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Restaurierte Figuren am Königstor: Regermanisierung Kaliningrads? (Foto: Plath/.rufo)
Restaurierte Figuren am Königstor: Regermanisierung Kaliningrads? (Foto: Plath/.rufo)
Mittwoch, 21.10.2009

Kaliningrad: Zw. Regermanisierung und Tilsiter Frieden

Kaliningrad. Sie nimmt wieder einmal Fahrt auf: die Umbennungsdebatte. Soll Kaliningrad wieder Königsberg heißen? Und Sowjetsk demnächst wieder Tilsit? Selbst Gouverneur Georgij Boos diskutiert munter mit.

An das Bier der Marke Königsberg Premium in Kaliningrader Supermarktregalen hat Igor Rewin sich mittlerweile wohl gewöhnt. Auch den Wodka der Marke Wostotschnaja Prussija, zu Deutsch "Ostpreußen", hat der Chef der Kommunistischen Partei in Russlands westlichster Provinz sicher schon einmal probiert.

Möglicherweise hat er auch sogar Kenigsbergskije klopsy auf dem Teller gehabt im Restaurant "Pritschal" am Oberteich. Doch das war´s dann auch mit Königsberg. Wehe, ein halbwegs bekannter Mensch der Kaliningrader Politik deutet in der Öffentlichkeit eine vorsichtige Annäherung an die einstigen ostpreußischen Ortsnamen in der Beuteprovinz an!

Als Felix Lapin, geschäftsführender Oberbürgermeister Kaliningrads, im Frühling dieses Jahres gegenüber dem Radiosender "Echo Moskwy" offen für eine Rückbenennung der Gebietshauptstadt in Königsberg aussprach, trommelte Rewin umgehend seine Truppen in Partei und Medien zusammen.

Erst faltete ein vaterländisches Zeitungsecho City-Manager Lapin so zusammen, dass der verschreckt von seiner "Privatmeinung" sprach. Kurz darauf gründete eine Allianz aus Kriegsveteranen, russisch-nationalen Volkspatrioten und Kommunisten ein "Komitee gegen die Regermanisierung Kaliningrads". Igor Rewin vorneweg.

Große historische Bedeutung


Die öffentliche und kontroverse Diskussion darüber, ob man den Städten im Gebiet Kaliningrad, wenn ihre Bewohner es denn wünschen, die historischen Namen zurückgeben sollte, ist freilich längst Teil der Kaliningrader Alltagskultur.

Jetzt hat sich auch Gouverneur Georgi Boos zu Wort gemeldet. Nicht zum ersten Mal, doch erstmal so deutlich. Im Gespräch mit dem Radiosender "Echo Moskwy", der zu einer Art Verlautbarungsorgan in der Kaliningrader Königsberg-Debatte zu avancieren scheint, zeigte der Gebietschef eine Menge Verständnis für die alten Namen der Ostpreußen-Provinz.

Stadtverwaltung von Sowjetsk-Tilsit: Keine eindeutige Meinung zum künftigen Namen der Stadt. (Foto: Plath/.rufo)
Stadtverwaltung von Sowjetsk-Tilsit: Keine eindeutige Meinung zum künftigen Namen der Stadt. (Foto: Plath/.rufo)
Als Beispiel nannte er Sowjetsk, die zweitgrößte Stadt des Gebietes, das frühere Tilsit. "Mit dem heutigen Namen verbinden viele, vor allem die jüngeren Einwohner der Stadt keine Tradition, keine positiven Emotionen mehr. Sowjetsk, die Stadt der Räte? Die Sowjetunion ist längst Vergangenheit."

Tilsit hingegen stehe für eine große historische Bedeutung der Stadt, auch in der russischen Geschichte – durch den Tilsiter Frieden. Vor diesem Hintergrund, meint der Gouverneur, sei zu verstehen, dass nicht wenige Einwohner von Sowjetsk dafür plädieren, der Stadt ihren historischen Namen zurückzugeben. "Und es ist nicht ausgeschlossen, dass dies früher oder später auch passieren wird."

