Mittwoch, 30.01.2013

Kaliningrad: Biete Bauboom, suche Fachkräfte

Kaliningrads Alexander Jaroschuk überreichte Thüringens Entwicklungsminister Christian Carius (rechts) nach dem Gespräch ein Erinnerunsggeschenk - stadttypisch mit Königsberg-Motiv verziert. (Foto: Plath/.rufo)
Thoralf Plath, Kaliningrad. Eine Wirtschaftsdelegation aus Thüringen unter Leitung von Entwicklungsminister Christian Carius hat sich drei Tage lang in Kaliningrad umgeschaut. Da bahnt sich die nächste Partnerschaft an.
Der Ort, auf den Kaliningrad seine Zukunft baut, verlangt der Phantasie einiges ab. Spätsowjetische Wohnblocks in tristem Einheitsgrau, dahinter wilde Kolonien von Datschen und Garagen zwischen Schilf und Gestrüpp, am Horizont eine qualmende Fabrik.

Was von der neuen Hochbrücke über den Pregel sichtbar wird, scheint eher geeignet, alle Vorurteile auf einmal zu bestätigen. Wo in anderen Städten das Zentrum blüht, wuchern im alten Königsberg verwilderte Brachen, umstellt von einem Gebirge aus Beton.

Thüringens Minister für Bau, Landesentwicklung und Verkehr Christian Carius (CDU) lächelt tapfer und nickt, als der junge Kaliningrader Chefarchitekt Artur Krupin vorn im Bus seine Pläne hochhält. Auf den bunten Zeichnungen ist die Wildnis der Oktoberinsel zwischen den beiden Pregelarmen schon Geschichte.

„Gleich hinter dem Schilf werden wir das neue Stadion bauen, für 45 000 Zuschauer. Nebenan sind mehrere Hotels geplant, und natürlich brauchen wir neue Brücken, für Fußgänger. Das Moor wird eine Parkanlage, die bis an das Flussufer reichen soll.“

Für das alles bleiben Krupin allerdings nur fünf Jahre Zeit. Kaliningrad gehört 2018 zu den Ausrichterstädten der Fußball-WM in Russland und will, muss bis dahin ein Programm stemmen, das aus eigener Kraft kaum möglich scheint.

Darum hatte der Stadtarchitekt eigens einen Bus gechartert, um den Thüringer Gästen auf einem halben Dutzend ausgewählter Objekte von geplanten und zum Teil bereits trassierten Entlastungsstraßen bis zur gerade fertiggestellten Oberteich-Flanierpromenade zu zeigen: Es gibt viel zu tun. Auch für Unternehmen und Partner aus Deutschland.

„Gespräche offen und partnerschaftlich“


Das war sozusagen der Grundtenor der bilateralen Begegnungen, die Minister Carius und seine 20-köpfige Wirtschaftsdelegation während des dreitägigen Besuchs in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad hatten.

Sie trafen sich mit Vertretern der Gebietsregierung, der Stadtverwaltung, der Duma und heute, zum Abschluss der Königsberg-Reise, in der Filiale der russischen Handelskammer. In einer „Kontaktbörse“ besprachen dort Thüringer und Kaliningrader Unternehmer in Arbeitsgruppen erstmals sehr konkret Einzelheiten zu Bauvorhaben und Planungen.

„Es war ein guter Anfang, auf den man bauen kann“, sagte Carius zum Abschluss der Reise gegenüber Kaliningrad- Aktuell. Offizielle Vereinbarungen seien bei so einem Erstbesuch weder geplant noch zu erwarten gewesen, doch sämtliche Gespräche seien konstruktiv und in einer überraschend offenen, partnerschaftlichen Atmosphäre verlaufen, so der Minister.

Er zog ein optimistisches Fazit: „Ziel dieser Reise war, die Beziehungen zwischen Thüringen und der westlichsten Region Russlands zu intensivieren, unser wirtschaftliches Engagement in Kaliningrad stand dabei im Mittelpunkt. Ich nehme mit, dass die russische Seite ein großes Interesse am Ausbau von Infrastrukturprojekten gemeinsam mit Unternehmen auch aus Thüringen hat.“

Blick über Fußball-WM hinaus


Schnell mutmaßten einige Kommentatoren, die Deutschen tauchten nun vor allem auf, um von der Torte namens „Fußball-WM“ ein möglichst großes Stück abbekommen, doch das ist nicht ganz richtig.

Christian Carius bemüht sich sogar um eine gewisse Distanz zu der in Kaliningrad allgegenwärtigen Erwartungshaltung rund um dieses Thema: „Gewiss ist das für die Menschen und die Wirtschaft hier ein großes Ereignis, und ich gratuliere der Region dazu.

