Freitag, 31.08.2007

Kaliningrad: Umsiedler-Programm zwischen Soll und Haben

Arbeit gibt es genug in Kaliningrad - auch wenn die Renovierung des Kulturhauses der Seeleute inzwischen abgeschlossen ist (Foto: Ballin/.rufo)
Kaliningrad. 500.000 Umsiedler wollte Gouverneur Boos in das Kaliningrader Gebiet holen, um den Aufschwung Ost in Russlands West-Enklave mit den nötigen Fachkräften zu versorgen. Gekommen sind bisher nur knapp zwei Dutzend.
Die Umsetzung des staatlichen Programms zur Förderung von Neuansiedlungen im Kaliningrader Gebiet läuft bislang nicht optimal. Das räumte Michail Pluchin, Minister für Regionalentwicklung in der Boos-Regierung, in dieser Woche vor deutschen Unternehmern ein.

Bürokratie als Bremsklotz



Vor allem die mangelnde Abstimmung innerhalb der Bürokratie sei dafür die Ursache. „Was die eine Behörde genehmigt, wird von der nächsten wieder abgelehnt. Eine Einbürgerung ist natürlich ein komplexes Verfahren, aber das alles dauert noch zu lange und schreckt manchen, der bereit ist, sich in Kaliningrad anzusiedeln, vielleicht auch ab“, erklärte Pluchin.

Täglich gingen bei der Regionalregierung Anrufe, Briefe und E-Mails von Menschen ein, die sich für einen Umzug in das Kaliningrader Gebiet interessierten - vor allem aus Kasachstan, Usbekistan und der Ukraine, aber auch aus Deutschland, aus den baltischen Staaten und selbst aus exotischen Ländern wie Uruguay. „Der bürokratische Weg muss darum noch vereinfacht werden.“

Schlüsselproblem Fachkräftemangel



Als Gast des „Deutschen Wirtschaftskreises“, eines monatlich von der regionalen Handelskammer-Filiale veranstalteten Treffens deutscher Unternehmer in Kaliningrad, sprach Minister Pluchin über den Stand des föderalen Umsiedler-Programms. Es markiert ein Schlüsselproblem der russischen Exklave – eines, das auch die deutschen Geschäftsleute angeht.

Die Region leidet, seit der Wirtschaftsaufschwung immer mehr zulegt, an einem akuten Fachkräftemangel. Nahezu alle Branchen sind davon betroffen: Ob Baugewerk oder Landwirtschaft, ob in der Montage von Elektronikgeräten, im Schiffbau oder im tourismusorientierten Gewerbe von der Gastronomie bis zu den Hotels – überall fehlt es an ausgebildetem Personal. Derzeit ist in offiziellen Statistiken von über 60.000 offenen Facharbeiterstellen die Rede. In der Gebietshauptstadt herrscht faktisch Vollbeschäftigung.

GUS-Zustrom der 1990er Jahre abgeebbt



Doch die Bevölkerungszahl der kleinen Insel-Provinz geht weiter zurück. Zum einen, weil die Anzahl der Geburten stark gesunken ist und inzwischen deutlich unter der Sterberate liegt, die vor allem in den östlichen, vom Aufschwung abgeschnittenen Landkreisen von Alkoholismus und sozialer Degradierung beflügelt wird.

Kontaktinformationen
Nähere Informationen zum Einwandererprogramm gibt es auf der Website der Kaliningrader Regionalregierung: www.gov.kaliningrad.ru
Zum anderen, weil der Zustrom von Einwanderern aus den GUS-Staaten, wie er für die 1990er Jahre prägend war, mittlerweile versiegt ist – verschärfte Migrationsgesetze und eine aufgeblähte, restriktive Bürokratie haben ganze Arbeit geleistet. Russlands westlichste Region droht buchstäblich auszubluten.

