Kaliningrad. (Aktualisiert 20.00 Uhr) In Russland gibt es keine einzige Region mehr, die von der AIDS-Epidemie verschont geblieben ist. Und auch sonst fällt die Bilanz für Russland am heutigen Welt-Aids-Tag nicht gut aus. Im Ländervergleich weist Russland eine der höchsten Ansteckungsraten weltweit auf, vor allem unter jungen Leuten verbreitet sich der Virus schneller denn je.
Experten weisen bereits auf die negativen Folgen für die demografische und wirtschaftliche Entwicklung Russlands hin.
Längst sind es nicht mehr nur Prostituierte, Homosexuelle und Drogenabhängige von HIV und AIDS betroffen. Längst hat sich die Epidemie auch von den großen Städten und Industriestandorten aus in die Provinz ausgebreitet. Wieviele Russen von der Immunschwäche betroffen sind, weiß indes niemand genau. Schätzungen zufolge leben in Russland zur Zeit zwischen ein bis zwei Millionen Menschen mit dem HIV-Virus. Die höchsten Raten weisen Moskau, das Moskauer Gebiet, Krasnodar und Kaliningrad auf.
Kaliningrad gehörte zu den ersten Städten in der ehemaligen Sowjetunion, in denen der HIV-Virus auftauchte. Der erste Fall wurde 1988 registriert. Jahrelang galt Kaliningrad mit der höchsten Ansteckungsraten im Land als russische „AIDS-Hauptstadt“. Dank einer Aufklärungskampagne konnte die Ausbreitung des Virus in der Ostseeexklave verlangsamt werden, doch AIDS bleibt auch hier ein Problem. Nach Angaben des „Kaliningrader Zentrums für Prophylaxe und Kampf gegen AIDS“ waren am 1. Oktober 2004 in Kaliningrad 4594 Menschen mit HIV gemeldet. Bei immer mehr von Ihnen bricht die Krankheit aus, gleichzeitig gibt es nicht ausreichend Behandlungsmöglichkeiten für alle Bedürftigen.
Um auf diese katastrophalen Mißstände aufmerksam zu machen, ketteten sich vor wenigen Wochen 13 junge Leute an die Eingangstüren des Kaliningrader Rathauses und verteilten Flugblätter. Organisiert wurde die Protestaktion von der Gruppe „FRONT-AIDS“.
In einer öffentlichen Erklärung kritisierte die Gruppe, dass es, ungeachtet eines föderalen Gesetzes, welches HIV-Infizierten des Recht auf kostenlose Behandlung in staatlichen medizinischen Einrichtungen zuspricht, im Kaliningrader Gebiet viel zu wenig Behandlungsangebote für HIV- und AIDS-Patienten gibt. „FRONT-AIDS“ beklagte dabei, dass vor allem Drogenabhängigen die notwendige medizinische Behandlung und Ausgabe der lebensverlängernden Medikamente häufig verweigert wird.
„Rowdys“
Die Reaktionen der Lokalpolitiker als auch der Kaliningrader Zeitungen auf die Protestaktion machten jedoch deutlich, dass das Verständnis für die Belange für Menschen mit HIV/ AIDS in Russland auch in den letzten Jahren nicht gewachsen ist.
Von einem Problem wollte niemand etwas hören, vielmehr wurde eine gezielte Provokation in Form von „Krawalltourismus“ vermutet: So beeilten sich die Zeitungen nach der Aktion zu vermelden, dass die Protestdemonstranten ja hauptsächlich aus Moskau und Petersburg stammten, „nur drei der Beteiligten überhaupt aus Kaliningrad waren und sich darunter wiederum kein einziger HIV-Infizierter oder AIDS-Kranker befand“. Örtliche Zeitungen sprachen von „Rowdys, die die Rathaustür blockierten“.
Als weiteres Indiz für ein „Nicht-Problem“ mit Aids wurde festgestellt, dass die Organisation „FRONT-AIDS“ in Kaliningrad nicht gemeldet und damit auch nicht offiziell aktiv sei. Die Komsomolskaja Prawda beklagte, dass die Aktion wieder einmal „ein gefundenes Fressen für westliche Journalisten und NGOs sei, die in periodischen Abständen über dergleichen, sowie Korruption und die schlechte Umweltsituation berichten würden“.
Unpassend zum Stadtjubiläum
Auch Kaliningrads Bürgermeister Juri Sawenko war vor allem um den Ruf seiner Stadt besorgt. In einer Erklärung teilte er seine Überzeugung mit, dass „internationale antirussische Kräfte am Werk“ seien. Weiter sagte er: „Wir haben es hier mit einer organisierten Provokation gegen unsere Stadt zu tun, die zum Ziel hat, das Image Kaliningrads zu ruinieren und unsere Region bei den europäischen Nachbarn zu diskreditieren. Mir ist überhaupt nicht klar, warum unsere Stadt im Vorfeld des 750-jährigen Stadtjubiläums so ins schlechte Licht gerückt werden muß.“ Zu den genannten Problemen und Forderungen der Gruppe „FRONT-AIDS“ nahm niemand Stellung.
(jm/.rufo)
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