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| Sensible, einzigartige Küstennatur: die Dünenlandschaft der Kurischen Nehrung (Foto: Plath/.rufo) | |
Dienstag, 09.10.2007
Kurische Nehrung – Schwarzbauten und Massentourismus
Kaliningrad. Die Kurische Nehrung zählt zu den großen Naturwundern des europäischen Kontinents. Nur: Wie lange noch? Illegales Bauen und touristischer Größenwahn werden immer mehr zur Bedrohung der berühmten Halbinsel.
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Lesnoje heißt das erste Dorf, wenn man vom Seebad Selenogradsk aus, also vom Süden her, auf die Kurische Nehrung fährt. Vor dem Krieg hieß das Fischerdorf Sarkau, seither eben Lesnoje, das „Waldige“.
Ansonsten scheint sich auf den ersten Blick wenig verändert zu haben im Ort. Wer auf der Hauptstraße bleibt, sieht rechts und links nicht viel mehr als ein paar ärmliche Fischerhäuser, hohe Zäune, Gemüsegärten, einen Laden, ein neues Hotel. Man muss nach links abbiegen, in Richtung Ostsee, um im Protz der Nehrungs-Neuzeit anzukommen. Es ist nicht weit.
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Traumhafter Blick auf das Meer
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Gleich hinterm Leuchtturm schmiegt sich eine Reihe schicker neuer Sommervillen in den Dünensand. Der Blick aus den Terrassenfenstern dieser Edeldatschen muss traumhaft sein. Vornean raschelt der Strandhafer, dahinter Sand, das Meer, der Himmel.
An den Ausblick ist im Guten freilich nicht heranzukommen. Die „neu-waldigen“ Strandbewohner haben ihre exklusive Wohnlage mit übermannshohen Zäunen von der Außenwelt abgeschirmt. Blickdicht. Mit gutem Grund wahrscheinlich.
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Auf Sand gebaut
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Als die Häuschen ab dem Jahrtausendwechsel aus der Dünenkette von Lesnoje wuchsen, ging es auf keiner der Baustellen mit rechten Dingen zu. Denn die Sandwälle auf der Seeseite der Kurischen Nehrung sind streng geschützt, selbst das Betreten ist nur an gekennzeichneten Übergängen erlaubt, vom Häuserbauen ganz zu schweigen. Nicht nur aus ökologischen Gründen.
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Die so genannten Vordünen bewahren die hochsensible Landzunge bei Sturm vor der Brandung der Ostsee, die in dieser Region besonders brutal zuschlagen kann. Und kaum sonst irgendwo auf der rund 100 Kilometer langen Halbinsel sind die Küstenvordünen so wichtig wie in Lesnoje.
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Die Vordüne ist unantastbar
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| Im traditionellen Stil gebaut: Diese Ferienhäuser im litauischen Nida sind keine Schwarzbauten (Foto: Plath/.rufo) | |
Hier ist die Nehrung am schmalsten, nur knapp 400 Meter liegen zwischen Ostsee und Haff. Schon einmal, im Januar 1981, brach ein schwerer Orkan hier durch den Strandwall und überspülte das flache Nehrungsland. Es dauerte Wochen, bis der mehrere hundert Meter breite Riss geschlossen war. Seither galt die Vordüne als unantastbar.
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Doch das interessierte die Gründer der neurussischen Villenherrlichkeit längs der Düne nicht. Man baute. Trotz Verbot. Und obwohl es per Gesetz eigentlich gar nicht sein kann, verweisen offiziell inzwischen sogar alle auf offizielle Genehmigungen und Dokumente – nachträglich beschafft über gute Kontakte in die regionalen und lokalen Verwaltungen getreu dem Motto: „Beziehungen schaden nur dem, der keine hat“.
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Parkverwaltung bislang machtlos
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Lesnoje ist kein Einzelfall. Vielerorts auf der russischen Hälfte der Nehrung wuchsen in den letzten fünf, sechs Jahren illegale Luxus-Datschen, selbst im Sapowednik, der streng geschützten Kernzone des Nationalparks, wo jegliche Bebauung tabu ist. Stets in bester Lage, am liebsten mit Blick auf die See – oder wenigstens binnenwärts auf das geschützter gelegene Kurische Haff.
