Montag, 27.09.2010

Schichtwechsel in Kaliningrad: Boos geht von Bord

Georgi Boos verlässt Kaliningrad - und zieht Bilanz. (Foto: Ballin/.rufo)
Kaliningrad. Mit einer Rede im Regionalfernsehen hat sich Kaliningrads Gouverneur Georgi Boos verabschiedet. Er nutzte die Ansprache, um die Ergebnisse seiner Arbeit zu loben, aber auch, um sich zu entschuldigen.
Über eineinhalb Stunden dauerte der Auftritt von Boos am Sonntag. Es war die Abschiedsrede des Gouverneurs, dessen Amtszeit am Montag ausläuft. Nachfolger Nikolai Zukanow wird am Dienstag eingesetzt.

Unter Boos viel los in Kaliningrad


In den fünf Jahren unter Boos hat sich Kaliningrad stark verändert. Speziell in den ersten Jahren gab es einen regelrechten Bauboom in der Stadt Kaliningrad, aber auch in den kleineren Städten und Gemeinden der russischen Ostseeprovinz.

Die rege Bautätigkeit und der wirtschaftliche Aufschwung (bis zur Krise) waren daher auch zwei wesentliche Aspekte in der Abschiedsrede von Boos. Daneben lobte der schwergewichtige Politiker auch die Resultate seiner Arbeit im sozialen Bereich.

Höhere Löhne und Verbesserung des Gesundheitssystems


„Die Löhne in der Region haben damals das Lebensminimum gerade mal um das 1,9-Fache überschritten, inzwischen sind sie dreimal so hoch. Die Zahl der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Bürger ist von 20 auf zwölf Prozent gesunken.

Den Höhepunkt der Arbeitslosigkeit hatten wir im Juni 2009 mit 3,9 Prozent, zum September hin stabilisierte sich die Lage in der Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit ist auf 2,5 Prozent gesunken“, erklärte Boos.

Boos sprach von gebauten Wohnungen für Waisenkinder und von Rekordhilfen für kinderreiche Familien, von einer Verbesserung des Gesundheitssystems und von gerechteren Löhnen für Ärzte.

Opposition vereint gegen Boos


Wovon er nicht sprach, das waren die zahlreiche Korruptionsfälle unter seiner Regentschaft, die „Übernahme“ des zuvor oppositionellen Senders „Kaskad“ und die zuletzt stärker werdenden Proteste gegen seinen autoritären Führungsstil.

Der Beschluss über die Absetzung des Kaliningrad-Bosses reifte im Kreml heran, nachdem es der Opposition zu Jahresbeginn gelungen war, Massendemos in Kaliningrad zu organisieren. Der Rückhalt in der Bevölkerung war zu gering.

Als gescheitert betrachtet sich Boos nicht, dennoch entschuldigte er sich bei den Kaliningradern dafür, „dass es nicht gelungen ist, alle unsere Pläne zu realisieren, dass wir nicht all Eure Probleme lösen konnten und nicht all Eure Hoffnungen erfüllt haben.“

Boos nach Moskau?


Über seine Zukunftspläne sagte der scheidende Gouverneur nichts. In Kaliningrad bleiben wird er aber wohl nicht. Gerüchten zufolge ist er sogar einer der Kandidaten auf die Nachfolge von Moskaus Oberbürgermeister Juri Luschkow.

Ob er tatsächlich eine Chance hat, wird wohl vor allem davon abhängen, wie groß das Mitspracherecht Luschkows, zu dessen Vertrauten er einst zählte, bei der Auswahl seines Nachfolgers ist.

In Kaliningrad selbst dürfte Boos bei der Wahl seines Nachfolgers eine gewichtige Rolle gespielt haben. Der Gouverneur in spe Nikolai Zukanow gilt als enger Vertrauter seines Vorgängers.
Im Sommer hatte er sich noch vehement für eine zweite Amtszeit von Boos ausgesprochen, ehe die Wahl des Kremls auf den gelernten Elektroschweißer fiel, der zuletzt den Kreis Gussew im Kaliningrader Gebiet führte.