 |
|
| Fünf Tonnen Raps pro Hektar: Kieler Feldbesuch bei Raps-Bauer Wladimir Reiter (Foto: Plath/rufo) | |
Sonntag, 14.06.2009
Modernisierungs-partner im Kuhstall und auf dem Rapsfeld
Kaliningrad. Es geht aufwärts. Diesen Eindruck sollten Parlamentarier und Vertreter von Agrareinrichtungen aus Schleswig-Holstein mitnehmen. Die Tour durch die einstige „Kornkammer Deutschlands“ zeigte Licht und Schatten.
|
|
Fünf Tonnen Raps pro Hektar will Wladimir Reiter in diesem Jahr von seinem Acker holen. Fünf Tonnen? Claus Ehlers blickt skeptisch, als der junge russische Landwirt von den diesjährigen Ernteplänen berichtet. „Fünf Tonnen, das schaffen bei uns nur richtig gute Betriebe, und das auf den besten Böden.“
|
Ehlers, Mitglied des Agrarausschusses des Landtages Schleswig-Holstein, ist ein erfahrener Bauer. Er mag gut doppelt so alt sein wie der 29-jährige Reiter, der ihm in der Runde der Landwirte und Agrarverbandsleute aus Kiel gegenübersitzt am Tisch im Restaurants „Georgenburg“ des gleichnamigen Edelgestüts in Majowka.
|
Zum Gestüt, im Besitz eines im Ölgeschäft reich gewordenen Russen, gehört ein eigener Landbetrieb. In dem ist Wladimir Reiter angestellt. Gerade hat er von den Ertragsaussichten erzählt. Doch nun will Ehlers es wissen: „Kann man euer Rapsfeld mal sehen?“
|
Abstecher in die Wildnis
|
Kurz darauf schaukelt ein großer weißer Reisebus wie ein Raumschiff durch die weite sanftwellige ostpreußische Landschaft zwischen Tschernjachowsk und Gusew, wie die alten Provinzstädte Insterburg und Gumbinnen heute heißen. Auf einem schmalen Feldweg geht es durch schier endlose Brachflächen, vorbei an Kamille und wilden Lupinen, in den Pfützen spiegelt sich blauweiß Wolkentheater.
|
Der Terminplan der Tour droht zu platzen, der Abstecher war so nicht vorgesehen, doch dann endlich: das Rapsfeld, wie hineingeschnitten in die Wildnis. Zwölf Männer steigen aus, weiße Hemden, Krawatten, Namensschilder an den Jacketts, Gestalten wie aus einer anderen Welt inmitten der grünen Wildnis. Sie gehen die letzten zweihundert Meter zu Fuß, weil der Busfahrer streikt.
|
Als sie dann am Feldrand stehen, die grünen Rapshülsen begutachten, werden aus Delegationsmitgliedern Bauern. Man nickt anerkennend, Claus Ehlers klopft seinem jungen Kollegen auf die Schulter: „Na ja, fünf Tonnen werden das vielleicht nicht ganz. Aber dein Raps steht nicht schlecht, wirklich.“ Reiter lächelt verlegen. Doch in seinem Blick funkelt auch etwas anderes mit, was sagen will: Wartet mal, ihr werdet euch noch wundern.
Wenn man so ein Feld sehe, verstehe man, was mit dem großen Potenzial gemeint sei, das landwirtschaftlich in der Kaliningrader Region steckt, sagt Werner Schwarz. Der Mann ist Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein.
|
“Etwas tun, nicht nur reden“
|
Drei Tage ist die Delegation aus Kiel in der Königsberg-Exklave unterwegs. Vier Landtagsabgeordnete, die Chefs der Landwirtschaftsschule Deula, ein Referent des Agrarministeriums, Vertreter des Rinderzucht-Verbandes Schleswig-Holstein, eines der größten seiner Art in Europa. Eingeladen wurden sie von der Kaliningrader Gebietssduma. Die beiden Parlamente verbindet seit zehn Jahren eine Partnerschaft.
