Donnerstag, 09.08.2012

Kaliningrad: Die Umbenennung ist derzeit kein Thema

Auf Kaliningrader Nummernschildern ist zuwelen der historische Name der Stadt zu finden. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk schließt nicht aus, dass Kaliningrad irgendwann wieder Königsberg heißen wird. Allerdings frühestens in 20 Jahren. Wer das glaubt, wird selig.
Derzeit stelle sich die Frage für ihn nicht, ob Kaliningrad seinen alten deutschen Namen wiederbekommen sollte, sagte Jaroschuk auf eine entsprechende Frage in einer Internet-Konferenz.

Er tat das wohl vor allem in Respekt vor der Generation jener, die das ostpreußische Königsberg 1945 erobert und als russische Stadt wiederaufgebaut haben. Solange in Kaliningrad nur ein einziger Kriegsveteran lebe, stehe eine Umbenennung nicht zur Debatte, so der OB.

Für die Zukunft sei es allerdings nicht ausgeschlossen, dass Kaliningrad als russische Stadt wieder den historischen Namen tragen könnte, räumte Jaroschuk ein: „In 20, 30 oder 50 Jahren mag man so eine Entscheidung treffen, aber auch dann nur, wenn sich auf Basis eines Referendums die Mehrheit der Bevölkerung dafür entscheidet.“

Nur über ein Referendum


An der „Königsberg-Frage“ kommt in letzter Zeit kein Kaliningrader Spitzenpolitiker mehr vorbei. Zuletzt hatte sich, im September 2011 am Rande eines EU-Russland-Konferenz in Warschau, auch Gouverneur Nikolai Zukanow dazu geäußert – es klang ganz ähnlich wie das, was jetzt Jaroschuk antwortete:

Königsberg-Graffitti an Kaliningrader Mauern. (Foto: Plath/.rufo)
Das Thema sei derzeit nicht auf der Tagesordnung, doch wenn Umbenennung, dann nur auf Grundlage eines Referendums. Obwohl Zukanow hinzufügte, er persönlich sei gegen eine solche Rückbenennung, hagelte es nach der Veröffentlichung seiner Meinung Kritik aus Moskau. Der Gouverneur ruderte eilig zurück.

Kaliningrader Politiker stecken in dieser Frage in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite wird das Thema vor Ort sehr unverkrampft, offen und vor allem in Kaliningrads Kulturszene durchaus selbstbewusst debattiert.

Die deutsche Vergangenheit ist längst zu einem unikalen Stück Alltagskultur geworden am Pregel, „Kenig“-Graffitti zieren Wände vom Schlossteich bis zum Südbahnhof. Andererseits sieht der Kreml in Allianz mit der Russisch-Orthodoxen Kirche die öffentliche Diskussion dieses Thema in der Königsberg-Exklave alles andere als gern, und der Veteranenverband wettert gegen jede Form der „Regermanisierung“ in Kaliningrad.

Die Deutschen halten sich zurück


Prominente Deutsche hüten sich in aller Regel, in dieser von einigen Kaliningrader Journalisten mit provokanter Freude gestellten Frage Position zu beziehen. Ob Schleswig-Holsteins einstige Ministerpräsidentin Heide Simonis, ansonsten nicht eben auf den Mund gefallen, oder der auch in Kaliningrad populäre Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder:

Bei ihren Besuchen in der Exklave auf die Königsberg-Frage angesprochen, verwiesen sie unisono darauf, dass dies einzig und allein eine Angelegenheit der Kaliningrader sei.

Denn schnell wird gerade deutschen Politikern Einmischung in russische Angelegenheiten vorgeworfen, wenn sie zur Umbenennung auch nur eine Meinung äußern, die von offiziellen Vorgaben abweicht. Das Thema Königsberg ist in der deutsch-russischen Debatte nach wie vor ein Minenfeld.

Auch eine Biersorte mit dem alten Stadtnamen darf in Kaliningrad nicht fehlen. (Foto: Plath/.rufo)
Nur in Kaliningrad selbst ist es das nicht. Vor Ort ist dieses Thema auch keinesfalls nur Medientheater, wie mancher in Internet-Foren wähnt: Vor allem jüngere, geschichtsinteressierte Kaliningrader plädieren durchaus offen für den historischen Namen.

„Nennen Sie diese Stadt bitte Königsberg“, fordert der Kaliningrader Architekt Artur Sanitz (www.altstadt.ru) gern seine deutschen Besucher auf. Im Redaktionsbüro des jungen Kaliningrader Buchautoren Maxim Popow in der uliza Garaschnaja hängen riesige Königsberg-Plakate, „Kjönigsberg“ auf kyrillisch geschrieben.

„Ohne Geschichte keine Zukunft“, sagt Popow. „Das klingt vielleicht nicht besonders originell, ist aber wahr.“ Gerade hat er einen Bildband herausgegeben, er wandert thematisch auf dem Grat zwischen Kaliningrad und Königsberg. Sein Titel: „Paralleles Gedenken“.

Kantgrad schlug nie Wurzeln


Das Thema Umbenennung begleitet die kulturpolitische Debatte seit einigen Jahren, verstärkt eigentlich erst seit der 750-Jahrfeier 2005, als die Frage delikat wurde: Wessen Jubiläum feiern wir nun eigentlich? Es gab in dieser Diskussion schon Kompromisse wie „Kantgrad“, aber das griff nicht. Ein 690 Jahre alter Name hatte viel Zeit, Wurzeln zu schlagen.

Seit dem 4. Juli 1946 heißt Königsberg Kaliningrad – nach Michail Kalinin, der kurz zuvor verstorben war, unter Stalin nominelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion. In Königsberg ist er nie gewesen. Es heißt, Josef Stalin selbst habe die Benennung festgelegt.

Vor einiger Zeit fanden sich tatsächlich Unterlagen im Gebietsarchiv, die darauf schließen lassen, dass Königsberg im Zuge der sowjetischen Umbenennung ursprünglich einen anderen Namen bekommen sollte: Baltijsk. So heißt heute die Flottenstadt an der Ostsee, das einstige Pillau.

Kaliningrad wird noch eine ganze Weile Kaliningrad heißen, da dürfte Oberbürgermeister Jaroschuk sehr realistisch urteilen. Wenn überhaupt, werden in dieser Frage wohl kaum die Bürger der Stadt allein entscheiden. Das letzte Wort in der Königsberg-Frage hat Moskau. Auch in 20 Jahren.