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Bei den Bauarbeiten stießen die Arbeiter schnell auf menschliche Knochen (Foto: Limonow)
Bei den Bauarbeiten stießen die Arbeiter schnell auf menschliche Knochen (Foto: Limonow)
Freitag, 11.01.2013

Baltijsk baut Kindergarten auf deutschem Friedhof

Thoralf Plath, Baltijsk. Ein neuer Kindergarten soll in Baltijsk, dem einstigen Pillau, seit längerem gebaut werden. Nun geht es endlich los. Aber warum gerade auf einem ehemaligen deutschen Friedhof?

Der Bagger war noch keine halbe Stunde im Einsatz, da kamen die ersten Knochen zum Vorschein. Als das eiserne Maul mit Erde und Lehm einen bräunlichen Totenschädel ausspuckte, blieben auf dem Gehweg am Stadtpark von Baltijsk entsetzte Passanten stehen: Was würde das hier werden?

Laut Plan ein neuer Kindergarten, der modernste der Stadt, 240 Plätze, mit großem Spielplatz und Schwimmbecken. Baltijsk braucht dringend einen weiteren Kindergarten, der Bedarf ist groß. Doch muss man ihn ausgerechnet auf einem alten Pillauer Friedhof bauen?

Friedhof auf alten Karten verzeichnet


Das fragt sich Waleri Limonow auch. Der Direktor von „Westliche Zitadelle“, einem regionalkundlichen Forschungsfonds in Baltijsk, schlug umgehend Alarm, als ihm die grausigen Funde in der Baugrube des Kindergartens zu Ohren kamen. Das Baugrundstück sei Teil eines alten städtischen Friedhofs, auf dem bis 1945 die höhergestellten Bürger des Seebades Pillau bestattet worden waren, sagte Limonow aufgebracht.

„In der Stadtverwaltung ist das ganz sicher bekannt. Die Begräbnisstätten ist auf historischen Karten der Stadt Pillau eingezeichnet, und diese Karten sind sogar allgemein zugänglich. Wie kann es sein, dass es für solch ein Grundstück eine Baugenehmigung gibt? Da müssen doch vorher geologische Untersuchungen erfolgt sein.“

Limonow forderte umgehend einen Baustopp und die Exhumierung der Gebeine vor einem Weiterbau. „Das ist das Mindeste. Wenn man schon unbedingt einen Kindergarten an so einem Ort bauen muss.“

Bergung in Plastiktüten


Die Bauarbeiter gruben trotzdem weiter, doch noch am ersten Tag begannen Volontäre der Organisation „Avanport“ damit, die Überreste der Verstorbenen einzusammeln, provisorisch in Plastiktüten, doch zu mehr war keine Zeit bei der Bergung buchstäblich unter den Baggerschaufeln. „Wir machen das freiwillig und ohne Bezahlung“, betonte Avanport-Chef Waleri Kulischkin.

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Seine Leute haben mit solchen Arbeiten Erfahrung – sie betteten schon viele Gebeine gefallener Soldaten, auch der deutschen Wehrmacht, auf Militärfriedhöfe um – oft in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. In den Dünen bei Baltijsk, nahe der Nordermole, liegt einer der größten Soldatenfriedhöfe auf dem Gebiet des früheren Nordostpreußen – dort haben mittlerweile die Gebeine von 13.500 Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg ihre letzte Ruhestätte gefunden. Avanport hat daran großen Anteil.

„Das verzeih ich den Behörden nie“


Ein neuer Kindergarten auf den Knochen deutscher Gräber – wie ein Lauffeuer sprach sich die Nachricht in der Öffentlichkeit herum. Alle Kaliningrader Medien berichteten darüber, im Internet entbrannte eine heftige Diskussion.

Manche wunderten sich über die Aufregung: Es sei zu allen Zeiten auch auf einstigen Bestattungsorten gebaut worden, so sei das Leben. Doch überwiegend erntete die Baustelle in der Senjawin-Straße am Baltijsker Stadtpark heftige Kritik: „Ein Kindergarten auf einem Friedhof, das verzeih ich den Behörden nie“, schrieb eine Frau im Forum des Internetdienstes NewKaliningrad.ru.

