Montag, 25.05.2009

Kaliningrad: Orthodoxe Kirche will den Königsberger Dom

Wiederaufgebaut: der alte Königsberger Dom (Foto: Plath/.rufo)
Thoralf Plath, Kaliningrad. In Kaliningrad ist ein bizarrer Streit entbrannt: Die Russisch Orthodoxe Kirche will den wiederaufgebauten Königsberger Dom in ihr Eigentum übertragen lassen. Dombaumeister Odinzow spricht von „Erpressung“.
Drei Jahre ist es her, seit die Russisch Orthodoxe Kirche im Zentrum von Kaliningrad, dem früheren Königsberg, ihre Christi-Erlöser-Kathedrale weihte: einen riesigen Marmorpalast am Platz des Sieges, schneeweiß, von fünf goldenen Kuppeln gekrönt. Der Hauptsaal fasst 3000 Gläubige, vom Portal fliegt der Blick eine hundertstufige Treppe hinunter über den Siegesplatz, vom dem sogar das Lenindenkmal abgeräumt wurde, um den Blick auf die Kathedrale nicht zu verderben.

Eindrucksvoller lässt sich neuer geistlicher Führungsanspruch kaum demonstrieren. Doch der wiederauferstandenen russischen Staatskirche ist das nicht genug. Jetzt strecken die Priester ihre Hand auch nach dem alten deutschen Dom aus.

Zentral und gewaltig: Die neue Christus-Erlöser-Kathedrale in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Offiziell steht dahinter ein Gesetzentwurf des russischen Wirtschaftsministeriums, Stätten religiöser Zweckbestimmung aus Staatsbesitz wieder an die ursprünglichen Eigentümer zurückzugeben – als eine Art später Wiedergutmachung für die Zwangsenteignungen nach der Oktoberrevolution von 1917.

In Russland ist dieser ursprüngliche Besitzer in den meisten Fällen die Orthodoxe Kirche, sie hat den Gesetzentwurf auch maßgeblich initiiert. Doch Königsberg war damals noch Deutschland. In Königsberg besaß die Orthodoxie, historisch gesehen, gar nichts.

Brief an Putin



Patriarch Kyrill persönlich schrieb daher Anfang April ein Brief an Ministerpräsident Wladimir Putin mit der Bitte, bei der Übertragung aller Kaliningrader Objekte mit religiöser Bestimmung einschließlich des Königsberger Doms an die Orthodoxe Kirche behilflich zu sein.

Er hoffe, schrieb Kyrill, Putin, der sich um die Wiedererstarkung der Orthodoxie in Russland verdient gemacht habe, werde sich in Sachen Kaliningrad verwenden. Ansonsten drohe es wegen der „besonderen multikonfessionellen Situation des Kaliningrader Gebiet“ zu ethnischen und religiösen Konfrontationen zu kommen.

Kyrill sollte wissen, was er sagt. Er war vor seiner Ernennung zum Oberhaupt der Russisch Orthodoxen Kirche Metropolit von Smolensk und Kaliningrad. Und ließ schon damals keine Gelegenheit aus, das missionarische Wirken „russlandfremder“ Kirchen im einstigen Königsberg zu geißeln.

Mehr Museum als Kirche



Die neue Orgel. Wöchentliche Konzerte im Dom (Foto: Plath/.rufo)
Doch der Königsberger Dom, der einsam auf der Pregelinsel Kneiphof aufragt, ist heute eher historischer Gedächtnisort denn Kirche. Seit 1992 aus einer kriegszerstörten Ruine wiederaufgebaut, symbolisiert die fast 700jährige Basilika im Stil der norddeutschen Backsteingotik nun das Bekenntnis des russischen Kaliningrad zu seiner lange tabuisierten deutschen Geschichte: Sinnbild für das alte Königsberg, für Ordensstaat und Reformation, Untergang und Neuanfang.

Im Turm erinnert ein Museum an die historische Hauptstadt Ostpreußens, an die 1944 im Feuersturm britischer Bomben verglühte Kaufmannsinsel Kneiphof und an den Königsberger Philosophen Immanuel Kant, der an der Nordwand des Doms begraben liegt und von den Kaliningradern verehrt wird wie ein Landsmann.

Mehr als 40 000 Menschen besuchten das Dommuseum im vorigen Jahr. Zweimal wöchentlich gibt Domorganist Artjom Chachaturow ein öffentliches Konzert auf der großen neuen Schuke-Orgel. Meist beginnt er mit Bachs d-moll-Toccata, und dann ist es, als lausche Kaliningrad in seine eigene Vergangenheit hinein.

Kirche ist der Dom nur noch nebenbei. Zwei kleine Gedächtniskapellen, eine lutherische und eine orthodoxe, stehen den Besuchern für stille Andachten offen.

