Sonntag, 07.11.2004

Von Königsberg nach Kaliningrad - 60 bewegte Jahre

Das Haus der Räte sollte das alte Stadtschloss ersetzen - nun könnten beide Gebäude zu Nachbarn werden (Foto: Archiv)
Kaliningrad. Militärisches Sperrgebiet, Ostsee-Slum, EU-Enklave, Pilotregion: Wohl kaum eine andere Region Europas hat eine so bewegte Nachkriegsgeschichte hinter sich wie das Kaliningrader Gebiet.
Nach dem Krieg fiel der Norden Ostpreußens mit seiner Hauptstadt Königsberg an die Sowjetunion. Stalin beanspruchte das Gebiet während der Potsdamer Konferenz für sich - unter anderem des eisfreien Ostseehafens wegen. Bis 1948 wurden alle deutschen Einwohner, die das Kriegsinferno und die nachfolgende Hungersnot überlebt hatten, aus der baltisch-preußischen Beuteprovinz vertrieben - dafür siedelte man Menschen aus allen Teilen des Sowjetimperiums in der 1946 gegründeten „Kaliningradskaja Oblast" an. Sämtliche Städte und Dörfer wurden russisch-sowjetisch umbenannt, weit über 1.000 Ortschaften.

Dann verschwand die Region für Jahrzehnte quasi von der Landkarte Europas. Kein Ausländer durfte das hermetisch abgeriegelte Militärsperrgebiet betreten; selbst sowjetische Reisende, die nach Kaliningrad wollten, brauchten einen Sonderausweis.

Erst 1991, im Tauwetter der Gorbatschow-Perestroika, öffneten sich die Grenztore nach Westen wieder. Da war die Sowjetunion zusammengebrochen und Kaliningrad zur Exklave mutiert, abgetrennt vom Mutterland durch das wieder souveräne Litauen, Weißrussland und Polen. Die 1990-er Jahre brachten dem Gebiet den wirtschaftlichen Niedergang. Alles brach zusammen: Industrie, Militär, Landwirtschaft, die Gesundheitsversorgung. Während die große Politik an illusionären Ideen wie der Freihandelsvision vom „Hongkong an der Ostsee" bastelte, versank Kaliningrad in Armut, Sozialnot, Korruption und Kriminalität: ein Sumpf, in dem jene verwahrloste Schmuggeldrehscheibe gedieh, als die das Kaliningrader Gebiet bis heute in den westlichen Medien herumgeistert.

Doch inzwischen hat sich der Wind gedreht. Vor zwei Jahren, als Litauen und Polen der EU beitraten, wurde die Exklave Kaliningrad zur russischen Insel innerhalb der Europäischen Union. Es scheint, als habe eben diese Wandlung, die von den Bewohnern des Gebietes vorher so gefürchtet worden war, einen Knoten platzen lassen. Seither prägt ein kräftiger wirtschaftlicher Aufschwung die Region, der vor allem in der Gebietshauptstadt spürbar ist:

Kaliningrad hat sich in eine riesige Baustelle verwandelt und entwickelt sich fast explosionsartig. Der Wohnungsbau boomt, die Wirtschaft wird allein im Jubiläumsjahr 2006 um über 20 Prozent wachsen. Präsident Wladimir Putin will Kaliningrad in eine Pilotregion künftiger Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Europäischen Union verwandeln. Im vorigen Jahr setzte er Georgi Boos als neuen Gouverneur ein, einen jungen bulligen Moskauer Machertypen, der sich vorgenommen hat, mit der Modernisierung des Kaliningrader Gebiet sein politisches Meisterstück abzuliefern. Es scheint ihm zu gelingen.

(tp/.rufo)