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| Stadtgeschichte taucht wieder auf: Grabungsfläche des Königsberger Schlosses. | |
Donnerstag, 22.11.2007
Kaliningrad: Grabung des Schlosstunnels erst 2008
Kaliningrad. Die Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Königsberger Schlosses gehen für dieses Jahr zuende. Der im Südostflügel entdeckte mysteriöse Tunnel soll erst 2008 erkundet werden.
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Sich weiter in die verschüttete Ziegelsteinröhre vorarbeiten zu können, ist vor allem eine Frage der Sicherheit. Niemand kann derzeit mit Gewissheit sagen, wie haltbar die Wände des Tunnels sind, der mit steilem Gefälle in die Tiefe führt. Doch um dort hinabsteigen zu können, muss tonnenweise Schutt hinausgeschleppt werden – ein gefährlicher Job.
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„Außerdem ist eine Sondergenehmigung für diese Arbeiten notwendig, da Teile des Tunnels außerhalb des Schlossgrundstücks verlaufen“, sagt Anatolij Walujew, Chefarchäologe des Kaliningrader Museums für Geschichte und Kunst, unter dessen Regie die Schloss-Ausgrabungen laufen. „Bis 2008 sollen diese Fragen aber geklärt sein, so dass wir die Arbeiten im Tunnel dann fortsetzen können und wollen.“
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Bisher 35 Meter freigeschaufelt
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Entdeckt wurde der rätselhafte Gang schon im vorigen Jahr. Er führt durch die Außenwand des Südflügels, einem der ältesten Teile des 1255 gegründeten Königsberger Schlosses, das in seiner Entstehungszeit mehr einer Burg glich. Gut 35 Meter tief gruben sich die Archäologen in die enge Röhre vor, dann wurden die Arbeiten zu riskant.
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| Tor zur Schatzkammer? Tunneleingang im Südflügel des Schlosses. |
Das Schaufeln stellte man ein, nicht aber die Recherche. Demnach wurde der Gang Ende des 14. Jahrhunderts angelegt. „Er diente wahrscheinlich dem Zweck, die Burg unbemerkt zu verlassen, zum Beispiel im Fall einer feindlichen Belagerung“, vermutet Walujew. Freilich verläuft der Gang steil in die Tiefe, und wo er wieder ans Tageslicht führte, ist noch völlig unbekannt. Die tiefste bislang vermessene Strelle liegt, von der Sohle des Schlosskellers gerechnet, in fast acht Metern Tiefe.
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Längst wabern um die Röhre wilde Spekulationen. So etwas dauert nicht lange in Kaliningrad, dessen Plattenblocks nach 1945 nach sowjetischem Einheitsmuster über die eingegebnete Topographie des historischen Königsberger Stadtzentrums geklotzt wurden: Das versunkene Königsberg geriet so zum Mythos, und jeder Mauerrest, der heutzutage bei Bauarbeiten wieder auftaucht, heizt die öffentliche Phantasie an, als führte die alte Stadt dort unten immer noch ein dunkles, verborgenes Leben.
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Einstieg in Königsbergs „Unterwelt“?
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Mit dem Schloss treiben es die Kaliningrader Mythenforscher besonders bunt. Es ist die Keimzelle Königsbergs, sein ältestes Bauwerk, Wahrzeichen und Mahnmal – und Symbol einer für die heutigen Beqwohner erst seit wenigen Jahren zugänglichen Geschichte. Hier kommt alles zusammen: Gotik, Deutscher Orden, Preußens Gloria.
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| Gibt es unterirdische Verbindungen? Dom und die alte Börse. | |
Da kam die Entdeckung des Tunnels gerade recht. Manchen erscheint er wohl wie der Eingang in ein unterirdisches Reich dieser doppelbödigen Stadt. Sergej Trifonow etwa, selbsternannter Historiker und schillernder Frontmann aller Kaliningrader Geheimnisforscher, sieht den Schacht als Teil eines verzweigten mittelalterlichen Tunnelsystems zwischen Schloss und dem „Kneiphof“, der von zwei Pregelarmen umströmten Dominsel unterhalb des Schlosshügels. Er will dafür „in deutschen Archiven“ hinlängliche Beweise gefunden haben.
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Um vom Schloss zum Dom zu gelangen, müsste der Tunnel allerdings auf einer Strecke von etwa einem halben Kilometer nicht nur 30 bis 40 Meter Höhenunterschied bewältigen, sondern auch den Pregelfluss unterqueren, was Fachleute für technisch unmöglich halten. Auch im historischen Kontext gibt es Zweifel: Warum sollte zwischen dem Schloss des Deutschen Ordens und dem bischöflichen Dom ein Tunnel gegraben worden sein? Ordensritter und die samländischen Bischöfe waren im Mittelalter erbitterte Machtkonkurrenten, eine so aufwändig gebauter geheimer Trail machte da wenig Sinn.
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Und ewig lockt das Bernsteinzimmer
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Dennoch legen Lage und Richtung des Gangs durchaus nahe, dass eine solche Verbindung zwischen dem Kneiphof und dem Schloss existieren könnte. Zumal ein weiterer Einstieg in eine Tunnelröhre im Keller der alten Königsberger Bärse lokalisiert worden sein soll, direkt auf der gegenüberliegenden Seite der Dominsel.
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Wie auch immer: Der im Schloss entdeckte mittelalterliche Notausgang stützt die These, dass in einem solchen Versteck bis heute verschollene Kunstschätze Königsbergs lagern, allen voran: das Bernsteinzimmer. Spuren zu finden, die helfen könnten, den Verbleib des seit 1945 verschwundenen legendären Kleinods aufzuklären – mit diesem Ziel begann das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vor gut fünf Jahren, die Ausgrabungen der Schlosskeller zu finanzieren. Doch auch am Ende der diesjährigen Grabungssaison, die Chefarchäologe Walujew gestern vor der Kaliningrader Presse bilanzierte, deutet keiner der vielen Funde auf das Schicksal des Bernsteinzimmers hin.
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Mehrere hundert Funde geborgen
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| Auch ohne Bernsteinzimmer ein Erfolg: Exponat der Schloss-Grabungsfunde. |
Unzufrieden scheint Walujew mit den Grabungsergebnissen dennoch nicht. Im Gegenteil: Mit dem in diesem Sommer freigelegten Südflügel ist nun der größte Teil der noch erhaltenen Reste des Schlosses untersucht, und die Ausgrabungen brachten bislang einige hundert Einzelfunde zutage, darunter diverse Exponate aus den einst im Schloss untergebrachten Museen und Ausstellungen.
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In diesem Jahr barg man unter anderem die Plastik eines Frauenkopfs aus dem frühen 20. Jahrhundert, mehrere Münzen und Medaillen, Teile eines Bernsteinarmbands. Nach ihrer Restaurierung sollen alle Funde in eine große Dauerausstellung eingehen, die das Kunsthistorische Museum mit den Schlossfunden plant. Die Geschichte des Königsbergser Schlosses ist in Kaliningrad ein musealer Dauerbrenner. Sogar als Trümmerspur.
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Im kommenden Jahr wolle man die Ausgrabungsarbeiten fortsetzen, so Walujew gestern. Im Mittelpunkt des Interesses werden dann zweifellos die ominösen Gänge zwischen Schloss und Dominsel stehen. Ob sie tatsächlich existieren, darüber hegt zwar mancher seine Zweifel. Doch die gab es auch in Bezug auf den Tunneleingang. Bis man ihn entdeckte...
(Thoralf Plath/.tp/.rufo)
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