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Zeugnisse reicher Geschichte: Prussia-Exponate der Kaliningrader Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum (Foto: tp/.rufo)
Zeugnisse reicher Geschichte: Prussia-Exponate der Kaliningrader Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum (Foto: tp/.rufo)
Freitag, 20.07.2012

Kaliningrad: Museum lässt Ur-Preußen auftauchen

Kaliningrad. Wie lebten die Menschen hier, bevor die Mönchsritter des Deutschen Ordens einfielen? Wer waren die alten Pruzzen? Das Kaliningrader Museum für Geschichte und Kunst öffnet seine archäologische Schatzkammer.

„Uraltes Preußen“ ist eine Sonderausstellung überschrieben, mit der das Kunsthistorische Museum seit dieser Woche und noch bis Ende August mal locker einen Bogen über zehntausend Jahre Siedlungsgeschichte schlägt: Von den dunkel dämmernden Schlussakkorden der Jungsteinzeit bis in das frühe Mittealter, als der Deutsche Orden hier die heidnische Urbevölkerung unterwarf und seinen theokratischen Staat errichtete, reicht die Schau.

Die schönsten 600 Exponate aus dem reichen Fundus des Museums hat Chefarchäologe Anatoli Walujew für die Ausstellung zusammengestellt: Streitäxte und filigraner Nordmännerschmuck, arabische Münzen, Bernsteinperlen, Keramik.

Wo und wann
Die Sonderausstellung ist bis Ende August zu sehen.
Das Kaliningrader Gebietsmuseum für Geschichte und Kunst im Internet: www.westrussia.org
Das älteste Stück ist fast 12.000 Jahre alt – ein Rentiergeweih, in das ein steinzeitlicher Jäger einige Zeichen schnitzte, deren Bedeutung er mit ins Grab nahm. Man fand das Gehörn im Moorboden nahe des Dorfes Popelken, heute Wysokoje bei Polessk (Labiau).

Viele der gezeigten Funde gibt es nur ein einziges Mal im Ostseeraum. „Jedes Exponat erzählt seine eigene Geschichte“, sagt Walujew. „Es ist die Geschichte einer hochentwickelten, Fernhandel treibenden und ausgeprägt sozialen Kultur, wie sie nicht erst mit dem Deutschen Orden in dieses Land kam.“

Das Erbe der alten „Prussia-Sammlung“


Archäologische Funde sind nahezu die einzigen erhaltenen Zeugnisse dieser versunkenen Welt. Schriftliche Quellen gibt es kaum, ebenso spärlich berichten die alten Chroniken über Leben, Glauben und Sterben der baltisch-pruzzischen Ureinwohner dieses Landstrichs. Von ihnen blieb nur der Name: Aus Pruzzen wurde Preußen.

Eine Schatzkiste aus vielen Jahrhunderten Frühgeschichte: Stücke aus der Prussia-Sammlung (Foto: tp./rufo)
Eine Schatzkiste aus vielen Jahrhunderten Frühgeschichte: Stücke aus der Prussia-Sammlung (Foto: tp./rufo)
Die neue Sonderschau des Museums reiht sich ein in eine archäologisch-museale Tradition, die bis weit in die ostpreußische Zeit zurückreicht. Im Königsberger Schloss war bis zur Bombardierung 1944 die Prussia-Sammlung untergebracht, eine der größten und reichsten Kollektionen ihrer Art in Europa. Mehr als 240.000 Exponate zählte diese legendäre Retrospektive der Frühgeschichte, gegründet von der Königsberger Altertumsgesellschaft „Prussia“.

Dass die Spatenzunft in Ostpreußen so populär war, hat Gründe. Keine Kulturlandschaft an der Ostsee ist so reich an archäologischen Funden wie die Gegend zwischen Weichsel und Memel, wo sich die Spuren viele Völker kreuzten und mischten: baltische und finnougrische Stämme, Wikinger, Germanen, Slawen.

Sensationsfund im Festungskeller


Die Prussia-Sammlung zerstob in den Feuerstürmen zu Kriegsende, nur vereinzelt tauchten Reste und Einzelstücke wieder auf. Darum ging der Fund als Sensationsmeldung durch Europas Presse, den Walujew und sein Kollege Konstantin Skworzow im November 1999 im alten Fort Nr. III am nördlichen Kaliningrader Stadtrand machten: Im Schutt der Kasematten fanden sie archäologische Exponate, die zweifelsfrei aus der Prussia-Sammlung stammten.

