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| Ratlosigkeit: Wie geht es weiter mit dem Haus der Räte (Foto: Plath/.rufo) | |
Mittwoch, 13.08.2008
Kaliningrad: Privatisierungsstreit um das Haus der Räte
Kaliningrad. Das „Dom sowjetow" (Haus der Räte) ist seinerzeit 38mal billiger verkauft worden als sein damaliger realer Wert war. Darum will die Gebietsregierung den Verkauf rückgängig machen. Und dann?
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Was wird aus dem Haus der Räte? Wann wird es endlich abgerissen? Wem gehört es eigentlich? Kaum ein Königsberg-Tourist, der nicht die immergleichen Fragen stellt zum Schicksal der berühmtesten Bauruine Kaliningrads, die als verschachtelter Fensterklotz am Rand des einstigen Schlossplatz thront: das „dom sowjetow".
Westlichen Journalisten diente es immer aufs Neue zur Bestätigung aller Kaliningrad-Vorurteile: Mahnmal eines gescheiterten sowjetischen Städtebau-Experiments, Beton gewordene Hässlichkeit, abweisend und grau.
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Nun hat man es wenigstens angestrichen. Seither, in blassblaugrauer Fassade, wirkt der 16stöckige Koloss nicht mehr so brutal und taugt nun auch nicht mehr so gut für die Generalkritik am Betongebirge auf der ausgelöschten Königsberger Innenstadt. Eine Schönheit ist das „Dom sowjetow" dennoch nicht. Die Vorstellung, dass demnächst das in historischer Ansicht wieder aufgebaute Königsberger Schloss in seinem kantigen Schatten wächst, mutet unweigerlich skurril an.
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Begehrt scheint das umstrittene Kaliningrader Wahrzeichen dennoch, natürlich vor allem wohl der lukrativen Stadtlage wegen. Wie tief es in Spekulationen steckt, lässt ein aktueller Untersuchungsbericht der Gebietsstaatsanwaltschaft erahnen.
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Als Schnäppchen verscherbelt Die Staatsanwälte haben Ermittlungsergebnisse vorgelegt zu jenem Vorwurf, mit dem die Gebietsregierung von Georgi Boos seit inzwischen fast zwei Jahren die Privatisierung des Rätehaus-Grundstücks anficht: Die Immobilie sei 2003, während der Regentschaft von Boos` Amtsvorgänger Wladimir Jegorow, weit unter dem realen Wert verkauft worden. Darum will die jetzige Regionalregierung die Veräußerung rückgängig machen.
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Aus Sicht der Staatsanwälte wohl zu Recht. Verkauft wurde das Grundstück für 7,2 Millionen Rubel (200.000 Euro). Der tatsächliche Wert lag schon damals laut Gutachten bei 275 Millionen Rubel (7,6 Millionen Euro). Inzwischen dürfte der Marktwert noch beträchtlich gestiegen sein.
Weil ein Schuldiger her muss, steht jetzt ein Mann vor dem Kadi, der den damaligen Verkauf zu verantworten hat: der Kaliningrader Geschäftsmann D., einstiger Chef der Firma „Kulturell Geschäftliches Zentrum" (KDZ). Bei einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauch drohen ihm bis zu fünf Jahre Knast.
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Trübes Geschäft Das Unternehmen KDZ, eine je zur Hälfte von Stadt- und Gebietsverwaltung gehaltenen Aktiengesellschaft geschlossenen Typs, war Anfang 2003 vom damaligen Gebietskomitee zur Verwaltung staatlicher Immobilien gegründet worden. Einziges Geschäftsobjekt: das Haus der Räte im Zentrum von Kaliningrad. Wie so oft in den trüben Spekulationsgeschäften jener Jahre folgte umgehend ein Bankrott der Immobilienfirma. Das Gericht setzte einen vorläufigen Verwalter ein - jenen Unternehmer D., einen Mann, der zu diesem Zeitpunkt offenbar schon die Interessen der in Moskau registrierten Baufirma „Protostroj" vertrat, so zumindest steht es in den Untersuchungsakten.
