Europainstitut Klaus Mehnert (EIKM) an der Kaliningrader Staatlichen Technischen Universität
Donnerstag, 24.04.2008
Kaliningrad: Europäische Integration auf Deutsch (1)
Kaliningrad. Europäische Integration in Russland – geht das überhaupt? Der einzige deutschsprachige postgraduale Studiengang mit Studenten aus sieben Ländern macht es vor. Bis hin zur Heirat, der höchsten Form der Integration.
Oksana Awdijenko aus Brest in Weißrussland und Kilian Graf aus Heidelberg sind zwei der 18 Europastudenten am "EIKM", dem Europainstitut Klaus Mehnert (EIKM) an der Kaliningrader Staatlichen Technischen Universität.
Die 29jährige Lehrerin und der 27jährige Politologe kamen mit unterschiedlichen Vorstellungen nach Kaliningrad. Kilian Graf schreibt an seiner Doktorarbeit über Postsowjetische Transformation. Er hat sich für den Studiengang in Kaliningrad entschieden, um seine Russischkenntnisse zu verbessern.
Für Oksana Awdijenko ist es eine einmalige Möglichkeit, mehr über Europa zu lernen. Sie kann in Kaliningrad ohne Visum studieren, was sie in Deutschland nicht könnte. „Bei uns in Weißrussland herrscht ein Defizit an Information. Es bedeutet sehr viel für mich, ins Ausland zu fahren und solch eine Möglichkeit zu nutzen“, sagt sie.
Europa-Institut \"Klaus Mehnert\"
„Europa verstehen“ – so lautet das Lernziel des Studiengangs. Veranstaltet wird er vom Europainstitut Klaus Mehnert (EIKM) an der Kaliningrader Staatlichen Technischen Universität. Es ist der einzige deutschsprachige Studiengang Russlands, der dem weltweit anerkannten „Master of European Studies“ entspricht. Junge Akademiker aus aller Welt treffen sich im westlichsten Teil Russlands, um gemeinsam über Europa zu diskutieren.
Es sollen „Generalisten“ des europäischen Gedankens ausgebildet werden. Der einjährige Studiengang richtet sich an alle Absolventen – unabhängig von der Fachrichtung des vorherigen Studiums. Einzige Studienvoraussetzung sind sehr gute Deutschkenntnisse.
Generalisten des europäischen Gedankens
Es sollen „Generalisten“ des europäischen Gedankens ausgebildet werden. Der einjährige Studiengang richtet sich an alle Absolventen – unabhängig von der Fachrichtung des vorherigen Studiums. Einzige Studienvoraussetzung sind sehr gute Deutschkenntnisse.
Für die Studenten gilt die 40-Stunden-Woche
Mittlerweile hat der dritte Studiengang die fünfmonatigen Lehrveranstaltungen abgeschlossen. Vertreten sind Studenten aus Deutschland, Polen, Österreich, Russland, Weißrussland, Kasachstan und Indonesien. Unterrichtet wurden sie von 8 Dozenten aus Deutschland, Lettland und Russland – darunter Peter Schulze, Professor für Vergleichende Herrschaftslehre in Göttingen und langjähriger Leiter des Moskauer Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Dass das Studium kein Zuckerschlecken ist, sondern harte Arbeit, ist schnell allen klar geworden. Fünf Tage die Woche acht Stunden am Tag büffelten die Studenten im Blockunterricht europäische Politik, Wirtschaft, Jura, Sozialpolitik, Kulturpolitik und deutsch-russische Beziehungen. Zum Studium gehört auch das Erlernen einer weiteren Fremdsprache: für die russischsprachigen Studenten ist es wahlweise englisch oder französisch, für die Anderen russisch.
Im Moment heißt es fleißig lernen für die Abschlussklausuren im März. Im Anschluss folgt ein sechswöchiges Praktikum – Oksana Awdiejenko absolviert es an der Europäischen Akademie Berlin, Kilian Graf lernt das Institut für Deutschlandsstudien in Minsk kennen. Am Ende des Studiums schreiben die Studenten eine Diplomarbeit in einem Fach ihrer Fahl.
Interkulturelles Lernen als Praxistest
Eine Herausforderung ganz besonderer Art ist das gemeinsame Wohnen im Wohnheim der Universität. 16 Studenten aus sieben Nationen zusammen auf einem Trakt mit gerade einmal zwei Duschen – „das birgt Konfliktpotential“, gibt Kilian Graf zu. Aber gerade diese Erfahrung des „interkulturellen Lernens“ sei es, die das Studium sehr bereichere und die das Projekt der europäischen Integration in Kaliningrad allgemein auf seine Praxistauglichkeit testet.
Heirat als höchste Form der europäischen Integration. Oksana Awdijenko und Kilian Graf (Foto: Linde/.rufo)
Bei Oksana Awdijenko und Kilian Graf hat die interkulturelle Kommunikation auch auf anderer Ebene sehr erfolgreich funktioniert. Im September letzten Jahres im Studiengang kennen gelernt, wollen sie noch in diesem Jahr heiraten. „Für mich hat sich der Studiengang auf jeden Fall gelohnt“, sagt Kilian Graf lächelnd.
Auszeichnung durch das Europaparlament
Wie erfolgreich das Konzept des deutschsprachigen Studiengangs in Kaliningrad ist, zeigt die jährliche Verleihung des Willy-Brandt-Preises der Sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament an die drei besten Absolventen. Damit verbunden ist ein einmonatiges bezahltes Praktikum im Europäischen Parlament in Brüssel. „Der Studiengang ist ein wichtiges Element der russisch-deutschen Beziehungen“, so Martin Schulz, Vorsitzender der Sozialistischen Fraktion.
Gegründet wurde das Institut 2005 mit Hilfe der beiden Stiftungen Robert Bosch sowie Marga und Kurt Möllgard, die der Stadt zum 250jährigen Jubiläum ein nachhaltiges Geschenk machen wollten.
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Der sibirische Frost hat auch Kaliningrad fest im Griff: Der Meteorologische Dienst sagt für das Wochenende Temperaturen von bis zu -30 Grad voraus. Im Ostseebad Selenogradsk ist man dann bereits nah am historischen Kälterekord: Am 25. Januar 1942 waren hier minus 33,1 Grad gemessen worden. ( Topfoto: Plath/.rufo)