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• Kaliningrad: Exponate der Prussia-Sammlung entdeckt (19.03.2009)
Ein Tipp aus der Raubgräber-Szene hatte die Museumsleute auf die Spur gebracht, in den nächsten Monaten barg Walujews Team in der Königsberg-Festung um die 30.000 Stücke: Münzen, Schmuckfibeln, Bernsteinperlen, vieles in Bruchstücken.

Mit finanzieller Hilfe der Hamburger Zeit-Stiftung gelang es, die Trümmer fachgerecht zu restaurieren. Heute bilden sie das Herzstück der neuen Kaliningrader „Prussia-Sammlung“, deren Erbe das Museum in der historischen Stadthalle ehrt und pflegt. Auch einige Pretiosen aus diesem Fundus sind derzeit in der Sonderausstellung zu sehen.

Schmuck aus Pruzzengräbern


Andere Exponate zeige man erstmals öffentlich, wie Walujew sagt. Wertvolle bronzene Schmuckfibeln aus dem pruzzischen Gräberfeld Alt Wehlau etwa, an die tausend Jahre alt und so selten, dass sie unter besonderem Verschluss liegen.

Landschaft mit doppeltem Boden: Archäologische Ausgrabungsfläche bei Kaliningrad (Foto: tp/.rufo)
Landschaft mit doppeltem Boden: Archäologische Ausgrabungsfläche bei Kaliningrad (Foto: tp/.rufo)
Alt Wehlau und Anatoli Walujew, das ist eine besondere Geschichte. Diese riesige Begräbnisstätte der Pruzzen entdeckt zu haben, bezeichnet der Archäologe als seinen größten und wichtigsten Fund. Er begann mit einem Zufall im Frühjahr 1993: Walujew war bei seinen Eltern im heutigen Snamensk (Wehlau) zu Besuch und ging ein bisschen spazieren. Dabei sah er sich eine Hausbaustelle am Feldrand genauer an – wo Bagger arbeiten, gehen Archäologen nicht vorbei.

Zunächst sah Walujew nur ein paar Knochenreste, dann schaute er genauer hin und entdeckte eine Schmuckspange in der typischen Form der heidnischen Ureinwohner.

In den nächsten Monaten ruhte die Baustelle, dafür rückten die Archäologen mit einem Grabungskommando an - um eines der reichsten vorchristlichen Gräberfelder im Baltikum freizulegen. „Die Funde zeigen, dass die alten Pruzzen noch jahrhundertelang unter den Ordensrittern ihre alten Traditionen weiterpflegten und lebten“, sagt Walujew.

Ausstellung jenseits politischer Debatten


Die Sonderausstellung führt zurück in eine Zeit, in der das Vielvölkerland an der Bernsteinküste noch weder den Deutschen noch den Russen gehörte, in der solcherart Nationalitäten keinerlei Rolle spielten. Vielleicht sind auch deshalb archäologische Projekte so populär in Kaliningrad, ziehen Ausstellungen so viel Publikum an. In der Welt, die die Spatenwissenschaft präsentiert, haben politisches Gezänk und patriotisches Getöse Schweigepflicht.

Einst war das Pruzzenland eine wirtschaftliche Drehscheibe in Europa (Foto: tp/.rufo)
Einst war das Pruzzenland eine wirtschaftliche Drehscheibe in Europa (Foto: tp/.rufo)
Für Anatoli Walujew ist es schlichtweg – spannende Geschichte. In einer Nuance zudem, die das Gebiet Kaliningrad auch im russischen Kontext einzigartig macht. Denn die Pruzzen waren keine Slawen, sondern Balten.

In den 1980er Jahren begann er dem Preußen-Thema zu verfallen, als junges Mitglied im Grabungsteam des sowjetisch-baltischen Chefarchäologen Wladimir Kulakow. In einer Zeit, als Geschichte in Kaliningrad offiziell noch 1945 begann, gründete Walujew mit Gleichgesinnten das kulturhistorische Zentrum „Prussia“.

