Freitag, 04.01.2013

Kaliningrader Zirkus macht neuer Synagoge Platz

So sah sie einst aus - die Königsberger Synagoge und so soll sie auch wieder aussehen.
Thoralf Plath, Kaliningrad. Der Staatszirkus „Jantar“ räumt seinen Platz gegenüber der Dominsel. Das Zelt ist abgebaut, an der Stelle soll eine neue Kuppel wachsen: Die jüdische Gemeinde plant hier den Bau ihrer Synagoge.
„Saisonschluss“. Das Schild, weiße Schrift auf leuchtend rotem Grund, werden sie wohl zuletzt abbauen, es steckt stummer Protest drin, die Zirkusleute verlassen ihren Platz an der Oktjabrskaja-Straße nicht freiwillig.

Saisonende - die Zirkusleute verlassen ihre angestammte Heimat ungern (Foto: Plath/.rufo)
Monatelang haben sie vor Gericht um ihr Domizil gekämpft, gegen den Räumungsbescheid der Stadtverwaltung, vor allem aber gegen die Pläne der jüdischen Gemeinde Kaliningrads „Adat Israel“.

Die will dort, wo der Bernstein-Zirkus seit Anfang der 1990er Jahre campiert, endlich ihr erstes eigenes Gotteshaus bauen – nach historischem Vorbild und an ebenjener Stelle, an der einst die Neue Liberale Synagoge der reformierten jüdischen Gemeinde Königsbergs stand, erbaut 1896 nach einem Projekt der Berliner Architekturbüros Cremer & Wolffenstein, zerstört von den Nazis in der Pogromnacht am 9. November 1938.

Gerichtsklage zurückgezogen


Die formelle Genehmigung zum Bau einer neuen Synagoge am historischen Ort hat Kaliningrads jüdische Gemeinde seit gut fünf Jahren. Doch als es konkret wurde nach der Grundsteinlegung am 17. Oktober 2011, begannen die Artisten sich gegen die „Vertreibung“ von der Oktoberinsel zu wehren.

Auf den Räumungsbescheid der Stadt hin zog Zirkusdirektorin Natalja Lebedinskaja vor das Gebietsschiedsgericht und, nachdem ihre Klage abgewiesen wurde, vor die nächsthöhere Distanz in St. Petersburg. Argument: Die jüdische Gemeinde habe noch gar keine endgültige Baugenehmigung für die Synagoge.

Doch das schien nach Auskunft des Stadtarchitekten nur noch Formsache, und auch der Staatszirkus konnte seinen Anspruch auf das Grundstück nicht mit entsprechenden Dokumenten belegen – und die richtigen Papierchen sind alles im Immobilienkrieg des Kaliningrader Baubooms. Vermutlich mangels Aussicht auf Erfolg zog der Zirkus daher seine Klage im November zurück. Eine offizielle Begründung dafür gab es nicht.

Neuer Zirkus wächst im Südpark


Nun ziehen die Artisten um – in den Südpark, wie der grüne Altkönigsberger Bastionsgürtel zwischen Hauptbahnhof und Friedländer Tor heute heißt. Dort hat die Stadt dem Staatszirkus ein 2,2 Hektar großes Grundstück zur Verfügung gestellt zum Bau eines festen, stationären Gebäudes, das nach bisherigen Planungen 2018 öffnen soll. Solange gibt’s Vorstellungen im alten blauen Chapiteau. So richtig „Manege frei“ heißt es also erst wieder im Jahr der Fußball-WM.

Erst der Grundstein für die Synagoge ist gelegt (Foto: Plath/.rufo)
Wann die jüdische Gemeinde mit dem Bau ihres Gotteshauses beginnen wird, steht noch nicht fest. Bislang gibt es nur den symbolischen Grundstein neben dem einstigen israelitischen Waisenhaus – und ein fertiges Projekt.

Bau nach historischem Vorbild


Es zeigt einen historisierenden Bau, dessen Fassade unter der zentralen Kuppel Stilelemente der Neogotik und Neorenaissance mit maurischen Formen verbindet, äußerlich fast eine Kopie der alten Königsberger Synagoge. Innen soll sie betont modern gestaltet werden und 2.000 Gläubigen Platz bieten, geplant sind außerdem ein Kindergarten und soziale Einrichtungen.

Um den Bau eines eigenen Gemeindezentrums mit Synagoge ringen die Juden im Kaliningrader Gebiet, nach inoffiziellen Angaben zwischen 1.500 und 2.000 an der Zahl, seit mindestens zehn Jahren.

Es gibt einige kleinere Gemeinden unter anderem in Sowjetsk und Swetlogorsk, in der Gebietshauptstadt teilt sich das jüdische Leben in die traditionell orthodoxe Gemeinde „Adat Israel“ und die an der chassidischen Tradition orientierte Organisation „Chabad Lubawitsch“.