Donnerstag, 19.07.2012

Kaliningrad: Deutschlands Chefdiplomat nimmt Abschied

Wechselt von Kaliningrad nach Taschkent: Generalkonsul Aristide Fenster. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Aristide Fenster, seit 2009 deutscher Generalkonsul in Kaliningrad, verlässt Russlands EU-Enklave. Im August wird er neuer Botschafter der Bundesrepublik in Usbekistan.
Seine Nachfolge in Kaliningrad tritt Rudolf Friedrich Krause an, bisher Chef der diplomatischen Fakultät an der Universität Budapest. Für die deutsche Gesandtschaft im einstigen Königsberg ist es ein turnusmäßiger Wechsel, für Aristide Fenster schwingt ein bisschen Wehmut mit. So zumindest bekannte der Diplomat es in seiner „Abschiedsrede“ im Deutsch Russischen Haus:

Es falle ihm schwer, Kaliningrad Do Swidanija zu sagen. „Wir haben hier eine spannende Zeit erlebt. Die Menschen in dieser Stadt und im gesamten Gebiet sind uns freundlich, mit großer Offenheit und Herzenswärme begegnet. Wo wir auch hinkamen, wir fühlten uns willkommen.“

Für einen deutschen Diplomaten sei der Dienst im einstigen Königsberg etwas Besonderes, sagt der 60-Jährige gegenüber Russland-Aktuell: „Das Generalkonsulat in Kaliningrad ist eine Vertretung in einem einmaligen politisch-historisch-kulturellen Umfeld.

Es ist, ob wir wollen oder nicht, von besonderer Bedeutung für Deutschland, zum einen wegen der lebendigen Erinnerung an das ehemalige nördliche Ostpreußen, zum anderen wegen der geografischen Nähe und schließlich der Enklavenlage in der EU.“

In diesem Jahr 25.000 Visa


Das alles ist nicht neu und äußert sich in einem seit Jahren stetig wachsenden Besucheraustausch, es gibt immer mehr deutsch-russische Partnerschaften zwischen Kommunen, Schulen und kulturellen Einrichtungen: Kaliningrad blickt in Richtung Westen.

Es ist eine logische, längst selbstverständlich wahrgenommene Orientierung aus der eigenen exponierten geopolitischen Lage heraus – ohne die Zugehörigkeit zu Russland in Frage zu stellen. Kaliningrads westliche Hauptausfallstraße nennt hier jeder nur „Berlinka“.

In diesem Jahr 25.000 Schengen-Visa: Antragstellerinnen vor dem deutschen Generalkonsulat. (Foto: Plath/.rufo)
Deutschlands Gesandtschaft am Pregel baut an dieser Bürgerbrücke ganz praktisch mit. Im vorigen Jahr reichte das Konsulat 22.000 Schengen-Visa aus, 2012 werden es noch etwa 3000 mehr sein, kündigt Fenster an: „Damit ist die Kapazitätsgrenze unter der derzeitigen Bedingungen allerdings erreicht.“

Von einem baldigen Wegfall der Visapflicht geht der Generalkonsul nicht aus, doch Schritt für Schritt gäbe es Erleichterungen bei der Visaerteilung. „Wir bemühen uns hier in Kaliningrad um größtes Entgegenkommen, um die Menschen zueinander zu bringen, natürlich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten.“

Inzwischen stelle man vermehrt zwei- bis fünfjährige Mehrfachvisa aus, der Trend gehe eindeutig in diese Richtung.

Kulturbrücke und „Tag der deutschen Sprache“


Aristide Fenster, von Haus aus promovierter Osteuropa-Historiker, legte wie seine Amtsvorgänger Cornelius Sommer und Guido Herz viel Wert auf Kulturarbeit.

In seinem Fazit hebt er Veranstaltungen wie die „Kulturbrücke“ des Mitteldeutschen Rundfunk oder den ersten „Tag der deutschen Sprache“ hervor. Mehr als tausend Schüler und Lehrer aus dem gesamten Gebiet hatten im September 2011 daran teilgenommen.

Zu den größten Persönlichkeiten der Region zählt Fenster den Dombaumeister Igor Odinzow, er habe den Kaliningradern wie den Königsbergern ein Identifikationssymbol wiederaufgebaut. Das Konsulat unterstützt musikalische Höhepunkte des Jahres im Dom, die Chorwoche etwa.

In die „Amtszeit“ Fenster fällt auch die intensivierte Zusammenarbeit mit dem von Berlin mitfinanzierten Deutsch-Russischen Haus: Beide Einrichtungen organisieren inzwischen gemeinsam viele Veranstaltungen.

Die Kulturarbeit hält Fenster für den großen Träger der deutsch-russischen Verständigung in Kaliningrad. Eine ähnliche Entwicklung würde er sich auf wirtschaftlichem Gebiet wünschen: „Da ist noch viel Luft nach oben.“

Kaliningrad Schwerpunktthema im Ostseerat


Politisch sieht der Diplomat Russlands Exklave auf dem Weg zu offeneren Beziehungen innerhalb des südlichen Ostseeraums. „Dieser Prozess hat in den letzten zwei Jahren große Fortschritte gemacht.“

Vor allem die aufeinander folgende deutsche und derzeit nun russische Präsidentschaft im Ostseerat habe da vieles bewegt: „Für beide Seiten ist das Thema Kaliningrad ein Schwerpunkt der Arbeit mit dem Ziel, die Exklave stärker in die Projekte der Ostseeanrainer einzubinden.

Da wird sich in den nächsten Jahren einiges tun, was dem Gebiet hilft, aus seiner isolierten Lage herauszukommen.“ Unter anderem soll ein mit einhundert Millionen Euro gefüllter Fonds grenzüberschreitende Projekte etwa im Tourismus und Umweltschutz fördern.

Möglicherweise findet die nächste Außenministerkonferenz der Ostseeanrainer im kommenden Jahr in Kaliningrad statt – ein politisches Signal, dass Russlands Inselprovinz zu mehr euroregionalem Selbstbewusstsein verhelfen könnte.

„Ewige“ Baustelle Generalkonsulat


Eines hat auch der dritte Chefdiplomat Berlins im Gebiet Kaliningrad seit Eröffnung des Generalkonsulats im Juni 2004 nicht geschafft: der Gesandtschaft zu einer ordentlichen Bleibe zu verhelfen.

Immerhin: Der Umbau des künftigen Konsulatsgebäudes in der Jugendstilvilla Thälmannstraße 14 ist nun in Gang. Auf einen Eröffnungstermin lässt Fenster sich nicht mehr festnageln, zu oft gingen solche Prognosen schief. „In absehbarer Zeit“, sagt er nur, „sicherlich 2013“.

Spätestens dann wird er nach Kaliningrad zurückkommen. Vielleicht auch früher. Denn wie gab ihm Viktor Hoffmann, Direktor des Deutsch-Russischen Hauses, zum Abschied mit auf den Weg? „Einmal Königsberger, immer Königsberger“.