 |
|
| Moskaus einstiger Bürgermeister Juri Luschkow will im Kaliningrader Gebiet Kompost produzieren. (Foto: Plath/.rufo) | |
Montag, 06.02.2012
Moskaus Ex-Bürgermeister macht jetzt Mist in Ostpreußen
Kaliningrad. Die darnieder liegende Landwirtschaft in der Exklave Kaliningrad bekommt jetzt prominente Hilfe aus Moskau. Ex-Oberbürgermeister Juri Luschkow will den russischen Königsberg-Bauern zeigen, wie es geht.
|
|
Juri Luschkow wird Landwirt. Im Dorf Suworowka 120 Kilometer südöstlich von Kaliningrad plant der ehemalige Moskauer Bürgermeister seine neue Karriere. Hier will er Mais und Weizen anbauen, Pferde züchten und ein hierzulande bislang eher unterschätztes Produkt mit zum Exportschlager machen: Kompost.
|
„Mit modernen Bearbeitungsmethoden und der Anwendung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse ist Landwirtschaft ein rentables Geschäft“, sagte Luschkow der Zeitung „Wedomosti“. Um das zu beweisen, will der passionierte Bienenzüchter in Suworowka einen Musterbetrieb aufbauen.
|
 |
|
| Luschkow und Baturina hauchen neues Leben in das alte Gestüt Weedern. (Foto: Plath/.rufo) | |
Familienbesitz im verwilderten Ostpreußen Impulse dieser Art täten Russlands verwilderter Ostsee-Exklave durchaus gut. Fast drei Viertel der Ackerfläche liegt brach in der einstigen „Kornkammer Ostpreußen“. Kaliningrad schafft mit der Ernte von Kartoffeln und Getreide nicht einmal seinen Eigenbedarf zu decken, selbst Zwiebeln und Gemüse werden aus Polen und Litauen importiert.
Nun will der 2010 über Korruptionsvorwürfe gestürzte Hauptstadtfürst den Kaliningrader Bauern zeigen, wie Landwirtschaft geht. Der gewählte Ort dafür liegt Luschkow näher, als es scheint; Suworowka ist Familienbesitz. Das ehemalige Staatsgut gehört seiner milliardenschweren Ehefrau Elena Baturina.
|
Weedern hieß das Dorf am Talrand des Flüsschens Angerapp zu deutscher Zeit, und es war berühmt für seine Pferde. Seit 1832 gab es hier ein Privatgestüt, unter Eberhard von Zitzewitz hatte es sich im frühen 20. Jahrhundert zu einer der berühmtesten Zuchtstätten für Trakehnerpferde in ganz Europa entwickelt.
Der zweite Weltkrieg zerstörte diese Tradition jäh. Der Familie von Zitzewitz gelang 1945 mit ihren Pferden die Flucht nach Hannover. Aus Weedern wurde Suworowka, aus dem Gestüt eine Rindersowchose.
|
Luschkows Ehefrau ließ Weedern wieder aufbauen Was davon nach fünf Jahrzehnten unter Hammer und Sichel noch übrig war, kaufte Jelena Baturina Mitte der 1990er Jahre mit einem ehrgeizigen Ziel: die ruinösen Ställe nach historischem Vorbild wieder aufzubauen. Fortan sollten in Suworoka wieder Trakehner gezüchtet werden, plante Russlands reichste Geschäftsfrau, nebenbei Präsidentin des russischen Reitsportverbandes.
|
 |
|
| Das late Herrenhaus der von Zitzewitz soll in Zukunft ein Luxushotel werden. (Foto: Plath/.rufo) | |
Mit Millionenaufwand ließ sie das Gestüt sanieren, eine moderne Reithalle entstand, für den Bau des Turnierplatzes wurde eigens ein Parcours-Spezialist aus dem Iran eingeflogen. „Es sieht noch schöner aus als zu unserer Zeit“, bekannte Erdmute von Zitzewitz, Tochter des letzten Besitzers, angesichts des auferstandenen Pferdebetriebes. Sogar den alten deutschen Namen holte Baturina für das Gestüt aus der Versenkung.
Zuletzt geriet das Aufbauwerk ins Stocken. Milliardärin Baturina hatte andere Sorgen, nun, die Geschäfte ihrer Inteko-Holding liefen schlecht. Der geplante Umbau des neugotischen Herrenhauses in ein Nobelhotel wurde gestoppt.
Doch immerhin: 120 rassige Sportpferde, Holsteiner, Hannoveraner, Trakehner, tummeln sich heute im neuen Weedern-Gestüt. Es rühmt sich, einziger Stammzuchtbetrieb für reinrassige Pferde in ganz Russland zu sein.
|
In Ungnade gefallen Juri Luschkow hat das alles immer nur am Rand interessiert. Als Moskauer Bürgermeister war er nur einmal im alten Königsberg – als sein politischer Ziehsohn Georgi Boos im Oktober 2005 Gouverneur der Exklave wurde. Luschkow schenkte ihm zur Inthronisierung eine vergoldete Statue des Heiligen Georg, der Drachentöter ist Schutzpatron Moskaus.
|
 |
|
| 120 rassige Sportpferde besitzt das Gestüt Weedern heute. (Foto: Plath/.rufo) | |
Der Zauber hielt nicht lange: Boos fiel im Januar 2010 nach einer großen Kaliningrader Anti-Putin-Demo beim Kreml in Ungnade. Im Herbst jagte Präsident Dmitri Medwedew auch den in zahllose Korruptionsskandale verstrickten Moskauer OB aus dem Amt.
Der hat nun Zeit, sich um Weedern zu kümmern. Es gäbe viel zu tun: Große Teile des Gestüts liegen immer noch in Trümmern. Doch das Hotel zu Ende zu bauen hat Juri Luschkow erst einmal nicht vor, auch die Pferde und die 500 Milchkühe des Baturina-Landbetriebes sind ihm nicht so wichtig.
|
Er will Feldfrüchte anbauen, Gerste, Hafer, Weizen. Und zu den 3.000 Hektar des Gestüts hat der 76-Jährige noch einmal 1.200 gepachtet, auf denen er nun seine wissenschaftlichen Agrarexperimente plant – die Zucht neuer Maissorten etwa, ganz ohne Gentechnik.
Vor allem aber seinen Traum: Superkompost aus Pferde- und Rinderdung. Seine Erfahrungen will Russlands berühmtester Rentner dann mit anderen Landbetrieben in der Kaliningrad-Exklave und in Kernrussland teilen.
|
Auf die Frage, wozu er das tut, hat Juri Michailowitsch eine einfache Antwort: „Für mich selbst. Für die Seele. Ich bin jetzt ein absolut freier Mann, und ich kann tun, was mir Spaß macht.“
|
|
|
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>