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Das Eckige muss ins Weiche: So sieht der Masterplan für das Kaliningrader WM-Geländ eim Modell aus (Foto: tp/.rufo)
Das Eckige muss ins Weiche: So sieht der Masterplan für das Kaliningrader WM-Geländ eim Modell aus (Foto: tp/.rufo)
Mittwoch, 19.12.2012

Gärtner u. Garagenbesitzer legen sich mit WM-Projekt an

Kaliningrad. Keine drei Monate ist es her, seit Kaliningrad den Zuschlag als Ausrichterstadt der Fußball-WM 2018 erhielt. Jetzt nehmen die Pläne für das Stadion-Areal in der Stadt Form an. Doch prompt gibt es Proteste.

Dass die Grundstücksverhältnisse kompliziert werden würden, war zu erwarten. Dies eher nicht: Ausgerechnet ein paar Garagen und Gemüsegärten stehen dem ambitioniertesten Bauprojekt Kaliningrads im Weg.

Kaum dass die Pläne für das WM-Fußballstadion Kontur annehmen, stellen sich einige Anwohner auf dem Rasen und beharren auf ihrem Hausrecht: Sie waren zuerst da. Und sind willens, sich bei drohendem Abriss ihrer Datschen notfalls an die FIFA zu wenden: So nicht, König Fußball.

Hinter dem Dom erheben sich die auf dem weichen Grund der Lomse errichteten sowjetischen Wohnblöcke (Foto: tp/.rufo)
Hinter dem Dom erheben sich die auf dem weichen Grund der Lomse errichteten sowjetischen Wohnblöcke (Foto: tp/.rufo)
Entsprechend hitzig ging es zur Sache während der ersten öffentlichen Anhörung zum jetzt fertigen Projektentwurf für den Stadtteil „Ostrow“, zu deutsch Insel. Damit ist eben jenes Viertel gemeint, das auf 155 Hektar rings um das Championats-Stadion wachsen soll mit Sportstätten, Spa-Hotels, Wohnungen und Parks – das alles auf der Oktoberinsel zwischen den Pregelarmen, zu Königberger Zeiten Lomse genannt.

Die Fußball-WM 2018 soll zur Initialzündung für einen beispiellosen Kaliningrader Aufschwung werden. Doch nicht wenige Bewohner der in spätsowjetischer Zeit mit einem Betongebirge aus achtstöckigen Wohnblocks bebauten Oktoberinsel befürchten nun, zu den Opfern der WM-Baupläne zu werden.

Wer geht hier an den Stadtrand?


Es ist wie so oft in den Umbruchszeiten, in denen die Stadt steckt: Reich steht gegen Arm, Macht gegen Ohnmacht. „Baut euer Stadion doch draußen an der Mamonowo-Chaussee, wo ihr uns mit billigen Grundstücken abspeisen wollt!“, rief ein aufgebrachter Mann in der zweistündigen Diskussion, die vorigen Freitag im Haus der Künste um den Bebauungs-Plan für die Fußballinsel entbrannte.

An besagter Ausfallstraße, zehn Kilometer vom Zentrum entfernt am südwestlichen Stadtrand gelegen, will die Stadtverwaltung jenen Grundstückseigentümern Ersatzparzellen anbieten, deren Gärten und Garagen auf dem geplanten WM-Viertel stehen.

Schwarzbauten droht schweres Schicksal


Ein Problem: Längst nicht alle dieser Bauten sind legal – oder anders gesagt: Die Eigentümer sind nicht im Besitz aller nötigen Dokumente. Und wer die nicht vorweisen kann, hat schlechte Karten in diesem Spiel. Zusätzlich dürften unter den Garagen auf der Insel auch viele echte Schwarzbauten sein, entstanden in den gesetzlosen 1990er Jahren.

Der WM-konforme Flächennutzungsplan für die Pregel-Insel jagt den Alteingesessenen Angst ein (Foto: tp/.rufo)
Der WM-konforme Flächennutzungsplan für die Pregel-Insel jagt den Alteingesessenen Angst ein (Foto: tp/.rufo)
Kaliningrads Chefarchitekt Artur Krupin kündigte gegen die illegale Bebauung eine harte Linie an: Abriss, und zwar ersatzlos. In der Diskussion um die Insel-Pläne goss er damit erst richtig Öl ins Feuer.

