Dienstag, 06.06.2006

Kaliningrad: Schlammschlacht am Dohnaturm

Soll zu einer Oase für Spaziergänger werden: Die trocken gelegte Wallanlage des Dohnturms (foto: tp/rufo)
Kaliningrad. Am Oberteich hat die Sanierung der Ringgräben des Dohnaturms begonnen. Erstmals seit Kriegsende wurde das Wasser abgelassen. Es hat sich einiges angesammelt – an Schlamm, Gerümpel - und an Kriegsschrott.
Aus dem verwilderten Hinterhof der Altkönigsberger Festungsanlage soll eine beschauliche Parkanlage werden, die als neue Flaniermeile Kaliningrads rings um den Oberteich führt.

Tritt man vom Wassiljewski-Platz aus in den Vorhof des Dohnaturms, öffnet sich ein imposanter Blick auf den Wächter preußischer Festungsarchitektur des 19. Jahrhunderts: ein wuchtiger Backstein-Rundturm, von neugotischen Zinnen gesäumt, die Außenwand meterdick.

Die schäbige Rückseite des Bernsteinmuseums


So kennen zehntausende Touristen den nach dem preußischen General Graf Friedrich zu Dohna benannten Donjon am Ostufer des Oberteichs – denn der Turm birgt heute das Bernsteinmuseum, eine der großen Sehenwürdigkeiten Kaliningrads.

Auf die Rückseite der kleinen Bastion verschlug es allerdings kaum je einen Besucher. Das lohnte sich auch nicht: Ein schmaler Pfad zwischen Oberteich und Ringgraben endete dort in Wildnis und Müll.

Mit Hochdruck durch den Schlamm


Dieser Tage ist dort alles anders. Plötzlich interessieren sich so viele Leute für die Wallgräben, dass die Sicherheitsleute die Absperrungen weiter ziehen mussten, damit niemand die zehn Meter tiefe steile Böschung herabstürzt.

Kein Job für Mimosen: Die Schlammschlacht im Wallgraben (foto: tp/rufo)
Unten wühlen sich Arbeiter, in Ölzeug verpackt, durch pechschwarzen Schlamm, der sich mit den Jahren in den Wallgräben abgelagert hat. Das Zeug ist so fest, dass nur acht Atmosphären aus der Hochdruck-Wasserkanone helfen, es zu lösen.

Es stinkt wie aus einem riesigen Gully, immer wieder schießen die Schlammfontänen unberechenbar quer und begraben die Männer förmlich unter sich. Kein Job für Mimosen. Dafür ein geschichtsträchtiger: Es ist das erste Mal seit vielen Jahrzehnten, dass das Wasser aus dem Ringgraben abgepumpt wurde.

Schrott, Schüsseln und Granaten


Kein Mensch weiß, wann die letzte derartige Aktion stattfand. Auf jeden Fall weit vor dem Krieg. Hundert Jahre Vergangenheit von Königsberg-Kaliningrad tauchen auf - und säumt nun als Gerümpel der Stadtgeschichte die Böschung.

Der größte Teil davon ist bis zur Unkenntlichkeit verrostet – und wird doch wie geheimnisvolle Zeugnisse aus dem Alltag einer fernen Vergangenheit bestaunt: Scherben von Geschirr, emaillierte Blechschüsseln, Metall in allen Formen, Reste irgendwelcher Skulpturen, Reifen, mehrere Fahrradrahmen, ein Türdrücker, eine Nähmaschine…. Ob deutsch, ob russisch, vermag niemand mehr zu sagen.

Auf einer Reklametafel sind noch die Buchstaben „...idol“ erkennbar. In den nächsten Tagen will sich ein Mitarbeiter des Museums für Kunst und Geschichte darum kümmern. Die Arbeiter an den Wasserkanonen achten auf ganz andere Sachen: Kriegsschrott.

Die verrosteten Karabiner sind vergleichsweise harmlos. Doch die Munition macht ihre Arbeit lebensgefährlich: Der Schlamm des Grabens ist voll Patronen, Handgranaten, Resten von Panzergeschossen.

Das letzte Nest des Wehrmacht-Widerstands


Dass der Graben einem Waffenlager gleicht, ist kein Wunder. Der Dohnaturm war der letzte Ort, an dem während der Erstürmung Königsbergs Anfang April 1945 gekämpft wurde. Hier hatte sich eine Eliteeinheit der Wehrmacht verbarrikadiert und leistete der Roten Armee aus ihrem kugelsicheren Gehäuse heraus erbittert Widerstand.

Noch zwei Tage nach der Kapitulation Königsbergs ballerten die Soldaten aus dem Dohnaturm wie wild um sich. Dass Hitlers „Ostpreußen-Festung“ sich längst ergeben hatte, wussten sie nicht – in der völlig zerschossenen Stadt gab es keine Kommunikation mehr. Erst ein Großangriff der sowjetischen Artillerie brach den Widerstand.

Der Untergrund birgt noch scharfe Bomben


Das ist inzwischen 61 Jahre her, doch wie nah diese Vergangenheit in der „Stadt mit doppeltem Boden“ immer noch ist, sehen die Kaliningrader derzeit am Dohnaturm. Seit Beginn der Grabensanierung wurden Dutzende scharfer Geschosse aus dem Schlamm gespült. Spezialisten der Baltischen Flotte bargen dort auch eine 250-Kilo-Bombe. Es gab eine gewaltige Detonation, als man sie auf einem Militärgelände bei Baltijsk sprengte, weil das Entschärfen des Zünders vor Ort nicht gelang.

Munitionsfunde sind derzeit in Kaliningrad keine Seltenheit. Seit der große Bauboom die Stadt erfasst hat, werden die Bomben-Entschärfer regelmäßig gerufen. Etwa 40.000 Geschosse sammelt der Munitionsbergungsdienst durchschnittlich pro Jahr ein. Meist sind es kleine bis mittelgroße Granaten.

Doch manchmal kommt es auch dicker: Im vorigen Sommer zerrte ein Baggerfahrer auf einer Baustelle nahe des Doms eine halbe Stunde lang an einem großen, in die Erde verkeilten Metallteil herum, bis er merkte: Es ist eine Bombe. Nicht irgendeine, sondern eine englische Luftmine. Und sie war noch scharf.

(-tp/.rufo)