|
Ein realistisches Bild wolle man sich machen, wo die Landwirtschaft stehe im Kaliningrader Gebiet, sagt Klaus Klinckhamer, Vorsitzender des Agrarausschusses im Kieler Landtag, „und sehen, wo sich weitere Möglichkeiten einer konkreten Zusammenarbeit bieten. Es läuft da ja schon vieles, zum Beispiel in der Ausbildung. Es gibt gemeinsame landwirtschaftliche Projekte der Universitäten. So soll das weitergehen. Wir wollen etwas tun, nicht nur reden.“
|
Der Agrarausschuss der Kaliningrader Duma hat für die deutschen Kollegen ein volles Programm zusammengestellt. Mehrere landwirtschaftliche Betriebe, zwei Ausbildungsstätten in Polessk und Gusew, die Revierförsterei der Rominter Heide, ein Tierzuchtzentrum mit Milchlabor, ein Projekt des Landtourismus stehen zur Besichtigung an.
|
Kefir, Sahne, Tilsiter Käse
|
 |
|
| Kefir und Tilsiter Käse: Verkostung in der Molkerei Turgenjewo (Foto: Plath/rufo) | |
Erste Station: die Molkerei „Kirowskij“ bei Polessk, dem einstigen Labiau am Kurischen Haff. Vor dem Tor schwelen Schlackehaufen des Heizhauses, das Milchauto im Hof stammt aus tiefster Sowjetzeit und der Zustand des Gebäudes lässt Schlimmes befürchten, doch im Büro von Molkereichefin Valentina Kaschubina staunen die Gäste, was die kleine Molkerei zu bieten hat.
Zwei Dutzend frischer Produkte stehen zur Verkostung bereit: Kefir mit Moosbeerengeschmack, diverse Joghurte, Quark, Sahne, Butter. Sogar der berühmte Tilsiter Käse wird hier wieder hergestellt, nach originalem Rezept, wie die resolute Molkereichefin betont. „Und alles ohne Konservierungsstoffe und chemische Aromen. Unsere Produkte sind sicher nicht so lange haltbar, aber dafür durchweg natürlich.“
Mit hundert Leuten verarbeitet die Molkerei im Dorf Turgenjewo täglich 20 Tonnen Milch, aufgekauft für zehn Rubel den Liter von vier bis fünf großen und etlichen kleineren Lieferanten. Rentabel? „Nur zeitweise“, räumt Valentina Kaschubina ein. Für größere und dringend nötige Investitionen reiche es bei den niedrigen Preisen, die man für Erzeugnisse bekomme, leider nicht.
|
Warum man denn so eine breite Palette anbiete, anstatt sich gewinnbringender auf einige wenige Erzeugnisse zu spezialisieren, will Heinrich Terwitte vom Kieler Landwirtschaftsministerium wissen.
|
Früher sei das so gewesen, sagt die Geschäftsführerin. „Und wir hätten gern so weitergemacht. Aber der Markt fordert eben eine komplette Palette. Wir müssen alles bieten, sonst fliegen wir bei den großen Abnehmern raus.“ Die Molkerei lebt von den beiden großen Kaliningrader Supermarktketten „Wester“ und „Sedmoj Kontinent“. Die bestimmen Sortiment und die Preise.
|
Landwirtschaft im Knebel des Lebensmittelgroßhandels – die globale Marktmechanik ist auch im russischen Königsberg angekommen.
|
Landwirtschaft unter Handelsdruck
|
 |
|
| Der EU-Markt ist für sie trotz guter Qualität unerreichbar: Kaliningrader Molkereiprodukte (Foto: Plath/rufo) | |
Und das ist nur eines von vielen Problemen. Die Pioniere der jahrzehntelang vernachlässigten Landwirtschaft in der russischen Ostsee-Exklave müssen sich gegen eine Flut von ausländischen Produkten behaupten. Kaliningrads Supermärkte quellen über vor holländischem Käse, deutscher Butter, Mehl aus Litauen, Zucker aus Polen.
Für die Kirowskij-Molkerei in Turgenjewo indes ist der westeuropäische Markt faktisch unerreichbar – restriktive Zollregeln und Hygienebestimmungen schließen den EU-Markt für russische Hersteller ab.
|
Andrej Romanow, Landwirtschaftsminister der Kaliningrader Gebietsregierung, wies während des Auftaktreffens im Saal der Duma denn auch den von deutscher Seite geäußerten Vorwurf zurück, Russland betreibe einen zunehmenden protektionistischen Kurs.
|
„Lassen Sie uns ein Supermarkt in Kaliningrad und dann einen in Kiel besuchen. Dann werden wir schnell sehen, wer seinen Markt abschottet.“
Thoralf Plath, Kaliningrad
Fortsetzung: Schwarzbunte Schleswig-Holsteiner im High-Tech-Stall
|
|
|
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>