 |
|
| Ein russisches Wunder? Der wiederaufgebaute Königsberger Dom. (Foto: Plath/.rufo) | |
Mittwoch, 24.10.2007
Kaliningrad: Der alte Dom avanciert zum Wunderwerk
Kaliningrad. Auf der Top-7-Liste der national bedeutsamem russischen Baudenkmäler könnte bald auch ein Vertreter der norddeutschen Backsteingotik stehen: der wie Phoenix aus der Asche auferstandene Königsberger Dom.
|
|
Als Igor Odinzow, Generaldirektor der Kaliningrader Dom-Wiederaufbaufirma „Kafedralnyj Sobor“, sein Projekt vor einigen Monaten zur Teilnahme am Wettbewerb „Die sieben Wunderwerke Russlands“ meldete, kann er eigentlich nicht ernsthaft mit einem Erfolg gerechnet haben.
|
Immerhin würde der Königsberger Dom, ganz im Stil der strengen nordeuropäischen Backsteingotik erbaut, während des Zweiten Weltkrieges zerstört und seiner kostbaren Ausstattung beraubt, in Konkurrenz stehen mit so berühmter russischer Baukunst wie dem Petersburger Winterpalast, dem gigantischen Memorial „Mamajew Kurgan“ von Wolgograd und – natürlich – dem Moskauer Kreml. Weit über hundert Kandidaten waren der Experten-Jury nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax gemeldet worden – aus allen Regionen des Landes.
|
Schon in der Runde der letzten 21
|
Doch die erste Hürde auf dem Weg zur Sehenswürdigkeit gesamtrussischer Bedeutung hat der Königsberger Dom erfolgreich genommen, nun steht er in der Runde der letzten 21 Objekte. Aus deren Mitte soll die Jury, bestehend aus Denkmalpflegern, Architekten und Bauhistorikern, im Juli 2008 besagte „Sieben Wunderwerke“ wählen. Und Dombaumeister Odinzow ist sich sicher, dass der Dom gute Chancen hat: „Historisch und architektonisch vereint dieses Baudenkmal Besonderheiten, die in ganz Russland einzigartig sind.“
|
In der russischen Geschichte einzigartig
|
Wie sollte es auch anders sein? Allein die Geschichte des 1330–1380 im jungen Ordensstaat Ostpreußen als gotische Bischofskirche errichteten Doms macht ihn im russischen Kontext zu einer Ausnahmeerscheinung. Von hier aus wuchs in der Frühzeit der Reformation, als Albrecht von Brandenburg-Ansbach das brüchige Imperium der Deutschordensritter in ein weltliches Herzogtum wandelte, die erste evangelische Landeskirche Europas.
|
|
 |
| Auferstanden aus Ruinen: Der Turm des Doms prägt wieder das Stadtbild (Foto: Plath/.rufo) |
Im Schatten des Doms lehrte Immanuel Kant an der Albertina, und wurde, wie alle großen Professoren der Universität vor ihm, am Dom bestattet. Kants Grab „rettete“ die Domruine nach dem Zweiten Weltkrieg sogar vor der endgültigen Einebnung.
Aus Königsberg war Kaliningrad geworden, und die Mauern des 1944 ausgebrannten gotischen Gotteshauses sollten aus dem sowjetischen Stadtbild verschwinden wie das Schloss, dessen Reste man 1969 in die Luft jagte. Doch die Domruine blieb stehen. Wegen Kant, wie es heißt. Seine aufklärerische „Kritik der praktischen Vernunft“ hatte nach sowjetischer Lesart dem Marxismus-Leninismus den Weg bereitet...
|
Russisch-deutsches Gemeinschaftswerk
|
 |
|
| Kaliningrader Neubeginn: Königsberger Dom und neue Häuser des Handelsviertels „Fischdorf“ (Foto: Plath/.rufo) | |
Ehrwürdig wäre freilich nicht nur der Dom, sondern auch seine Wiederauferstehung. Wer die fast 90 Meter lange Backstein-Hallenkirche mit ihrem markanten Doppelturm heute besichtigt, vermag sich kaum noch vorstellen, wie es dort noch Anfang der 1990er Jahre aussah: eine verwilderte, einsturzgefährdete Ruine, innen Berge von Schutt, die Strebepfeiler der Schildwände einen halben Meter aus dem Lot, der Turm ein hohles Gehäuse.
