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Glückliche Reise: Ein Reisezug aus Moskau kommt in Kaliningrad an. (Foto: Plath/.rufo)
Glückliche Reise: Ein Reisezug aus Moskau kommt in Kaliningrad an. (Foto: Plath/.rufo)
Mittwoch, 09.08.2006

Kaliningrad: Deutsche Touristen kommen per Bahn

Kaliningrad. 354 Gäste auf einen Schlag – so viele Reisende aus Deutschland sind in der Hauptstadt der russischen Exklave schon lange nicht mehr angekommen. Ein Bahnreise-Unternehmer macht es heute wieder möglich.

Täglich um 15.33 Uhr Moskauer Zeit, mitunter auch ein paar Minuten später, kommt auf Gleis 9 des Kaliningrader Südbahnhofs der Direktzug aus Berlin an. Ein ganzer Zug? Nicht wirklich. An der bulligen Diesellok hängen gerade mal zwei Waggons, als Kurswagen im polnischen Gdynia abkoppelt.

So hob denn auch manch ein Kaliningrader, auf seine Elektritschka wartend, erstaunt den Blick, als vorige Woche auf dem Berliner Gleis des altehrwürdigen Königsberger Hauptbahnhofs ein Zug einrollte, wie man hierzulande eher auf der Strecke nach Moskau und Petersburg kennt. 14 Waggons, Speise- und Gepäckwagen, dazwischen Luxusabteile, ein edler Salon mit Pianobar…

„Spannendes Reiseziel“


Brot und Salz: Empfang deutscher Touristen nach alter russischer Sitte. (Foto: Plath/.rufo).
Brot und Salz: Empfang deutscher Touristen nach alter russischer Sitte. (Foto: Plath/.rufo).
Wenig später: Gewusel auf dem Bahnsteig. Mittendrin russische Volkslieder, gespielt von einer Kaliningrader Folkloregruppe. Eine rundliche Frau in Matrjoschka-Tracht reichte lächelnd Brot und Salz.

Auch Arnold Kühn ließ sich gern nach alter Landessitte begrüßen. Der Bahnreise-Unternehmer aus Düsseldorf hatte die Tour organisiert. „Kaliningrad ist nach wie vor ein spannendes Reiseziel, wie man sieht“, sagte er, sichtlich froh, dass der Zug problemlos angekommen ist.

Denn 354 deutsche Touristen auf einen Schlag – das passiert nicht alle Tage in Kaliningrad. Und erinnert auch Igor Smirnow an die Zeit vor 15 Jahren, als das Militärsperrgebiet nach Jahrzehnten der Isolierung seine Grenzen für Ausländer öffnete.

Damals standen die alten Ostpreußen Schlange, um die geliebte Heimat wiederzusehen. „Damals kamen pro Monat bis zu 40.000 Menschen aus Deutschland“, erinnert sich der Incoming-Chef des Kaliningrader Reisebüros „Anjuta“. Und: „Heute sind es in der ganzen Saison nur noch halb so viele.“

Vom Westniveau noch weit weg


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„Anjuta“ gehörte zu den ersten Reisefirmen, die sich um die „Heimwehtouristen“ kümmerten – in einer Zeit, in denen selbst die Gebietshauptstadt weder moderne Hotels noch ein halbwegs auf Weststandard getrimmtes Restaurant zu bieten hatte, dafür umso mehr Beton und Tristesse.

Heute gilt Anjuta, inzwischen ein Unternehmen mit 50 Angestellten, als Marktführer in der Betreuung von Gästen aus Deutschland. Igor Smirnow war von Anfang an dabei. „Natürlich entspricht noch längst nicht alles, was Kaliningrad touristisch bietet, internationalem Niveau. Das ist noch ein weiter Weg“, sagt er. Mal falle plötzlich im Hotel das Wasser aus, mal sei mitten im Sommer die Heizung an und lasse sich nicht abstellen.

Vor allem mangele es in Hotels und Restaurants noch oft an Service und Freundlichkeit. „Aber als Reisebüro bemühen wir uns, solche Probleme zu beseitigen, damit die Leute sich wohlfühlen in Kaliningrad. In den meisten Fällen klappt das auch. Nicht alles können wir ändern, die Situation an den Grenzen zum Beispiel. Was immer möglich ist, machen wir.“

Gut angekommen: Bahnreise-Unternehmer Arnold Kühn. (Foto: Plath/.rufo).
Gut angekommen: Bahnreise-Unternehmer Arnold Kühn. (Foto: Plath/.rufo).
Arnold Kühn, der seine Bahn-Erlebnisreisen seit zehn Jahren betreibt, zählt auf die Zusammenarbeit mit Anjuta. „Gerade in einer Region wie Kaliningrad, die touristisch nach wie vor etwas schwierig ist, sind Partner besonders wichtig. Unsere Reisen bieten wir unter dem Stichwort Komfort und Qualität an.