"Unsere Geschichte, große Geschichte"


Insgesamt sei das Thema ein schwieriges und auch schmerzhaftes, das könne angesichts seiner Konsequenzen auch nicht anders sein, sagt Boos. Existenzrecht habe sowohl der heutige als auch der historische Name eines Ortes.

"Städte wie Gussew, Gurjewsk, Tschernjachowsk sind nach Helden der Sowjetarmee bekannt, sie führten die Erstürmung dieser Orte an. Das ist unsere Geschichte, große Geschichte. Aber man muss andererseits auch anerkennen, dass hinter den alten Städtenamen Kultur und Tradition stehen.

Und die Geschichte hatte auch ihre großen Ereignisse, die den Ort geprägt haben. Eine Entscheidung, wie die Stadt nun zukünftig heißen soll, ist da naturgemäß schwierig."

Doch da ein Kompromiss immer in der Mitte liege, dürfe man die Frage der Umbenennung weder mit Gewalt noch in großer Eile entscheiden, meint Georgij Boos.

Modell des Königsberger Schlosses: Deutsche Geschichte der Stadt in Kaliningrad längst Teil der Alltagskultur. (Foto: Plath/.rufo)
Modell des Königsberger Schlosses: Deutsche Geschichte der Stadt in Kaliningrad längst Teil der Alltagskultur. (Foto: Plath/.rufo)
"Und sie darf niemanden brechen. Darum wäre ich auch dagegen, in dieser Diskussion irgendetwas von oben anzuordnen. Wenn die Bewohner einer Stadt es wollen, wenn sie so eine Initiative gründen, dann muss es ein Referendum geben, in dessen Ergebnis sich zeigen wird, wie die Stadt heißen soll."

Rechtlich wäre das sogar möglich, ohne Gesetze zu ändern. Gebietswahlleiter Sergej Lunjow, von Amts wegen auch für die Durchführung von Bürgerentscheiden zuständig, sieht keine rechtlichen Hindernisse für solche Initiativen:

"Es müssen sich mindestens zehn Personen in einer solchen Bewegung zusammenfinden, sie können ihr Anliegen über den Stadtrat oder eine Partei einbringen und beantragen und dann Unterstützerunterschriften sammeln. Wenn mindestens fünf Prozent der Bevölkerung dafür sind, ist das Referendum zulässig."

Soweit ist es gekommen im Gebiet Kaliningrad: Der Gebietswahlchef erörtert öffentlich das Procedere von Bürgerentscheiden, russischen Orten die alten deutschen Namen zurückzugeben. Aber gibt es tatsächlich solche Initiativen? Oder ist das alles nur Theaterrummel von Gebietsbeamten, die sich wichtig machen wollen?

Sowjetsk oder Tilsit? Fifty-fifty.


Am weitesten in dieser Debatte ist sicherlich Sowjetsk. Hier erweisen nicht nur der örtliche Radiosender (Tilsitskaja Wolna), das städtische Theater (Tilsit-Teatr) und das offizielle Wappen der Stadt dem alten Namen die Ehre; seit drei Jahren gibt es auch eine Bürgerbewegung, die für die Rückbenennung in Tilsit wirbt.

Eine einheitliche Meinung sieht Bürgermeister Viktor Smilgin in der Stadt allerdings nicht: "Es steht so fifty-fifty. Die Jugend ist sicher mehrheitlich für Tilsit, bei den Älteren überwiegt Sowjetsk." Es sei ganz offensichtlich, dass die Bevölkerung für eine Umbenennung noch nicht bereit sei, meint Smilgin.

"Natürlich, man könnte jetzt einen Beschluss in den Stadtrat einbringen und die Leute vor vollendete Tatsachen stellen. Aber das wäre nicht richtig, und es wäre auch nicht gut. Der Name der Stadt, das ist ausschließlich eine Frage der Einwohner, und man darf sie nicht überstimmen. Die Zeit ist einfach noch nicht reif, kann sein, wir kehren irgendwann zu dieser Idee zurück."