Aber mögliche Beziehungen zwischen dem Freistaat Thüringen und dem Gebiet Kaliningrad sehe ich durchaus nicht nur in Verbindung mit der Fußball-WM 2018 und weil damit nun große Bauvorhaben einhergehen. Uns geht es um längerfristige und nachhaltige Formen der Zusammenarbeit, im Zeitrahmen der nächsten 25 Jahre.“

Dass die Thüringer das Thema strategischer sehen, macht ein Blick auf Zahlen deutlich. Russland nimmt bei den Handelspartnern des Freistaates derzeit Platz 14 ein. Russlands Anteil an den Ausfuhren Thüringens betrug im Jahr 2010 nach Angaben des Erfurter Entwicklungsministeriums 2,7 Prozent.

Die Handelsbilanz ist positiv: 2011 betrug das Finanzvolumen des Exportanteils 400 Millionen Euro, die Importe beliefen sich auf 343 Millionen Euro. Das Gebiet Kaliningrad spielt in dieser Bilanz bislang kaum eine Rolle, aber eben das könnte sich nun ändern.

Wichtige Branchen in den russisch-thüringischen Wirtschaftsbeziehungen sind Automobilzulieferer, ingenieurtechnische Dienstleistungen, Maschinen- und Medizintechnik sowie optische Systeme. Wichtige Wirtschaftspartner sind dabei so namhafte Unternehmen wie Carl Zeiss Jena, die Funkwerk AG Kölleda oder Jenoptik AG.

Kaliningrad an deutschen Erfahrungen interessiert


Auf russischer Seite freilich fixieren sich konkrete Projekte und Hoffnungen auf Kooperation und Austausch von Knowhow derzeit sehr auf die Vorbereitung des Championats. Was nahe liegt.

Vor allem der Kaliningrader Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk sprach den Wunsch nach Zusammenarbeit deutlich aus im Gespräch mit der Delegation aus Erfurt. Man sei an den Erfahrungen der Deutschen auf allen Gebieten der Stadtentwicklung interessiert, von der Denkmalpflege über die Sanierung von Wohnblocks bis zu einem modernen Nahverkehrskonzept, sagt er.

Die Wirtschaftsdelegation aus Thüringen besichtigte mehrere städtebauliche Großprojekte - hier die neue Promenade am Oberteich. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad habe trotz der Fortschritte in den letzten Jahren einen großen Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur, Schwerpunkte seien zudem die Beseitigung ökologischer Altlasten und Modernisierung der Abfallentsorgung auf westlichem Niveau.

„Wir wollen bis 2018 nicht nur ein neues Fußballstadion bauen. Kaliningrad steht vor einem Aufbruch, wie wir ihn so bald nicht wieder bekommen werden. Die WM ist eine gewaltige Chance, aus Kaliningrad eine moderne europäische Stadt zu machen, aber dazu benötigen wir starke Partner.“

Jaroschuk und der Vorsitzende des Stadtrates, Alexander Pjatikop, regten darum eine Städtepartnerschaft mit Erfurt an – und den regelmäßigen Austausch von Delegationen auf fachlicher Ebene.

Ganz ähnlich klangen die Offerten bei den Gesprächen in der Gebietsregierung, auf russischer Seite von Infrastrukturminister und Vizegouverneur Alexander Rolbinow geführt. Da bahnt sich eine neue Gebietspartnerschaft an – wie sie Russlands westlichste Provinz sehr lebendig mit dem Land Schleswig-Holstein verbindet.

Die Einladung für einen baldigen Gegenbesuch sprach Christian Carius in Kaliningrad gleich mehrfach aus. „Wir werden ebenso gute Gastgeber sein wie wir es hier erlebt haben, und wir werden die Leistungsfähigkeit unserer Bauwirtschaft und der Vielfalt Thüringens präsentieren.“

Auch kulturell gibt es Brücken


Zu präsentieren versteht sich mittlerweile auch Kaliningrad – zumindest auf Plänen und Bildern. Im Rathaussaal hängt, einem Panorama gleich, ein riesiges Gemälde des Königsberger Schlosses.

Die Sowjets hatten die kriegsbeschädigte Ruine in den 1960er Jahren gesprengt und eingeebnet, nichts sollte mehr an die Deutschen erinnern im Zentrum der Stadt. Die Kaliningrader haben die alten Keller inzwischen wieder ausgegraben. Und sie werden es noch fertig bringen, das Schloss neu aufzubauen.

Der Besuch der Wirtschaftsdelegation war nicht die erste offizielle Visite aus Thüringen. Im Frühling vorigen Jahres sah sich sogar schon Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht in Kaliningrad um – im Rahmen einer Pilgerreise der CDU, die 350 Menschen nach „Russisch-Ostpreußen“ führte, unter anderem nach Mühlhausen in die dortige evangelische Kirche.

Naheliegend: Ein Mühlhausen gibt es auch in Thüringen. Und dass die protestantische Urtradition der heute russischen Königsberg-Provinz eine kulturell-historische Brücke in Richtung des deutschen Martin-Luther-Bundeslandes zu schlagen vermag, wird niemand bestreiten wollen:

Albrecht von Brandenburg-Ansbach war schließlich ein glühender Anhänger des thüringischen Reformators. Und so rief er in seinem frisch gegründeten Herzogtum Ostpreußen die quasi erste evangelische Landeskirche der Welt aus. Was in Erfurt nicht glückte, in Königsberg gelang es…