Von der zentralen Nehrungsstraße aus sind diese exklusiven Anwesen nicht zu entdecken, nur unauffällige Wege führen hin, mit einem Verbotsschild oder Schlagbaum gesperrt. Am ehesten stoßen noch Pilzsucher auf eines der versteckten Domizile, die sich hinter hohen Zäunen oder gar Mauern verbergen.
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Seilschaft aus Oligarchen und Beamten
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Die Nationalparkverwaltung schaute dem Bauboom im Reservat lange machtlos zu. Zu schwach waren die Hebel gegen die Seilschaften aus örtlichen Oligarchen und Moskauer Geschäftsleuten, hochrangigen Verwaltungsbeamten und mächtigen lokalen Administrationschefs wie dem mittlerweile abgewählten Selenogradsker Bürgermeister Wladimir Schegeda, der im Geflecht von Grundstücks-Deals an der Küste jahrelang zu den Drahtziehern zählte.
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Der alte Direktor des Nationalparkamts warf im Frühjahr entnervt das Handtuch. Doch sein Nachfolger, Jewgenij Snegirow, greift durch. Seit Mai im Amt, hat der frühere Sprecher der russischen Umweltaufsichtsbehörde Rosprirodnadsor dem illegalen Bauen im Nationalpark den Kampf angesagt. Sein jüngster Coup:
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Baufahrzeuge, die den Kontrollposten am Eingang des Reservats passieren wollen, müssen zuvor belegen, in wessen Auftrag sie Kies und Dachziegel, edle Wandfliesen und französische Kamine auf die Nehrung schleppen. Künftig gilt für jeden Baustellenlaster – es sind derzeit etwa 20 pro Tag – am Schlagbaum des Parks: Kein Nachweis des Auftraggebers, keine Durchfahrt.
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Bauherren meist unbekannt
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Denn die Verwalter des Schutzgebietes haben ein Problem: Sie wissen oft gar nicht, wer als Bauherr hinter einem der rapide wachsenden Häuser steckt. Die Arbeiter sagen nichts oder dürfen nichts sagen – und reagieren gereizt: Fotografen und Nachfragende werden schon mal aggressiv von der Baustelle verscheucht, notfalls mit einem Stück Kantholz in der Hand zur Untermalung. Die Stimmung ist angespannt auf den Baustellen im Wunderland der Wanderdünen.
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„Wir werden herausbekommen, wer die Besitzer der Bauten sind“, begründet Snegirow seinen Kontroll-Erlass in der Zeitung „Argumenty i Fakty“. „Wenn ein Betonmischer am Schlagbaum steht und nicht durchgelassen wird, kann der dort nicht ewig warten. Also wird der Fahrer in seiner Firma anrufen und die Firma bei ihrem Auftraggeber. Der wird sich dann schon ganz schnell melden, davon gehe ich aus. Wir müssen diese Leute aus dem Schatten holen.“
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Strohmann als Bauherr
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Wie lange der Nationalparkchef seine Blockade durchhält und ob er damit an die eigentlichen Bauherren herankommt, wird sich zeigen. Unter den offiziellen Namen derjenigen, die in den drei russischen Nehrungsdörfern Lesnoje (Sarkau), Rybachij (Rossitten) und Morskoje (Pillkoppen) und in den einsamen Abschnitten dazwischen ihre Villen hochziehen ließen, findet sich kaum ein bekannte Größe aus Wirtschaft und Politik.
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Das läuft anders: Man lässt jemanden per Vollmacht bauen. „Wer sich über die Verbote des Nationalparks und des Naturschutzes hinwegsetzt und sich Baugenehmigungen beschafft, besitzt auch die nötigen finanziellen und administrativen Ressourcen dafür“, bestätigt Snegirow. „Und solche Leute geben sich nicht offen zu erkennen.“
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„Der Druck ist spürbar“
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Eines hat der neue Hüter der Nehrung mit seinem öffentlichen Anprangern des Schwarzbaubooms immerhin schon mal erreicht: das Thema ist in Bewegung geraten, wird in den örtlichen Medien thematisiert. „Jedem Oligarchen sein Schutzgebiet?“, fragte eine große Kaliningrader Wochenzeitung dieser Tage.
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Die Betroffenen sind in Unruhe. Viele Freunde hat sich Snegirow in seinem neuen Job bislang nicht gemacht. Seit Wochen verweigert die Verkehrspolizei den Autos des Nationalpark-Fuhrparks die fälligen technischen Prüf-Plaketten, beobachtet gleichzeitig, ob die Fahrzeuge bewegt werden. „Der Druck ist spürbar“, sagt Snegirow. Was er nicht so gern sagt: Auch er selbst und seine Familie wurden bereits bedroht. Unlängst zündeten Unbekannte seinen Kinderwagen an. Die Warnungen werden deutlicher.
