aktion wie eine fixe Idee, zumal den Antrieb für die Forschungen eine arg legendenbeladene Vision lieferte: die Suche nach dem verschollenen Bernsteinzimmer.

Doch je mehr Trümmer, imposante Mauern, Gewölbereste, Fundamente der Schlossruine wieder aus dem Boden auftauchten, desto mehr trat das Motiv Bernsteinzimmer in den Hintergrund. Von dem fand sich sowieso keine Spur. Dafür wuchs das Interesse der Kaliningrader Öffentlichkeit an diesem symbolträchtigsten Bauwerk des historischen Königsberg.

Impuls für Aufbau der Innenstadt


Das 2005 zur 750-Jahrfeier auf dem Gelände des freigelegten Westflügels eingerichtete Freilichtmuseum wurde von Besuchern regelrecht gestürmt. Als der frisch gewählte Chefarchitekt von Kaliningrad, Alexander Baschin, ein Jahr später seine Idee von einem Wiederaufbau des Schlosses in seiner historischen Form vortrug, konnte man sich auch in der Hamburger SPIEGEL-Redaktion auf die Schulter klopfen: Ohne die Ausgrabungen hätte es vermutlich auch die Wiederaufbauidee nie gegeben.

Und gerade diese von Baschin geäußerte Schloss-Vision hat die Debatte um das künftige Gesicht, um das Wohl und Wehe einer Revitalisierung der Innenstadt von Königsberg-Kaliningrad befruchtet wie bisher kaum ein anderes Thema.

Eigeninteressen kritisiert: Grabungschef Wladimir Kulakow (Foto: Plath/.rufo)
Eigeninteressen kritisiert: Grabungschef Wladimir Kulakow (Foto: Plath/.rufo)
Freilich sind die Absichten, das Schloss wiederaufzubauen, nach wie vor eher vage Vision als konkrete Planung – trotz Zusage des seinerzeit noch als Präsident angereisten Wladimir Putin, die Hälfe der veranschlagten Baukosten von 100 Millionen Euro aus dem Staatshaushalt hinzuzuschießen. Und neuerdings scheint das ganze Projekt fraglicher denn je. Chefarchitekt Alexander Baschin ist vom neuen Kaliningrader Bürgermeister gefeuert worden, und Baschins Amtsnachfolger Igor Li ging zum Schloss umgehend auf Distanz:

Weder materielle noch technische Voraussetzungen


Für einen Wiederaufbau gäbe es derzeit weder materielle noch technische Voraussetzungen. Darum sei das Königsberger Schloss für ihn auf absehbare Zeit kein Thema, weil: „Bei allem Respekt vor der Geschichte dieser Stadt, wir haben andere, wichtigere Aufgaben.“

Und nun der Ausstieg des SPIEGEL aus der archäologischen Erkundung. Es steht nicht gut um das „Schloss 2.0“, das Hoffnungsprojekt einer städtebaulichen Symbiose aus Geschichte und Zukunft in dieser so seltsam doppelbödigen Stadt. Doch wirklich überraschend kam die Entscheidung der Deutschen eigentlich nicht. Es war eine zwangsläufige Entscheidung.

Wirklich leicht machte es die Kaliningrader Bürokratie den Archäologen von Beginn an nicht. Jahr für Jahr mussten die notwendigen technischen Genehmigungen zur Fortsetzung der Grabungen beharrlich gegen Widerstände und Trägheit im Kaliningrader Verwaltungsgestrüpp durchgerungen werden. Doch in diesem Frühjahr kam die Ablehnung. Zuerst, teilte man dem SPIEGEL mit, solle dieser eine Konzeption darüber vorlegen, wie die bereits ausgegrabenen Teile des Schlosses konserviert werden sollten.

„Gebietsverwaltung muss Konzeption vorlegen“


Absurd, sagt SPIEGEL-Mann Neef. „So etwas konnte man natürlich unmöglich von uns verlangen. Denn das ist zweifellos eine Aufgabe der Stadt beziehungsweise des Gebiets, weil nur auf auf dieser Ebene entschieden werden kann, welche Rolle das Areal des ehemaligen Schlosses bei dem Wiederaufbau des Stadtzentrums spielen soll.“

Weiteres Schicksal ungewiss: Ausgrabungen im Südflügel des einstigen Königsberger Schlosses (Foto: Plath/.rufo)
Weiteres Schicksal ungewiss: Ausgrabungen im Südflügel des einstigen Königsberger Schlosses (Foto: Plath/.rufo)
Doch bis zum heutigen Tag sei ihnen nicht bekannt, dass sich irgendeine Planungs- oder sonstige zuständige Behörde in Kaliningrad mit der Vorbereitung der geforderten Konzeption befasse, heißt es in dem Offenen Brief aus Hamburg. „Im Gegenteil, wir müssen mit anschauen, wie die Zerstörung bereits freilegter, ausgegrabener Teile des Schlosses weitergeht, ungeachtet dessen, dass Experten permanent ihren hohen archäologischen und historischen Wert betonen und die Kaliningrader Öffentlichkeit ihr Interesse am Aufbau eines Freilichtmusums auf dem Areal des Schlosses gezeigt hat.

Darum sind uns Zweifel aufgekommen, dass diese Pläne wirklich irgendwann umgesetzt werden. Anstatt die notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Ruinen zu sichern, die eine populäre touristische Sehenswürdigkeit werden können, anstatt in großem Maßstab die Ausgrabungen voranzutreiben, ist das Projekt der archäologischen Erkundung des Schlosses zum Opfer sich gegenseitig widersprechender Interessen geworden.

Stadtverwaltung übt sich in Gleichgültigkeit


Bei jedem Schritt stießen wir auf vielfältige bürokratische Hürden und immer neue Hindernisse: die Gleichgültigkeit der Stadtverwaltung, finanzielle Eigeninteressen des Chefs der „Baltischen Expedition“ (des einzigen Grabungsteilnehmers, der die staatliche Lizenz zu seiner Durchführung hat), die pessimistische Haltung der zuständigen Museumsmitarbeiter. Und nicht zuletzt: die finanziellen Forderungen einzelner Personen, die in praktisch gar keiner Verbindung mit den Ausgrabungen selbst stehen.“ Aus dem Brief spricht eine tiefe Enttäuschung des SPIEGEL-Teams über die vergebene Chance, das Ergebnis der Ausgrabungen zum Wohl der Stadt zu nutzen.

Der SPIEGEL erhielt keine Genehmigung für die Fortsetzung der Ausgrabungen in diesem Jahr. Zurück bleibt ein Objekt, dessen Erkundung nun halbfertig liegen bleibt und um dessen weiteres Schicksal sich zumindest derzeit niemand mehr zu kümmern scheint.

Als die Ausgrabungen 2001 begannen, war der Chefarchäologe des Kunsthistorischen Museums, Anatloi Walujew, Feuer und Flamme, auf dem Gelände der ordenszeitlichen Keimzelle der Pregelstadt den Spaten anzusetzen. Inzwischen ist Walujew, auch dank seiner Popularität und Kompetenz als Archäologe, zum Vizedirektor des Musums aufgestiegen.

In einer Stellungnahme zum Abschiedsbrief aus Hamburg hatte er vor der Kamera des regionalen Fernsehens kaum mehr als ein Schulterzucken übrig. Die Freunde aus Deutschland hätten nun so entschieden, das müsse man akzeptieren. Für eine Sache kämpfen sieht anders aus.



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