|
Der Wiederaufbau, 1992 begonnen, geriet zu einem russisch-deutschen Gemeinschaftswerk, das seinesgleichen suchte in der gebeutelten Stadt. Zahllose kleine und große Spenden, anfangs vor allem von ehemaligen Königsbergern initiiert, in den letzten Jahren mehr und mehr auch aus Russland fließend (selbst seitens des Präsidenten), machten die Restaurierung möglich. In vielen winzigen, doch manchmal auch gewaltigen Schritten. Die Bilder des Militärhubschraubers, der 1994 die Turmhaube aufsetzte, gingen um die Welt. Ein Meilenstein war der Neubau des Daches, finanziert maßgeblich von der Hamburger Zeit-Stiftung.
|
Umstrittener Dombaumeister
|
Nicht denkbar war und ist der Wiederaufbau des Königsberger Domes ohne seinen Hauptdarsteller: Igor Odinzow. Der energische, bisweilen herrische, zu aufbrausenden Attacken neigende und Widerspruch nur mühsam duldende Dombaumeister hatte auf seiner gotisch-russischen Großbaustelle vor allem in den Anfangsjahren nicht viele Mitstreiter, doch umso mehr Gegner und Kritiker.
|
|
 |
| Objekt der Kritik: Neues Buntglasfenster im Hochchor des Doms (Foto: Plath/.rufo) |
Was haben sie ihm nicht alles vorgeworfen: dass er denkmalpflegerischen Pfusch verzapfe, falsche Materialien und Restaurierungstechniken verwende, bei alledem Expertenmeinungen ignoriere, sich einen Teufel um historische Originale schere und überhaupt ein Dilettant sei. Ein großer und lauter, gemischter deutsch-russischer Chor der Kritiker begleitete den Wiederaufbau des Königsberger Domes und seinen umstrittenen Hausherrn – von der Einrichtung des Turmmuseums bis zur Gestaltung der Buntglasfenster im Hohen Chor.
|
Wegbereiter für Debatte um Stadtentwicklung
|
Und zum einem großen Teil haben sie sogar Recht. Vieles hätte sich anders, besser, fachgerechter machen lassen. Nur: Kritisieren und machen sind auch hier zweierlei. Unter den Bedingungen der chaotischen 1990er Jahre, in denen in Kaliningrad schon das Modernisieren der eigenen Wohnung zum Kraftakt geriet, ein Projekt wie den Wiederaufbau des Domes anzugehen, noch dazu politisch angefeindet, das relativiert manche Bausünde.
|
Zumal selbige im Detail reparabel sind – in späteren Zeiten. Tatsache ist: Der Dom, dieser „alte Mann auf dem Kneiphof“, ist wieder ein Symbol der Pregelstadt, ihr Signet geradezu und ein Ort, an dem sich das alte historische Königsberg und das heutige Kaliningrad begegnen, miteinander verschmelzen.
Das ist – auch und vor allem – Odinzows Verdienst. Der Dom war ein Wegbereiter. Er war der erste Ort im heutigen Kaliningrad, an dessen Beispiel und Schicksal öffentlich über Königsberger Denkmalpflege debattiert und, sehr kontrovers, über das Wohl und Wehe künftiger Stadtgestaltung gestritten wurde. Mittlerweile sind solche Themen hier eine Selbstverständlichkeit wie der Dom selbst. Jahr für Jahr besichtigen ihn etwa 50.000 Menschen, die Besucher der vielen Konzerte nicht mitgezählt.
|
Neue Orgel fast fertig
|
Nun naht der vielleicht glanzvollste Höhepunkt der Wiederbelebung des Königsberger Domes: die Weihe der neuen Domorgel. In einem Festkonzert soll das von der russischen Regierung finanzierte Instrument am 14. Dezember erstmals seine Stimme erheben.
|
 |
|
| Krönung des Dom-Wiederaufbaus: die Schuke-Orgel (Foto: Plath/.rufo) | |
Seit Monaten bauen Spezialisten der renommierten brandenburgischen Orgelbaufirma Schuke an dem gewaltigen Instrument, das in seiner äußeren Erscheinung an das barocke Original von Joshua Mosengel (1728) erinnert, doch klanglich weit darüber hinausreichen soll. Allein die Verbindung der künftigen Hauptorgel mit einem zwischen Langhaus und Hochchor aufgestellten zweiten Konzertinstrument gilt als technische Meisterleistung und verspricht kirchenmusikalische Höhenflüge.
|
Schon die Orgel hätte es verdient, auf die Liste der kulturellen Sehenswürdigkeiten des Landes gestellt zu werden, schwärmt Odinzow.
|
"Aber der Dom insgesamt, seine Auferstehung wie Phoenix aus der Asche, das ist tatsächlich ein Wunderwerk. Nicht nur für Russland.“
(Thoralf Plath/tp/.rufo)
|
|
|
|
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>