Friedhof war bekannt


Vor zehn Jahren habe sie miterlebt, wie ein altes deutsches Paar, ehemalige Ostpreußen, auf dem früheren Friedhof anhand der erhaltenen Bäume die Stelle gefunden habe, an der sich das Grab eines Angehörigen befand. „Es war auch bei uns allen bekannt, dass dort in Pillau einer der Friedhöfe war. Wie kann man unseren Kindern nur so etwas antun, dort einen Kindergarten zu bauen.“

Begräbnisstätte war der Ort in Pillau offenbar bis unmittelbar zum Kriegsende. Angeblich hat man dort sogar noch Opfer der Schiffskatastrophe der „Wilhelm Gustloff“ beigesetzt. Mitte der 1950er Jahre wurde der Friedhof unter sowjetischer Militärverwaltung eingeebnet und in eine Grünanlage des städtischen Parks umgestaltet.

Gebeine von 150 Pillauern geborgen


Bauherr des Kindergartens ist offiziell nicht die Stadt, sondern die Baltijsker Kreisverwaltrung. Deren Chef Nikolai Daschkin unterschrieb noch am Dienstag einen offiziellen Vertrag mit „Avanport“, deren Mitarbeiter nun alle Gebeine von der Baustelle exhumieren und umbetten sollen, geborgen wurden bislang Grabsteine aus den Jahren zwischen 1890 und 1912 sowie die Reste von fast 150 Verstorbenen.

Ihre letzte Ruhestätte finden sie nun in einer Gruft auf dem Gelände der neuen Baltijsker Alexander-Newski-Kirche. Denn auch das orthodoxe Gotteshaus wurde vor fünf Jahren auf einem ehemaligen deutschen Friedhof gebaut, allerdings legte die Russisch-Orthdoxe Kirche eigens eine Gruft an, in der die Gebeine bestattet wurden. Offenbar ist noch Platz dort für die Toten aus der Nachbarschaft.

Behörden weisen Schuld von sich


Warum ist das nicht gleich geschehen? Warum hat man die Gebeine nicht vorher geborgen und umbestattet, ehe die Bauarbeiten begannen? Wer dafür nun die Verantwortung übernimmt, da schieben sich nun Stadt und Kreis gegenseitig die Schuld zu. Die Stadt sei nicht Bauträger und auch nicht für die Bauaufsicht zuständig, das sei der Kreis, sagt Rathauschef Marat Nasykow.

In der Kreisadministration indes beruft man sich auf den Generalplan und alle darauf, alle gesetzlich notwendigen Voruntersuchungen ausgeführt zu haben: „Wir haben eine offizielle Baugenehmigung“, betont Nikolai Daschkin. „Die Stadt hat uns nicht ausreichend über die Lage des einstigen Friedhofs informiert. Äußerlich war davon nach Aussage meiner Mitarbeiter nichts mehr zu sehen, das Gelände war doch seit Jahrzehnten Parkanlage.“

Vor kurzem noch Gerüchte dementiert


Ganz so unwissend, wie jetzt alle tun, waren sie wohl doch nicht. Die Stadtverwaltung hatte im Dezember den Bau des neuen Kindergartens angekündigt und die Einwohner beruhigt, dass dafür keiner der alten Bäume des Stadtparks gefällt werden würde – neue Baustellen gehen in Kaliningrad inzwischen sehr gern mit Kahlschlägen an Parks und altem Stadtgehölz einher.

In der gleichen Mitteilung ließ das Rathaus Gerüchte dementieren, der Kindergarten würde auf dem ehemaligen Pillauer Friedhof gebaut – entsprechende Informationen in einem örtlichen Internet-Blog seien von „unwissenden Leuten“ in die Welt gesetzt worden, hieß es. Nichts gewusst geht anders.

Auch Heimatkundler Limonow ist sich sicher, dass die Gräber den Behörden bekannt waren. „Als man den Friedhof in den 50er Jahren beräumte, wurden die Grabsteine und Reste des Friedhofs an der Nordermole deponiert und verschüttet, eben an der Stelle, an der heute der neue Aquapark steht. Als man den baute, fand man die alten Grabsteine nämlich wieder. Es soll jetzt also keiner erzählen, das sei alles unbekannt und viel zu lange her. Sie haben einfach geglaubt, das käme schon nicht raus.“

Kulturpark auf Knochen




Alter Grabstein eines ehemaligen Friedhofs in Baltijsk (Pillau)
Alter Grabstein eines ehemaligen Friedhofs in Baltijsk (Pillau)
Auf Friedhöfe aus deutscher Zeit Rücksicht zu nehmen, ist erst in jüngerer Vergangenheit wieder üblich im Gebiet Kaliningrad – zu sowjetischer Zeit waren sie ausnahmslos eingeebnet worden, die Grundstücke galten als „vogelfrei“, wie nahezu alle Kulturstätten aus der Vorkriegszeit.