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Bald schon ließ D. demnach ein Wertgutachten für das Rätehaus-Grundstück einholen mit dem Ziel des Verkaufs. In die Versammlung der KDZ-Aktionäre soll D. mit bewusst irreführenden Zahlen gegangen sein. Vorgeschlagen habe er den Verkauf zu besagten 7,2 Millionen Rubel - 38 mal billiger als der eigentliche Wert. Drei Monate später war der Deal über die Bühne.
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Neue Fenster, frische Farbe Anfänglich, der große 750. Stadtgeburtstag Königsbergs nahte, ging es voran mit der Modernisierung des Betonklotzes. Protostroj ließ neue Fenster installieren, eine Brigade türkischer Gastarbeiter strich die Fassade. „Die neuen Besitzer zeigen sich von ihrer guten Seite", applaudierte die Kaliningradskaja Prawda und zitierte die neuen Rätehausherren, dass schon im Herbst 2006 die Rekonstruktion abgeschlossen sein solle und die ersten Mieter in das neue Geschäftszentrum einziehen würden. Sogar die Idee kam auf, die unter chronischem Platzmangel leidende Stadtverwaltung in die Etagen fünf bis sieben einziehen zu lassen.
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Doch dann durchkreuzte die neue Regionalregierung des energischen Gouverneurs Boos die Rätehaus-Rechnung und stellte Strafanzeige wegen des skandalösen Unter-Wert-Verkaufs. Protostroj fror alle Arbeiten im Dom sowjetow ein. Und plötzlich schwenkte auch der damalige Oberbürgermeister Juri Sawenko um: Die Kaliningrader seien beraubt worden, der Verkauf des DS sei ein einziger großer Betrug, wetterte er.
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Mag sein, dass Sawenko, inzwischen Staatsduma-Abgeordneter, sich demnächst zu den Rätehaus-Untersuchungen ein wenig zurückhaltender äußert. In das spekulative Geschäft mit der berühmtesten Bauruine Kaliningrads sind nämlich, so scheint es, auch eine Reihe hochrangiger örtlicher Verwaltungsbeamter verwickelt.
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Haus im Sumpf Denn die angebliche Moskauer Baufirma Protostroj ist ein seltsames Produkt. Gegründet mit einem Stammkapital von 10.000 Rubel, dem damaligen materiellen Gegenwert von zwei Bürotischen, ist zwar tatsächlich ein Moskauer Bürger als Besitzer des Unternehmens eingetragen - nur dass er es laut Staatsanwaltschaft in Wahrheit nie gewesen ist.
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Ein weiterer Protostroj-Gründer blieb den Untersuchungsorganen bis heute unauffindbar. Eine Person, die als Generaldirektor eingesetzt war, soll zu jenem Zeitpunkt eine Freiheitsstrafe verbüßt haben. Danach stieg dann ein Kaliningrader als Chef bei Protostroj ein - er leitete bis dahin ebenjene Staatliche Immobilienverwaltung, die schon das Unternehmen KDZ gegründet hatte...
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Auch Namen anderer früherer Mitarbeiter der einstigen Gebietsadministration sollen im Untersuchungsbericht auftauchen. Das Rätehaus steht quasi mitten in einem großen Sumpf. Da wundert es schon kaum noch, dass sich auch die Dokumente des Verkaufs als gefälscht erwiesen.
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Immerhin: Schief steht es nicht... Die Chancen, dass die Gebietsregierung diesen Prozess gewinnt, stehen demnach nicht schlecht. Was allerdings danach aus dem Haus der Räte werden soll - in dieser Frage herrscht noch Ratlosigkeit. Der städtische Generalbebauungsplan zeigt das Gebäude mit einer vorgehängten Glasfassade mit einer großen Pyramide auf dem Dach, in Nachbarschaft des wieder aufgebauten Königsschlosses. Doch das scheint eher eine Computer-Spielerei von Chefarchitekt Baschin gewesen zu sein als reale Planung.
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Immerhin, auch dies ist eine Legende: Das Haus der Räte steht nicht schief, wie es in den 1990ern immer wieder gern als Begründung für den Baustopp behauptet wurde. Die Frage seiner Zukunft macht das nicht leichter. Kaliningrad-Touristen und Stadtführer werden beim Anblick dieses konstruktivistischen Klotzes also noch eine Weile Gesprächsstoff haben.
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