Auf vielen Kaliningrader Autokennzeichen ist die Umbenennung munter im Gange. (Foto: Plath/.rufo)
Auf vielen Kaliningrader Autokennzeichen ist die Umbenennung munter im Gange. (Foto: Plath/.rufo)
Auch in den Ostseestädten sind die alten Namen längst wieder in Mode – nur: Umbenennen, das ist noch ein ganz anderes Thema. Das Seebad Selenogradsk etwa hat an den Ortseingängen auf großen Willkommens-Plakaten auch das deutsche "Cranz" darunter geschrieben.

In Swetlogrosk heißt ein Hotel und ein Restaurant nach dem alten "Rauschen". Ein "Zurück in die Zukunft" steht hier freilich nicht zur Debatte: "Der Name Swetlogorsk heißt übersetzt Stadt des Lichts, das ist eine gute Bezeichnung, und so sind wir als Kurbad heute auch in Russland bekannt", sagt Bürgermeister Walerij Tatschkow.

"Natürlich, wenn die Bewohner unserer Stadt eine Rückbenennung wollten, das wäre eine andere Sache, aber so eine Diskussion gibt es in Swetlogorsk nicht. Wir haben ja auch nicht eine so große historische Bedeutung wie etwa Tilsit oder Friedland."

Kniefall vor den Deutschen?


Ob Gussew-Gumbinnen, Tschernjachowsk-Insterburg, Prawdinsk-Friedland oder Bagrationowsk-Preußisch Eylau: Entdecken lassen sich die einstigen Namen mittlerweile vielerorts im einstigen Ostpreußen. Für Rewin und seine Genossen sind das "Kniefälle vor den Deutschen", Zeichen einer "schleichenden" Germanisierung im Gebiet Kaliningrad:

Bei Russland-Aktuell
• Volle Fahrt zurück: Leningrader Bahnhof bleibt - vorerst (10.07.2009)
• Kaliningrad gedenkt der Erstürmung Königsbergs (12.04.2009)
• Kein Treffen mehr an der Ecke 25. Oktober und 3. Juli (13.01.2009)
• Grosny: Tschetschenen wollen keinen Putin-Prospekt (06.10.2008)
"Dieses Stück fruchtbares Baltikum ist uns von der Sowjetmacht gegeben worden. Und damit begann hier eine andere, unsere Geschichte, welche man jetzt weiter schreiben muss, anstatt andauernd zurückzublicken."

Es gehe auch ihm nicht darum, die kulturhistorischen Spuren der Deutschen zu vergessen, beteuert der Kommunistenchef. Aber: "Wen sollen denn all diese Umbenennungen beglücken, wenn nicht die Deutschen? Will man auf diese Weise wirklich Investoren anlocken?

Das wird nicht passieren. Nein, wir müssen unsere Geschichte leben, unsere Feste feiern, unsere Wirtschaft entwickeln. Wir müssen nach vorn schauen und nicht in der Vergangenheit leben."

Diplomatische Zurückhaltung


Und die Deutschen? Die halten sich in Kaliningrad in dieser sensiblen Debatte diplomatisch zurück. Am deutlichsten tut das die Gesandtschaft Berlins in der einstigen Hauptstadt Ostpreußens.

Als Aristide Fenster, Generalkonsul der Bundesrepublik in Kaliningrad, jüngst von einer Gruppe junger Journalisten aus dem Ruhrgebiet gefragt wurde, was er denn von einer Umbenennung der Stadt in Königsberg hielte, antwortete er wie wenige Wochen zuvor Altbundeskanzler Gerhard Schröder in Kaliningrads Technischer Universität auf die Frage eines russischen Reporters:

"Das ist einzig und allein Sache der Kaliningrader, eine russische Angelegenheit. Für welchen Namen man sich entscheidet, wir werden es respektieren."



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Die Kaliningrad-Passage am Siegesplatz steht erst seit ein paar Jahren. Die Geschichte des Platzes reicht hingegen schon rund 100 Jahre zurück. Der Platz hieß zunächst Hansaplatz, zu Zeiten des Dritten Reichs Adolf-Hitler-Platz. Aus Königsberger Zeit ist das Rathaus erhalten geblieben. ( Topfoto: Ballin/.rufo)


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