Freitag, 23.11.2012

Kaliningrad: Rätselraten um das Grabmal Kants

Die Frage, wem das Grabmal Kants gehört, ist in Kaliningrad noch nicht geklärt (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Ende November, Zeit der Toten zu gedenken. Kaliningrad sucht Investoren für den Bau eines eigenen Krematoriums. Und fragt sich: Wem gehört eigentlich das Grab Immanuel Kants?
Wenn Kant das wüsste: Sein Grabtempel ein Niemandsland! Rein eigentumsrechtlich scheint das so zu sein, wenn man dem jüngsten Untersuchungsbericht der Gebietsstaatsanwaltschaft glauben darf.

Kant-Grab ist kein Staatseigentum


Bei einer Tiefenkontrolle der staatlichen „Behörde zum Schutz des kulturellen Erbes im Kaliningrader Gebiet“, ausgelöst durch zahlreiche offensichtliche Ungereimtheiten auf dem Gebiet von Denkmalpflege und Denkmalschutz, stellten die Ankläger neben zahlreichen Rechtsverletzungen auch dies fest: Das Grab des berühmten Philosophen ist nicht wie gesetzlich für „Objekte föderaler Bedeutung“ vorgeschrieben als Eigentum des Gebietes Kaliningrad registriert. Und im Status föderaler, also gesamtstaatlicher Bedeutung steht der Säulenanbau am Hohen Chor des Königsberger Domes immerhin seit mehr als zehn Jahren.

Die ungeklärten Eigentumsrechte klingen nach Bürokratie, haben aber einen durchaus seriösen Hintergrund: Im Falle des Falles ist für den Werterhalt, Restaurierungsarbeiten und eigentlich schon das Sauberhalten des Areals niemand zuständig.

Dombaumeister übernimmt Verantwortung


Bisher gingen offenbar alle sozusagen gewohnheitsmäßig davon aus, dass der 1922 erbaute, zuletzt 1998 sanierte Portikus zum „Herrschaftsbereich“ von Igor Odinzow gehört. Der knurrige Dombaumeister übt die Schlüsselgewalt über das Kantgrab mit der resoluten Durchsetzungskraft eines Militärbauingenieurs aus.

Als ihm immer öfter mal der Kragen platzte, weil Kaliningrads heiratsselige Brautpaare freitags und sonnabends nicht nur Blumensträuße zum stilisierten Granitsarkophag des großen Denkers bringen, sondern den würdigen Ort anschließend auch gleich mit ihren leer getrunkenen Sektflaschen garnierten, ließ er das Gittertor zwischen den Säulen einfach mit einem schweren Vorhängeschloss abschließen. Aus die Maus. Wer Kant seither mit Rosen ehren will, muss sie eben über den Zaun werfen.

Orthodoxe Kirche schielt auf den Königsberger Dom


Odinzows Firma „Kafedralnyj Sobor“ untersteht formal dem Kulturministerium der Exklave. Die Frage, wem das Kantgrab gehört, ist damit noch nicht beantwortet. Zumal sie sich neuerdings vor einem brisanten Hintergrund stellt: Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist, seit sie ihre Finger auch im Kaliningrader Gebiet nach „Objekten religiöser Bedeutung“ ausstreckt, besonders scharf auf den alten Königsberger Dom.

Im Moment liegt der Immobilienzank auf Eis, zu sehr steht der Dom in Kaliningrad im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Doch die Orthodoxen können sich auf ein neues Rückgabegesetz berufen – und werden das gewiss auch irgendwann tun. Im Falle eines Falles wäre dann die Frage: Ist das Grabmal Immanuel Kants ein Teil des Doms?

Die formalen Besitzverhältnisse sollen daher jetzt schleunigst geklärt werden. Die Vermögensagentur der Gebietsregierung hat bereits einen Antrag auf technische Inventarisierung gestellt, Vorraussetzung für die Registrierung des Grabtempels in den Katasterakten als Eigentum des Gebietes.

Der Friedhof in Kaliningrad stößt an seine Grenzen (Foto: Plath/.rufo)

Weite Wege ins Krematorium


Die Stadt Kaliningrad plagen derzeit, mit diesseitig-verwaltungstechnischem Blick auf Gräber und letzte Ruhestätten, ganz andere Sorgen. Man sucht Investoren für den Bau eines eigenen Krematoriums. Hintergrund: Immer mehr Einwohner wünschen sich nach ihrem Tod eine Urnenbestattung.

Bislang müssen Kaliningrader, die ihre verstorbenen Angehörigen einäschern lassen wollen, dafür weite Wege auf sich nehmen, von den bürokratische Hürden ganz zu schweigen: Die nächsten Krematorien stehen in Vilnius oder in der weißrussischen Hauptstadt Minsk, jeweils über 500 Kilometer von Kaliningrad entfernt.

Investoren für Krematorium gesucht


Darum rückt jetzt im allgegenwärtigen Werben um ausländische Investoren eine Branche ins Licht, von der bislang noch nie die Rede war: die Bestatter. Einige Skizzen und Vorprojekte für ein Krematoriumsgebäude gäbe es schon, sagte dieser Tage Oleg Bykow, Chef der Kommunalfirma „Alta“, in einer Internet-Konferenz des Webportals „Kaliningrad.ru“.

Derzeit sei man auf der Suche nach einem passenden Baugrundstück – außerhalb der Stadt in der Industriezone und wie gesetzlich vorgeschrieben mindestens einen Kilometer von Wohnbebauung, Krankenhäusern und sonstiger städtischer Infrastruktur entfernt.

Friedhof ist voll


Der zentrale Friedhof Kaliningrad stößt mittlerweile an Kapazitätsgrenzen, das riesige Gelände im Stadtteil Kosmodemjanskoje (Metgethen) ist beinahe ausgebucht. Mit Urnenbestattungen, wie sie in anderen russischen Städten mittlerweile bis zu 20 Prozent ausmachen, ließe sich Platz sparen, sagt Bykow, dessen kommunales Unternehmen unter anderem für die Friedhofsverwaltung zuständig ist.

Doch der Bau eines Krematoriums sei teuer, und eine Kostendeckung nur sehr langfristig erreichbar, räumt Bykow zugleich ein. „Es wird wohl sehr schwierig, hierfür einen Investor zu finden.“

Im deutschen Königsberg gab es ein Krematorium. Es stand in der Cranzer Allee, der heutigen Alexander-Newski-Straße, wurde nach dem Krieg unter sowjetischer Verwaltung noch einige Zeit weiterbetrieben und dann abgerissen.