Um die Wogen zu glätten, beschwichtigt nun Alexander Sujew, Chef des kommunalen Vermögenskomitees: Niemand werde dort gegen den Willen der Anwohner und Besitzer etwas abreißen. Das gäbe die Rechtslage gar nicht her. „Auch die Ersatzgrundstücke werden auf freiwilliger Basis angeboten. Wir wollen, müssen und werden einen Kompromiss finden.“

Denn es geht um viel – und die Zeit drängt. Solche Konflikte mit den Anwohnern kann auf der WM-Baustelle niemand brauchen, die Bauarbeiten müssen 2013 beginnen, sonst wird es knapp.

Sportstätten, Schwimmbad, Bootsmarina


Der Entwurf des Bebauungsplans, von den Planungsbüros ENKO aus St. Petersburg und Wettbewerbssieger „Mostowik“ jetzt erstmals in allen Details öffentlich vorgestellt, geht von vorläufigen Gesamtkosten von knapp über einer Milliarde Rubel (24 Mio. Euro) aus.

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Vorgesehen sind auf der Oktoberinsel neben dem eigentlichen Stadion für 45.000 Zuschauer ein Komplex von Sport- und Fitnesscentern, eine moderne Schwimmbad-Therme, SPA-Hotels und Wohnhäuser.

Am Pregelufer plant Mostowik gemeinsam mit dem französischen Planungsbüro „Wilmotte & Associås“ eine Bootsmarina für hundert Liegeplätze mit angeschlossener Yachtschule, dazu kommen zwei Parkanlagen, durch eine Fußgänger-Promenade verbunden. Allein sechs neue Brücken sollen die große Insel mit dem Stadtgebiet nördlich und südlich des Pregel verbinden und an Magistralen wie den Litauer Wall und den Moskauer Prospekt andocken.

Wer das alles bezahlen soll, erscheint bislang etwas nebulös. Man hofft auf private Investoren. Für den Stadionneubau stehen bis zu 80 Prozent Mittel als dem föderalen Haushalt in Aussicht.

Eine solche Baustelle hat die Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt. Gegen das, was in Verbindung mit dem Fußballfest 2018 geplant ist, erscheint selbst die Sanierungswelle vor der 750-Jahrfeier, die Kaliningrad 2004/2005 für Monate an den Rand eines Ausnahmezustands brachte, wie die sprichwörtlichen Peanuts.

Auf Moor gebaut


Und nun das. Ein paar Kleingrundstücksbesitzer stellen sich quer. Werden sie Erfolg haben? Schwer vorstellbar. „Die FIFA wird den Blick auf die Garagen nicht akzeptieren“, entgegnet Chefarchitekt Krupin auf die Ankündigung der Protestler, sich an den Fußballverband zu wenden. „Sollen sie sich beschweren. Das Recht steht ihnen frei.“

Doch es sind nicht die einzigen Einwände der „Insulaner“. Andere Befürchtungen fallen schwerer aus, buchstäblich. Die Oktoberinsel besteht aus Schwemmsand und Torf und ist mit bis zu zwölf Metern Torfschichten einer der schwierigsten Bauareale Kaliningrads. Nicht von ungefähr mieden die Königsberger die Lomse, bauten nur spärlich und leicht.

Selbst zu sowjetischer Zeit, als Architekten meinten, mit genügend Beton ginge alles, lenkten die Bauplaner ein: Von den geplanten Wohnblocks auf der Oktoberinsel wurde nur die Hälfte fertig – und inzwischen in zwei Fällen schon wieder abgerissen, weil der Baugrund unter den Fundamenten nachgab. Meterlange Risse in den Wänden zeigen, dass es anderen Wohnblocks nicht viel besser steht.

Anwohner fordern Bestandsgarantien


Und die Probleme gehen weiter. Die neue Hochbrücke über die Oktoberinsel ist kaum ein Jahr fertig, inzwischen zeigen sich an einem benachbarten Haus in der General-Pawlow-Straße erste Setzungsrisse.

