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Mit der Idylle im einstigen Pillkoppen wird es bald vorbei sein. (Foto: tp/.rufo)
Mit der Idylle im einstigen Pillkoppen wird es bald vorbei sein. (Foto: tp/.rufo)
Freitag, 05.06.2009

Kurische Nehrung: Vom Naturparadies zum Freizeitpark?

Kaliningrad. Noch ist der russische Teil der Kurischen Nehrung ein einzigartiger Streifen Ostseeküstennatur. Jetzt rollt die touristische Erschließung der legendären Landzunge an. Bebaut werden sollen 300 Hektar.

Dem Naturparadies droht schwerer Schaden, warnen Ökologen. Absichten, die zum Gebiet Kaliningrad gehörende südliche Hälfte der zwischen Litauen und Russland geteilten Halbinsel in ein exklusives Urlauberparadies zu verwandeln, gibt es in Kaliningrad und Moskau seit fast zwei Jahren.

Solange wird mittlerweile am Regierungsprojekt "Tourismus- und Erholungszone Kurische Nehrung" gearbeitet, und nun nimmt das Ganze allmählich Gestalt an. Es übt sich nicht gerade in Bescheidenheit: In vier großen Arealen ist demnach der Bau von insgesamt etwa 30 Hotels, mehreren Golfplätzen und diversen Freizeitparks geplant.

Dem technischen Planentwurf nach sollen diese Bebauungsflächen nahe des jetzigen Nationalpark-Eingangs im Süden der Nehrung, bei Ryachij (Rossitten), und in der Nähe des Nehrungsdorfes Morskoje (Pillkoppen) kurz vor der litauischen Grenze angelegt werden. "Erschlossen" werden sollen insgesamt 300 Hektar Fläche.

Baustart im kommenden Jahr



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• Kaliningrad: Tourismus zwischen Wunsch und Wirklichkeit (24.03.2009)
• Kaliningrad: Schwarzbau-Abriss auf der Kurischen Nehrung (07.12.2008)
• Vorerst keine Touristenzone auf der Kurischen Nehrung (06.03.2008)
• Schwarzbauten gefährden Kurische Nehrung (06.12.2005)
Bereits im kommenden Jahr werde man mit dem Ausbau der Infrastruktur beginnen, kündigte Gouverneur Georgi Boos dieser Tage an. Ganz obenan steht die Sanierung und Verbreiterung der Nehrungsstraße und die Erschließung der vier Baugebiete.

Als Tor in den Nationalpark ist ein pompöses pyramidenhaften Eingangsgebäude aus Holz und Glas geplant. Insgesamt vier Milliarden Rubel stehen laut Regionalregierung für den Ausbau der Infrastruktur auf der Nehrung bereit. Das Geld kommt größtenteils aus dem föderalen Haushalt, 17 Prozent der Summe trägt das Gebiet.

Die Hotels und touristischen Objekte selbst sollen von privaten Investoren realisiert werden. Die Konzeption der Tourismuszone geht von 60.000 zahlenden Gästen pro Saison aus – die örtlichen Einwohner nicht mitgerechnet.

Kritik vom Naturschutz



Von den urprünglichen Plänen, die Kurische Nehrung in ein Elite-Urlaubsquartier mit entsprechend teuren Unterkünften auszubauen, ist man inzwischen abgerückt. Es soll nun doch alles geben: Budget, Mittelklasse, Luxus. Doch Kritik gibt es am dem Großprojekt immer noch reichlich, wie sich bei der Vorstellung des Planentwurfs in Kaliningrad zeigte.

Die einzigartige Dünenwelt auf der Kurischen nehrung ist in Gefahr. (Foto: tp/.rufo)
Die einzigartige Dünenwelt auf der Kurischen nehrung ist in Gefahr. (Foto: tp/.rufo)
Vor allem aus dem Lager des Naturschutzes. Denn die Kurische Nehrung ist Nationalpark und steht auf der Liste des UNESCO-Weltnaturerbe. Die sensible ökologische Balance der Landzunge droht durch zuviel Tourismus aus dem Gleichgewicht zu geraten, warnen Biologen wie die Vizedirektorin der Nationalparkverwaltung, Alexandra Korolojowa.

"Der Schutz der Natur steht in einem Nationalpark nun einmal an erster Stelle. Und die vier zur Bebauung vorgesehenen Flächen der Tourismuszone verstoßen in vielem gegen den Naturschutz", gibt sie zu bedenken.

So sei das Tourismusareal bei Rossitten in direkter Nachbarschaft eines Bruchgebietes gelegen, in dem unter anderem Kraniche und Elche lebten. Eine der beiden Bebauungsflächen bei Morskoje lägen sogar im der Kernzone des Nationalparkes, in der jede Beeinträchtigung der Flora und Fauna tabu sei.

"Warum man überhaupt solche neuen Bebauungsgebiete in der Natur anlegen muss, anstatt die bereits existierenden Siedlungen zu nutzen, ist völlig unverständlich", so Koroljowa kürzlich gegenüber der Zeitung „Argumentyj i Fakty“.

Auch das geplante dreistöckige Parkhaus am Nationalpark-Eingang lehnen die Ökologen ab. Wegen des Torfbodens wäre hier ein gewaltiger technischer Aufwand nötig, was sich mit der Nehrungsnatur nicht vertrage.

Der zentrale Parkplatz wird nun möglicherweise am Stadtrand des Seebades Selenogradsk (Cranz) gebaut. Denn den individuellen Autoverkehr will man im Nehrungsurlaubsparadies stark einschränken. Stattdessen setzt das Konzept auf Buspendelverkehr.

"Nichts, was die Ökologie stört"



Die vier vorgesehen Bebauungsflächen seien in einem strengen Auswahlverfahren nach ökologischen Kriterien ermittelt worden, entgegnet Andrej Alpatow, Chef der föderalen Agentur zur Verwaltung der Sondertourismuszonen, auf die grüne Kritik. "Auf der Kurischen Nehrung wird nichts gebaut werden, was die Ökologie stört. Alles entspricht unseren Gesetzen."

Zudem sei das Projekt kein Dogma und noch veränderbar. "Einige Einwände seitens der Ökologen und der Nationalparkverwaltung sind bereits berücksichtigt worden." In zwei Monaten werde das architektonisch-technische Konzept der Tourismuszone fertig sein und dann von Fachleuten begutachtet werden, so Alpatow. Vorgesehen ist auch eine öffentliche Anhörung.

In der Kaliningrader Öffentlichkeit fehlt es nicht an Kritik an der geplanten touristischen Erschließung der Nehrung. Viele empfinden das Projekt, die Nehrung mit Hotelhochhäusern und Freizeitparks zu bebauen, als überzogen und eine Bedrohung der Natur. "Gigantomanie und Zentralismus - wie immer", schreibt jemand im Forum der Website kaliningrad.ru.

"Boos und Alpatow, fahrt auf die litauische Seite der Nehrung und seht euch an, wie man es richtig macht. In Nida und Joudkrante gibt es keine Milliarden- komplexe und Großprojekte, dafür viele kleine Pensionen und Restaurants, oft von Familien betrieben. Tourismus lebt als Kleingewerbe." Das sehen die Architekten des "russischen Nida" offensichtlich etwas anders.



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