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Übeltäter kommen mit Geldbuße davon
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Allein wird die Nationalparkverwaltung gegen die illegalen Machenschaften der Baulöwen und Immobilienhaie im Naturschutzreservat kaum viel ausrichten können. „Wir brauchen eine Zusammenarbeit aller zuständigen Strukturen“, weiß Snegirow. Doch die staatlichen Fahnder glänzten bislang nicht eben mit Engagement im Kampf gegen die exklusiven Schwarzbauten.
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| Bedrohtes Weltkulturerbe: Naturkunst in den Wanderdünen der Nehrung (Foto: Plath/.rufo) |
Zwar laufen in der Staatsanwaltschaft der zuständigen Kreisstadt Selenogradsk derzeit 18 Ermittlungsverfahren gegen illegale Bauprojekte. Doch ein Abriss, wie ihn das Gesetz durchaus vorschreibt, dürfte keinem der Häuser drohen, das belegen diverse geschlossene Akten ähnlicher Fälle hinlänglich. Verhängt werden in aller Regel höchstens Geldstrafen. Und Geld spielt für viele Beteiligte im Poker um Kaliningrader Küsten-Immobilien nun wahrlich keine große Rolle.
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Grüne Projekte gegen Bauboom chancenlos
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Es geht um viel im russischen Teil der Kurischen Nehrung, die seit 1986 als Nationalpark unter dem Schirm der international höchsten ökologischen Schutzkategorie steht und – als einzigartige Küstenlandschaft – Ende der 1990er Jahre von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbe aufgenommen wurde.
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Es geht um exklusive Feriendomizile, aber auch Grundstücke für künftige Hotelbauten an der russischen Bernsteinküste, deren Platz begrenzt und entsprechend begehrt ist: Immobilien auf der Nehrung zählen längst zu den Topsellern in ganz Russland. Während auf der nördlichen, litauischen Hälfte das Bauen trotz ähnlich hohen Drucks streng begrenzt und auch in Größe und Bauweise der Häuser scharf beauflagt und an traditionelle Baustile gebunden ist, herrscht auf in der Kaliningrader Nehrungsseite der blanke Wildwuchs.
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Naturschützer haben keine Chance
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Vom neurussischen Größenwahn ihrer immer häufiger aus Moskau stammenden Bauherren geprägt, schossen in Morskoje (Pillkoppen) innerhalb weniger Jahre Paläste aus dem Sand, die die gewachsene Anmut des Fischerdorfes im Schatten der Epha-Düne nachhaltig zerstörten. Grüne Bemühungen von WWF bis zur Kaliningrader Umweltschutzbrigade „Ekosaschtschita“, die mit Besucherlenkung, Ökotourismus und landschaftsverträglichen Baukonzepten für eine sanfte Erschließung der kostbaren Küstennatur plädieren, wirken gegen den neuen Bauboom geradezu hilflos.
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Eine Million Besucher pro Jahr
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Und es könnte noch schlimmer kommen. Die Kurische Nehrung ist seit vergangenem Jahr eine von sieben vorrangigen touristischen Entwicklungszonen Russlands. Mit mehreren hundert Millionen Rubel aus dem Staatsbudget soll die fragile Küstenlandschaft mit ihren Wanderdünen in den nächsten Jahren zu einem Quartier exklusiver Ostsee-Erholung auf Westniveau veredelt werden.
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Zwar zollt das, was bislang als Konzept greifbar ist, auch dem Naturschutz Tribut: Die Kernzonen des Nationalparks bleiben von der Bebauung ausgeschlossen. Doch jährlich eine Million Besucher, wie für die Tourismuszone „Kurische Nehrung“ ab 2010 prognostiziert, werden den Charakter der legendären Landzunge nachhaltig verändern.
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Angestrebt sind 4.500 Übernachtungsplätze. Bislang gibt es 500. Angesichts von geplanten elf Hotels aller Kategorien und Größen, bis zu 60 Pensionen, einem Fünf-Sterne-Resort nahe der berühmten Epha-Düne und einem riesigen Aquapark dürften Leute wie Jewgenij Snegirow von der Zukunft nicht viel Gutes zu erwarten haben. (tp/.rufo/Kaliningrad)
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