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| Königsberger Keimzelle: Seit fünf Jahren werden die Keller des Schlosses freigelegt. (Foto: Plath/.rufo) | |
Dienstag, 21.08.2007
Kaliningrad: Das Königsberger Schloss taucht wieder auf
Kaliningrad. Es sollte für immer von der Bildfläche verschwinden, doch nun tauchen immer mehr Reste des 1969 gesprengten Königsberger Schlosses wieder auf. Mit ihnen verschüttete Geheimnisse der Stadtgeschichte.
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Spät haben sie begonnen in diesem Sommer, die Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Königsberger Schlosses. Seit der Wiederaufbau des burghaften Bauwerks im historischen Stadtzentrum beschlossene Sache ist, wollen alle ein Wörtchen mitreden bei der jährlich neu zu beantragenden Grabungsgenehmigung: Stadtverwaltung, Gebietsregierung, Moskau.
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Erst seit wenigen Tagen sind die Archäologen des Kaliningrader Museums für Geschichte und Kunst dabei, die Keller des einstigen Südflügels freizulegen. Und können nun gleich zu Beginn einen spektakulären Fund präsentieren: den Kopf einer steinernen Frauenskulptur, angesichts der Zerstörungen in den freigelegten Schlossmauern in erstaunlich gutem Zustand.
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Skulptur von Käthe Kollwitz?
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Die Büste stamme mit großer Wahrscheinlichkeit aus der „Kunsthalle“, die sich einst in den Sälen über dem Südflügel befand, sagt Anatolij Walujew, Archäologe und Vizedirektor des Kunsthistorischen Museums. Er schätzt, dass die Skulptur Anfang des vorigen Jahrhunderts entstand.
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Sein Kollege Wladimir Kulakow, Chef der Baltischen Expedition am Archäologischen Institut Russlands, geht noch einen Schritt weiter. Er rechnet das Kunstwerk der deutschen Bildhauerin Käthe Kollwitz zu, „oder sogar ihrem Lehrer Ernst Barlach“. Tatsächlich könnte die Büste der im Zustand einer eigenartigen Traurigkeit den Kopf zu Seite wendenden jungen Frau vom Stil und Ausdrucksform her zu Käthe Kollwitz passen. Die gebürtige Königsbergerin verbrachte auch später, nach dem Umzug nach Berlin, viel Zeit in Ostpreußen.
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Wer die Skulptur schuf, soll im Zuge der Restaurierung geklärt werden. Danach sei dem Fund ein zentraler Platz in der Schloss-Ausstellung des Kunsthistorischen Museums sicher, sagt Walujew. Wie wohl auch der Porzellanmedaille von 1939 und einer Brosche in Form eines sechsstrahligen Sterns aus den 1920er Jahren, die man zusammen mit der Skulptur barg – beides möglicherweise ebenfalls Exponate aus der Kunsthalle.
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KGB-Expeditionen hinterließen Chaos
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| Dem Mythos des alten Schlosses auf der Spur: Grabungschef Professor Wladimir Kulakow (Foto: Plath/.rufo) | |
Die Archäologen kommen in den Kellergewölben des südlichen Schlossflügels nur schleppend voran. Das liege vor alllem an dem Durcheinander, dass die KGB-Suchtrupps in den 1960er Jahren hinterlassen haben, sagt Grabungschef Kulakow. „Diese Aktionen haben wirklich alles zerstört, was ihnen im Weg lag. Es ist das reinste Chaos da unten.“
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Mehrere vom sowjetischen Geheimdienst gesteuerte geologisch-archäologische Expeditionen fahndeten bis zur Sprengung des Schlosses 1969 in den Kellern nach geheimen Verstecken und Kunstschätzen. Vor allem nach dem legendären Bernsteinzimmer, dessen Spur sich 1945 in der Hauptstadt Ostpreußens verlor. Zuletzt war es, nach dem Raub durch deutsche Truppen aus dem Zarenpalast bei Petersburg, im Königsberger Schloss ausgestellt worden – in den Sälen ebenjenes Südflügels, dessen Keller nun gerade freigelegt werden.
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„DER SPIEGEL“ gibt nicht auf
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Auch im neuerlichen Forscherdrang hinab in die verschütteten Tiefen des alten Stadtschlosses spielt der Bernstein-Kunstschatz seine Rolle. Denn das Geld für die seit 2001 laufenden Erkundungen kommt aus Deutschland:
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Finanziert werden die Archäologen auch in diesem fünften Jahr der Kampagne vom Hamburger Nachrichtenmagazin „DER Spiegel“. Mag die Suche nach dem Bernsteinzimmer offiziell auch nicht das Motiv für dieses Engagement sein – den Nebel um den Verbleib des Kleinods zu lichten, möglicherweise Spuren zu finden, gilt doch als Motor des Projektes.
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Wobei die anfangs vor allem von russischen Kriegsveteranen heftig angefeindeten, inzwischen zum vielbesuchten Freilichtmuseum avancierten Grabungen mitten im ausgelöschten Kaliningrader Stadtzentrum einen unerwarteten Nebeneffekt mit sich brachten: Dass der Wiederaufbau des Königsberger Schlosses immer ernsthafter diskutiert wurde und inzwischen zu einem ernsthaften Plan geronnen ist, haben die von den Hamburger Journalisten bezahlten Forschungen entscheidend befördert.
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Rätselhaftes Tunnelsystem
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| Alte Borse, Dom: Was liegt in dem geheimes Tunnelsystem zum Schloss? (Foto: Plath/.rufo) | |
Nur von dem verflixten Bernsteinzimmer fehlt bis heute jede Spur. Als nach vier Sommern, dem Einsatz von Georadar und mehreren heißen, dann aber doch wieder erfolglosen Spuren noch immer kein Hinweis auf den Verbleib der berühmtesten Bernsteinpaneele der Welt gefunden war, schwand selbst den letzten Optimisten die Hoffnung. Doch dann, im Hebst vorigen Jahres, entdeckte man den Tunnel. Jenen Tunnel, von dem bis dato alle glaubten, er sei nichts als eine Legende, typisch für die doppelbödige Stadt Kaliningrad-Königsberg.
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Nun gibt es ihn also wirklich. Er soll vom Schloss in zehn Metern Tiefe unter dem Pregelstrom hindurch zur Dominsel Kneiphof führen. In dem unterirdischen, großenteils verschütteten Gangsystem und seinen möglicherweise existierenden, noch unentdeckten Nebenstollen könnten tatsächlich einige der zahllosen verschollenen Königsberger Kunstschätze lagern.
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Darum soll die Suche nach den Geheimnissen des alten Deutschordens-Schlosses jetzt auch in einem guten Kilometer Luftlinie von der Grabungsstelle ansetzen. Dort, auf der anderen Seite des Pregelflusses, ist jüngst ein weiterer Eingang des rätselhaften Tunnelsystems lokalisiert worden: im Keller der alten Börse.
(Thoralf Plath/tp/rufo)
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