“Russisch-orthodoxer Angriff auf die Kultur dieser Stadt“



Für Igor Odinzow, Chef der Dombaufirma Kafedralny Sobor, ist die Forderung der Orthodoxie daher absurd und nicht hinnehmbar. „Das ist ein Verbrechen, ein Angriff auf die Kultur dieser Stadt. Und ein Versuch, sich rechtswidrig etwas anzueignen. Die Russisch Orthodoxe Kirche hat mit dem Dom nichts zu tun, nicht mit seiner Architektur und schon gar mit seiner Geschichte. Wenn schon, dann müsste man den Dom den Lutheranern zurückgeben.“

Dombaumeister Igor Odinzow (Foto: Plath/.rufo)
Probleme ist der 62-jährige Dombaumeister eigentlich gewöhnt. Seit dem Beginn des Wiederaufbaus hatte er es immer wieder mit Widerstand von allen Seiten zu tun: Russische Nationalisten schäumten, er belebe ein Symbol des deutschen Faschismus. Deutsche Denkmalschützer mäkelten an der Qualität der Restaurierungsarbeiten herum.

Odinzow ließ sich davon nicht beirren. Energisch, eigensinnig und bisweilen verbissen trieb er den Wiederaufbau der Ruine voran und machte aus einer anfangs aussichtslos scheinenden Vision ein großes Gemeinschaftswerk: Zahllose private Spenden flossen, kleine und größere, anfangs vor allem aus Deutschland, später auch von den Russen selbst.

Orgel krönt Wiederaufbau



Die Hamburger Zeit-Stiftung finanzierte das neue Dach. Bundesmittel ermöglichten die Restaurierung des Kant-Grabes. Der russische Ölmilliardär Alekperow stiftete einen Konzertflügel. Gekrönt wurde das „zweite Leben“ des 1333 gegründeten Königsberger Doms im vorigen Jahr mit der Weihe der neuen Orgel – einem Meisterwerk der renommierten deutschen Firma Schuke, innen High-Tech, außen den barocken Originalprospekt zitierend. Ein Geschenk der russischen Regierung.

Mehr als sieben Millionen Euro seien bis heute in den Dom geflossen, sagt Odinzow. „Von der Russisch-Orthodoxen Kirche kam nicht eine Kopeke. Kyrill selbst hat in der Vergangenheit als Metropolit betont, kein Interesse am Dom zu haben. Jetzt plötzlich erhebt man solche Ansprüche? Das ist doch kein Zufall.“

Lukrative Baugrundstücke gibt es auf dem Kneiphof und drumherum (Foto: Plath/.rufo)

“Der Kirche geht es nicht um Kultur und Glauben – sondern um Grundstücke“



Der Dombauchef vermutet hinter dem Versuch der Staatspriester, den Königsberger Dom in ihr Eigentum übertragen zu bekommen, knallharte kommerzielle Interessen. „Zum Dom gehört ein großes Grundstück hier auf der Insel. Potenziell ist dies eine der lukrativsten Lagen in Kaliningrad, wenn wie geplant die Königsberger Altstadt wiederaufgebaut wird. Die Orthodoxe Kirche will da mit im Boot sein, die Geschäftstüchtigkeit des Patriarchen ist ja bekannt..“

Orthodoxe Kirche sagt: Gerüchte und Panikmache



In der Kaliningrader Eparchieverwaltung der Orthodoxen Kirche schweigt dazu. Das seien alles nur Gerüchte, und Gerüchte kommentiere man nicht, hieß es bislang nur.

Im Falle einer Übertragung gehe es nur um Eigentumsrechte und nicht darum, dem Dom architektonisch das Aussehen einer Orthodoxen Kirche zu verleihen. Auch an der Nutzung als Museum und Kulturstätte solle sich nichts ändern. Die Vorwürfe des Dombauchefs bezeichnete man daher als Panikmache.

Doch Igor Odinzow verweist auf Schreiben aus dem Moskauer Patriarchat an die Gebietsregierung Kaliningrad, Abteilung Verwaltung föderalen Eigentums: Damit beantragte Bischofssekretär Marian Posunj schon am 29. Dezember 2008 offiziell die Übertragung des Doms und zweier weiterer historischer Königsberger Gotteshäuser in das Eigentum die Russisch Orthodoxen Kirche.

„Wenn die Orthodoxe Kirche mit dieser erpresserischen Forderung durchkommt, wäre eine grobe Beschädigung des Ansehens Kaliningrads auch und gerade in Deutschland“, meint Odinzow.

Jetzt hat auch Dombaumeister Odinzow einen Brief nach Moskau geschrieben, bittet Präsident Dmitri Medwedew um Unterstützung. Eine Antwort steht noch aus.