Stadtarchitekt Krupin sieht große Chancen für eine Erneuerung der Stadt durch die WM-Bauten (Foto: tp/.rufo)
Stadtarchitekt Krupin sieht große Chancen für eine Erneuerung der Stadt durch die WM-Bauten (Foto: tp/.rufo)
Im Zug der Neubebauung sollen nun auf dem moorigen Eiland bis zu 20-stöckige Hochhäuser hochgezogen werden – mit insgesamt 166.000 Quadratmetern Wohnfläche. Nicht gleich bis zum Fußballfest, sondern in der zweiten Etappe, in der Zeit von 2018 bis 2030.

Darum fordern die Anwohner nun Garantien, dass ihre sowjetisch gegründeten Behausungen nicht unter dem Gewicht der WM-Sportstadt einsinken. Oder eines Tages gleich ganz weggesprengt werden, um Platz für die neuen Nobel-Wohnkomplexe zu schaffen – wie eine Frau während der Anhörung mutmaßte.

Zumindest diese Sorge versucht Stadtarchitekt Artur Krupin gleich zu entkräften: Niemand plane den Abriss der Wohnblocks. Im Gegenteil: „Wir werden dort auf der Oktoberinsel ein für ganz Kaliningrad beispielhaftes Baukonzept realisieren und in diesem Zuge die sowjetische Bebauung sanieren. Die Bewohner der Insel haben viele Vorteile von diesem Projekt, zu dem auch eine neue Grundschule für 350 Kinder und ein angeschlossener Vorschulkomplex gehört.“

Architekten sagen Verkehrschaos voraus


Doch auch von qualifizierter Seite kommt heftige Kritik an dem jetzt vorgestellten Projekt. Es beinhalte weder reale Perspektiven für weiterführende innerstädtische Entlastungsstraßen noch sehe es separate Erschließungstrassen für die Bauzeit vor, schreiben die renommierten Kaliningrader Architekten Olga Misej, Oleg Wasjutin und Juri Sabuga in ihrer Stellungnahme.

„Damit ist ein Verkehrschaos mitten in der Stadt während der Bauphase vorbestimmt, und danach werden die Staus in die Nachbar-Stadtteile verlagert.“ Geradezu vernichtend fällt ihr ästhetisches Urteil über den neuen Stadtteil mit seinen bis zu 20stöckigen Hochhäusern aus: altbacken und beliebig, ohne moderne städtebauliche Impulse und Tendenzen. „Das gesamte Konzept ist architektonisch ein Rückschritt in die Vergangenheit. Es muss in wesentlichen Punkten überarbeitet werden.“

Doch dafür bleibt kaum Zeit. Bis Ende Januar muss die Planung abgeschlossen und bestätigt werden, denn schon im Sommer soll es losgehen mit den Erschließungs- und Tiefbauarbeiten. Die Fristen drängen.

Die Jubelfeier lieferte schöne Bilder, als das alte Königsberg Ende September den Zuschlag als WM-Stadt erhielt. Jetzt steht viel Arbeit an. Die erste Halbzeit der Fußball-WM hat für Kaliningrad längst begonnen.



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Holger Eekhof 19.12.2012 - 23:07

Los geht´s....

Anwohner haben haben recht, und Planer haben recht.. geht so etwas.. aber sicher... :)))

Ich wünsche den Planern jede Menge Spaß, früher hat man so etwas mit tief eingeschlagenen Eichen gelöst, aber da wollte man auch nicht so hoch hinaus :))

Wenn diese Sportstätte Bestand haben soll, dann wird es richtig lustig, nach gutem Bauland sieht der Platz wirklich nicht aus.. aber wie bitte, wenn nicht jetzt, soll jemals etwas daraus werden?

Und ganz ehrlich.. wenn dabei das ein oder andere Gebäude im \"Altbestand\" unwiderbringlich geschädigt wird, es sieht nicht wirklich nach einem städtebaulichen Verlust aus - zumindest für mich als Laie.

Die Kunst wird sein, den Altbestand objektiv zu bewerten und zu einem sozialverträglichem Ausgleich zu kommen.

Aber: Datscha in der Innenstadt? Muß das sein? Ich wünsche den Verantwortlichen gute Nerven und noch bessere Anwälte, um auch mit überhöhten Ansprüchen zurecht zu kommen, wie sie im Gefolge solcher Baumaßnahmen nun einmal entstehen, im Osten wie im Westen.


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