Erste Preußen-Schau im „Haus der Offiziere“


Man träumte von einem Museum, begann das verfallene, als Autowerkstatt genutzte Friedrichsburger Tor herzurichten. Dann, 1992, kam ein Hilfsangebot ausgerechnet von der Armee. Im „Haus der Offiziere“ richteten Kaliningrads Preußen-Russen ihre erste Ausstellung ein, die Jelzin-Zeiten waren verrückt genug für solche Konstellationen. „Wir hatten soviel Besucher, an manchen Tagen war das kaum zu bewältigen“, erinnert sich Walujew.

Zwei Jahre ging das gut, dann zogen die Offiziere die Notbremse, auf Druck von oben. „Eine Aussstellung mit so unpatriotischem Namen ist nicht gut für die Bevölkerung“, hieß es zur Begründung. Doch da war schon die Stadthalle im Umbau, bald zog das Museum an seinen heutigen Ort…

Dort nehmen Kaliningrads ur-preußische Wurzeln heute einen zentralen Platz ein – zwischen den pathetischen Dioramen des „Sturms auf Königsberg“ und der Flora und Fauna des Zehlau-Hochmoores.

Und beim Gang durch die Säle der Stadthalle sind es nur ein paar Meter von Prussia nach Russia.



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Uwe Niemeier 20.07.2012 - 16:38

Ich "aute" mich ...

… als Kulturmuffel. Jahrzehnte habe ich mich von meiner geschäftlichen Tätigkeit „auffressen“ lassen und habe mir alle Genüsse, einschließlich kultureller Genüsse „versagt“. Nun war ich vor wenigen Tagen im Kaliningrader Zoo, wo eine kleine Ausstellung zur Geschichte des „Max-Aschmann-Parks“ gezeigt wird. Für mich interessant, weil ich in diesem Park wohne und dort jeder Schritt „Geschichte duftet“. Nun macht mir Thoralf Plath mit seinem Artikel neuen Appetit, meine Schritte doch mal in ein Museum zu lenken und mir diese Ausstellung anzuschauen. Eigentlich ja ein wenig peinlich, immerhin lebe ich seit 1995 in Kaliningrad und habe mich bisher zu wenig mit diesen, an sich doch interessanten, Dingen beschäftigt. In diesem Jahr habe ich bereits mehrmals die Möglichkeit gehabt deutschen Besuch in Kaliningrad zu betreuen und ich habe mich etwas schwer getan, hierfür einen interessanten Besuchsplan zu entwickeln. Ich war der Meinung das Kaliningrad für Touristen nur bedingt interessant ist – die große Nostalgiewelle ist ja vorbei. Aber wenn man sich ein wenig intensiver mit den Angeboten beschäftigt – und da sind solche Artikel wie dieser vorliegende sehr hilfreich – merkt man doch, dass Interessantes ausreichend für Kaliningrad-Besucher vorhanden ist.
Allerdings kenne ich einige der von Thoralf Plath erwähnten Königsberger Festungsanlagen. Die, die ich kenne, befinden sich alle in einem traurigen Zustand. Ich stehe bei meinen Spaziergängen oft vor solchen Festungsteilen und überlege was man interessantes daraus machen könnte: Ein Weinrestaurant mit einer kleinen Ausstellung, eine Mini-Festungsunterkunft für Touristen mit dem Bedarf nach etwas Besonderem, ein Museum für Privatausstellungen – ach, es gibt so viele Gedanken, wie man mit relativ wenig Aufwand vieles bewegen kann. Und wenn man noch ein wenig Geld mitbringt und Initiative – dann finden sich bestimmt auch noch europäische oder russische oder Kaliningrader Fördergelder.
Es gibt „napoleonische Pläne“ – wie der Russe liebt zu sagen, um Kaliningrad zu einem Touristenpool zu machen. Acht Millionen Touristen will der Gouverneur jährlich betreuen – eine gewagte Ziffer, aber zwei Millionen sind ja auch nicht schlecht, wenn wir uns daran erinnern, dass im vergangenen Jahr mal gerade 450.000 Besucher in Kaliningrad waren. Die Flugverbindung zwischen Berlin und dem Königsberger Kaliningrad steht stabil, es gibt eine Assoziation ausländischer Investoren in Kaliningrad mit besten Beziehungen zur Regierung – was hindert also die kulturhistorisch interessierten Deutschen nach Kaliningrad zu kommen und zu schauen was man hier machen kann: Eigentlich nur eins: die Visapflicht. Aber auch da könnte Deutschland helfen – wenn es denn wollte.


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