Da muss alles stimmen, das ist unser Anspruch. Kaliningrad ist zwar nicht mehr das Abenteuerland der frühen 90er, aber touristisch halt immer noch unterentwickelt. Da muss man sich auf Partner verlassen können. Sonst kann man solche Ziele nicht ansteuern.“

Die Deutschen entdecken den Osten


Doch das alte Königsberg ist bei deutschen Reisenden ein durchaus gefragtes Ziel. Das baldige Ende jedenfalls, das man dem „Heimwehtourismus“ in den 1990ern prophezeite, ist nicht eingetreten. Es stimmt, die klassischen Ostpreußen-Fahrten gehen kontinuierlich zurück. Dafür entdecken immer mehr Deutsche ihre Neugier auf die legendär melancholischen Naturlandschaften des Ostens, seine Menschen, dramatische Geschichte und spannende Gegenwart.

Aus Neugier wächst Interesse. Und so bereisen Sommer für Sommer mehr Touristen die Gegend zwischen Weichsel, Pregel und Memel, gern kombiniert mit der polnischen Ostseeküste und dem Baltikum. Viele kommen mit dem eigenen Auto, manche per Wohnmobil und einige sogar mit dem eigenen Segelboot. Tendenz: steigend.

„Viele Deutsche, die im Baltikum oder Masuren Urlaub machen, wollen auch ein Stück Russland kennen lernen“, sagt Smirnow. „Und so kommen sie auf Kaliningrad. Selbstverständlich auch der deutschen Geschichte der Stadt wegen, das ist doch ganz natürlich. Kant, Bernstein und die berühmte Kurische Nehrung, das sind die großen Ziele unserer Gäste.“

Außerdem habe sich in Deutschland schon ein bisschen herumgesprochen, „dass Kaliningrad seit der 750-Jahrfeier im vorigen Jahr einen großen Aufschwung erlebt und nun immer schöner und moderner wird“, meint der „Anjuta“-Mann. Arnold Kühn stimmt dem zu. „Selbst wenn man nur fünf Jahre zurückblickt, ist es fast unglaublich, wie sich die Stadt entwickelt hat.“

Tourismus als Wirtschaftszweig


Was man von den Einreisebedingungen für Touristen nicht behaupten kann. Die umständlichen Visaregelungen, Zollbürokratie und unerträglich lange Wartezeiten an den Grenzübergängen – das schreckt viele Deutsche nachhaltig von einer Reise nach Russisch-Ostpreußen ab. Ohne diese Hindernisse kämen noch deutlich mehr Gäste nach Kaliningrad.

„Und würden „pro Woche durchschnittlich 160 Euro ausgeben, in unseren Geschäften, in unseren Restaurants“, wie Nikolai Wlassenko, Wirtschafts-Minister der Regionalregierung von Gouverneur Georgij Boos, kürzlich in einer Pressekonferenz zum Thema Tourismus vorrechnete. „Tourismus ist ein Wirtschaftszweig. Die Grenzprobleme behindern ihn.“

Ginge es nach Leuten wie Wlassenko, die Grenzzwänge wären längst gefallen. Doch diese Musik wird in Moskau gemacht, wo man immer noch argwöhnt, zuviel Ost-West-Austausch fördere den Separatismus der Ostsee-Exklave. Und in Brüssel, wo die EU-Bürokraten auf die Sicherheit der Außengrenzen der Festung Europa pochen, als wäre jeder Russe, der die Kaliningrader Grenze in Richtung Westen verlässt, ein potenzieller Bösewicht.

Ein Schiff wird kommen


Großer Bahnhof: Zugankunft in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Großer Bahnhof: Zugankunft in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Doch trotz aller Hemmnisse: An Versuchen, das russische Baltikum touristisch zu erschließen, mangelt es nicht. Neben Bus und Bahn kommt zunehmend auch der Wasserweg in den Blick der Reisebranche. In der nächsten Woche steuert erstmals ein Flusskreuzfahrtschiff der internationalen Spitzenklasse Kaliningrad an.

Seit bald zwei Jahren kämpft der Schweizer Unternehmer Hans Kaufmann („Thurgautravel“) darum, sein schwimmendes Viersterne-Hotel MS „Polonaise“ in die Pregelmetropole steuern zu dürfen. Kaliningrader Behörden hatten nichts dagegen, doch der Moskauer Geheimdienst sagte Njet.

Erst nachdem Gouverneur Georgij Boos mehrfach intervenierte, erteilte Premier Michail Fradkow jetzt eine Ausnahmegenehmigung für die hermetisch abgeriegelte Seegrenze des Frischen Haffs und den gesperrten Marinehafen Baltijsk (Pillau). Nun darf Kaufmanns Luxusliner endlich kommen.

Endstation Armeekaserne


Die Bahn-Erlebnisreisen begannen einst ähnlich spannend. Als der Reiseunternehmer Helmut Mochel, Pionier der Eisenbahntouren in den Osten, 1991 den ersten Königsberg-Nostalgiezug auf die Reise schickte, gab es noch gar kein durchgehendes Gleis zum Kaliningrader Hauptbahnhof.

Die Reise der über 300 Ostpreußen-Touristen endete damals zwölf Kilometer vor der Stadt – mitten in einer Kaserne der Sowjetischen Armee. Denn dass Kaliningrad bis heute als einzige russische Stadt überhaupt ein Gleis europäischer Spurweite besitzt, hatte einst rein militärische Gründe: Moskau wollte auf diesem Weg im Krisenfall schnell seine Truppenverbände in den Westen verfrachten können.

(tp/.rufo)


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