Der beliebte zentrale Kulturpark Kaliningrads hinter der Luisenkirche, er steht komplett auf dem Gelände einstiger Königsberger Friedhöfe. Auch die Schule Nr. 28 baute man in den 1970er Jahren auf den Knochen einer verwüsteten deutschen Begräbnisstätte, einstige Schüler erinnern sich noch heute an die Gebeine, die man damals überall in der Umgebung der Baustelle fand.

Und noch als man vor zehn Jahren begann, gleich hinter dem Königstor am Litauer Wall Hochhäuser hochzuziehen, legten die Bagger alte Gräber frei. Hier befand sich einst unter anderem ein Friedhof der jüdischen Gemeinde, nach dem israelitischen Glauben ein Heiliger Ort auf ewig. Geholfen hat es nichts. Gebaut wurde trotzdem.



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Holger Eekhof 13.01.2013 - 13:16

gravierende kulturelle Unterschiede???

Mit den gravierenden Unterschieden bin ich mir nicht so ganz sicher ... aber womöglich gibt es Unterschiede in den Regularien, wie die Verwaltung arbeitet und welche innerhalb einer Verwaltung bekannten Informationen in den offiziellen Kriterienkatalog als Entscheidungsgrundlage aufgenommen werden müßten.

Ich lebe in Deutschland, in einer 2000 Jahre alten Stadt, egal wo sie hier ein Loch graben, Gebeine werden sie immer finden, manche Stadtteile sind in der Vergangenheit sogar auf kompletten Begräbnisachsen gebaut worden - eine offizielle Exhumierung gab es dort nie.

Es wird in Russland nicht anders sein als hier: Ist die Baugenehmigung vorhanden, ist die Finanzierung gesichert, so wird mit den Bauarbeiten begonnen, auf Teufel komm raus - insbesondere wenn es sich öffentliche Baumaßnahmen handelt, die völlig überraschend mit Kulturgütern konfrontiert werden.

Ist die öffentliche Aufregung dann groß genug, hat man dennoch eine Chance auf Verwirklichung, weil dann die erhöhten Kosten von der Verwaltung gerechtfertigt werden können - werden solche Risiken bereits im Vorfeld sichtbar, kann dies ein Projekt um Jahre verzögern wenn nicht sogar ganz verhindern.

Hier zuletzt in der Diskussion, als die Reste einer römischen Villa nebst dazugehörigen Begräbnisstätten bei Nacht und Nebel ausgebuddelt und abgefahren wurden - sie standen einer wichtigen Autobahnbrücke im Wege.

Letzendlich handelt sich um ein entscheidungstheoretisches Problem - ist das Bauprojekt so prioritär oder nicht?

Und hier geht es um einen Kindergarten - für den nun endlich Geld locker gemacht werden konnte.
Und um einen christlichen Friedhof, der bereits seit ca. 60 Jahren aufgelassen ist und als Park genutzt wird - gemäß deutscher Friedhofsordnungen sind Grabstätten etwa nach 15- 20 Jahren von den Friedhofsverwaltungen zu beräumen, selbst bei großzügigen Gruften besteht nur ein ca. 60 Jahre dauerndes Nutzungsrecht.

In meinen Augen haben die Verantwortlichen richtig gehandelt:

Erst mal anfangen, öffentlichen Aufschrei abwarten, zivilen Organisationen bereits am ersten Tag Zutritt zu gewähren und Notmaßnahmen zuzulassen. Und nun geregelt und finanziert weiter zu verfahren.

Denn:

1. Existierende Nutzungsrechte der \"Einlieger\" sind abgelaufen.
2. Es handelt sich um öffentlichen Grund und Boden.
3. Es geht um einen Kindergarten, für den endlich Geld locker gemacht werden konnte.

Den einzige Unterschied, den ich erkennen kann, hier werden solche Probleme bei Nacht und Nebel gelöst - in Russland stehen zufällig ein paar Voluntäre parat, die an diesem Tag nichts anderes zu tun haben...

Zufälle gibt´s, manchmal kann man es kaum glauben.


alwis 12.01.2013 - 21:26

mir scheint, es gibt noch gravierende kulturelle Unterschiede zwischen deutschen und russischen Behörden!


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