Donnerstag, 30.08.2012

Kaliningrad: Jüdische Gemeinde gewinnt Zirkus-Prozess

So sah die Neue Synagoge von Königsberg einst aus. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Synagoge oder Zirkus? Das war seit Monaten die Frage in Kaliningrad. Ein Gericht hat sie jetzt entschieden: zugunsten der jüdischen Gemeinde. Sie darf ihr Gotteshaus bauen.
Eine formale Genehmigung der städtischen Behörden zum Bau einer neuen Synagoge hat die jüdische Gemeinde Kaliningrad eigentlich schon lange in der Tasche. Sogar eine symbolische Grundsteinlegung wurde im vorigen Jahr bereits gefeiert. Doch da gab es ein Problem.

Auf dem Areal der früheren Königsberger Hauptsynagoge gegenüber der Dominsel, wo das neue Bethaus der jüdischen Gemeinde entstehen soll, hat seit den 1990er Jahren der Kaliningrader Zirkus „Jantar“ sein blau-gelbes Zelt aufgeschlagen. Und die Artisten dachten nicht daran, den Platz zu räumen: Sie zogen gegen die Baupläne der Israeliten vor den Kadi.

Zirkus hat keine rechtliche Grundlage für den Platz


Das 13. Schiedsgericht ließ sich Zeit, doch jetzt hat es ein Urteil gefällt: Die Übertragung des Grundstücks an die jüdische Gemeinde ist rechtens, die Synagoge darf gebaut werden. Der Zirkus, so der Richterspruch kurz zusammengefasst, beharre auf der Nutzung des Geländes ohne rechtliche Grundlage.

Das Gericht verweist auf einen städtischen Erlass, dass den Zirkusleuten bereits vor Jahren ein anderes Grundstück zugewiesen worden sei – im Südpark, historisch der einstige Wallring zwischen Friedländer Tor und Hauptbahnhof.

Diese Alternative hatte die Stadt, noch unter Oberbürgermeister Juri Sawenko, der Kaliningrader Manegen-Truppe schon 2003 angeboten – damals freilich noch aus ganz anderen Gründen. Das gesamte Gelände östlich der heutigen Oktoberstraße, der früheren Königsberger Lindenstraße, war im Zuge des städtebaulichen Rahmenplans für den Neubau eines Fußballstadions vorgesehen.

Auch das benachbarte Messegelände sollte dem Umzug der „Baltika“-Arena aus dem Stadtzentrum auf die Oktoberinsel weichen.

2011 wurde der symbolische Grundstein für die Kaliningrader Synagoge gelegt. (Foto: Plath/.rufo)
Um die Stadion-Pläne wurde es bald wieder still. Erst im vorigen Jahr lebten sie wieder auf, nun mit Blick auf die Fußball-WM 2018: Sollte Kaliningrad zu den Austragungsorten zählen, ist die alte Pregelinsel Lomse als Standort für das WM-Stadion vorgesehen.

Synagogenbau an historischer Stelle


Der Bau einer neuen Synagoge steht längst auf einem anderen Blatt. Das Projekt ist genehmigt, formell seit 2008 – und zwar am historischen Ort, wo einst die nach Plänen des Berliner Architektenbüros Cremer & Wolffenstein erbaute, 1896 geweihte Königsberger Hauptsynagoge stand.

Dort, gegenüber der Honigbrücke auf die Dominsel, erinnert heute nur noch eine Gedenktafel am Giebel des früheren jüdischen Waisenhaus an die Pogromnacht des 9. November 1938, als Nazis die Synagoge verwüsteten und ansteckten. Es war das erste Haus, das brennend den Untergang Königsbergs prophezeite. Entzündet von Deutschen, nicht von Engländern, nicht von Russen.

Das ehemalige jüdische Waisenhaus überstand die Pogromnacht und die Zerstörungen der Sowjetzeit. (Foto: Plath/.rufo)
Eine jüdische Gemeinde durfte sich in Kaliningrad wie fast alle Glaubensgemeinschaften erst im Tauwetter der Perestroika wieder gründen, zu sowjetischen Zeiten war das tabu. Sie hat heute über tausend Mitglieder, doch bis heute kein „Dach über dem Kopf“ – vor der Baugenehmigung für eine Synagoge drückten sich die Kaliningrader Behörden fast 20 Jahre lang.

Einst drittgrößte jüdische Gemeinde


Die neue Synagoge, möglich geworden durch eine Großspende eines Kaliningrader Geschäftsmanns, soll bis 2016 fertig sein und in ihrer äußeren Architektur dem historischen Vorbild entsprechen – das Innere ist als moderner geplant. Auch der Name lehnt sich bewusst an die Zeit der großen liberalen jüdischen Gemeinde der Vorkriegszeit an: Kjonigsbergskaja Sinagoga.

Königsberg hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands – nach Berlin und Breslau. Damals gab es in Ostpreußens Hauptstadt mehrere Synagogen, die größte war die Neue Synagoge. Ihre Architektur galt als Beispiel für die Synthese von Backstein(neo)gotik und maurischen Formen.

Als nordische Variante des orientalischen Synagogenbaustils stand sie für das Selbstbewusstsein der 1871 von Kaiser Wilhelm II. emanzipierten Juden: ein hoher überkuppelter Zentralbau im Stil des Eklektizismus, geschmückt von einem repräsentativen Portal, das eine Rosette mit dem Davidstern zeigte.