Natürlich sei die Entwicklung der letzten Jahre nicht günstig verlaufen, räumt auch Pluchin ein. „Das hat unsere Region in eine komplizierte Lage gebracht. Wir stehen vor einem großen wirtschaftlichen Aufschwung, unser Wirtschaftswachstum im vorigen Jahr zählte zu den stärksten in ganz Russland. Doch diese Entwicklung beizubehalten ist ohne Zuwanderung nicht möglich.“

Gouverneur rührt die Werbetrommel



Darum hat die russische Regierung das Kaliningrader Gebiet bereits vor zwei Jahren zu einer jener zwölf Pilotregionen ausgerufen, in der die Ansiedlung von Landsleuten aus dem Ausland auch finanziell gefördert wird. Viereinhalb Milliarden Rubel sind dafür im föderalen Haushalt eingestellt.

Viel Wind ist seither um dieses Programm gemacht worden, Gouverneur Boos hat es quasi zur Chefsache erklärt und vergisst auf keiner seiner Auslandstermine die Werbetrommel zu rühren: Kaliningrad ist Einwandererland.

Wohnungsbauprogramm für Übersiedler



Überall in der Exklave werden Wohnungen speziell für Übersiedler gebaut, in der Grenzstadt Mamonowo (Heiligenbeil) etwa läßt der umtriebige Bürgermeister Oleg Schlyk gerade ein ganzes ehemaliges Militärdistrikt in ein Viertel für Neusiedler umbauen: Mehrere Großinvestitionen polnischer Firmen stecken in der Warteschleife, weil es in Mamonowo nicht genügend Arbeitskräfte gibt.

Doch die Neu-Kaliningrader kommen nicht. Den rund 12.000 Anfragen, die seit Mitte vorigen Jahres in der Gebietsregierung eingingen, folgten lediglich 640 formelle Umsiedlungs-Anträge. Tatsächlich in die Exklave umgezogen sind bislang 17 Menschen – mehrheitlich russische Familie aus Lettland.

Natürlich könne das nicht zufriedenstellen, sagt Michail Pluchin. Allerdings sei das auch erst der Anfang: Noch in diesem Jahr rechne man mit der Ankunft mehrerer Hundert Einwanderer, darunter auch erster russlanddeutscher Familien, die aus Deutschland „zurück“ nach Kaliningrad zögen.

Wirklich wilkommen sind nur „Landsleute“



Der Schwerpunkt der Zuzugs-Werbung, betont der Minister, zielt auf russischsprachige Umsiedler – „also im weitesten Sinne um Bewohner der ehemaligen Sowjetunion, die sich mit Russland seelisch verwandt fühlen und auch die russische Mentalität kennen.“ Natürlich seien auch Fachleute aus Ausland willkommen („gern auch aus Deutschland“), aber das Förderprogramm richte sich im politischen Sinne an die eigenen „Landsleute“.

Wobei die finanzielle Förderung allein kaum jemanden zum Neuanfang in der Königsberg-Exklave bewegen dürfte. Finanziell gestützt werden kaum mehr als die Umzugskosten, das bürokratische Procedere der Einbürgerung und die Wohnungssuche. Hauptsächlich lockt Kaliningrad mit Arbeitsplätzen und wirtschaftlichen Betätigungsfeldern. Dafür liegen das allgemeine Lebensniveau und die Löhne in Russlands westlichster Region nach wie vor deutlich unter denen der EU-Nachbarländer, von Westeuropa ganz abgesehen.

In Berlin leben, in Kaliningrad arbeiten?



Doch das dürfte sich bald ändern, sollte das robuste Wirtschaftswachstum so bleiben – und derzeit sieht es durchaus danach aus. Auch der deutsche Generalkonsul Guido Herz hält es daher durchaus für möglich, dass das Kaliningrader Gebiet sich in den nächsten Jahren zu einer Region für Gastarbeiter entwickeln kann – „wenn die Rahmenbedingungen stimmen“.

Auch für Deutsche. „Warum sollte man nicht die Woche über in Kaliningrad arbeiten und in Deutschland leben? Bis Berlin sind es von hier aus 600 Kilometer, mit den neuen Flugverbindungen von mehreren deutschen Flughäfen aus hat sich Erreichbarkeit Kaliningrads deutlich verbessert, und solche Entfernungen zwischen Arbeits- und Wohnort sind innerhalb Deutschlands nichts ungewöhnliches mehr“, sagte Herz in einer Dískussion mit deutschen und russischen Studenten im Rahmen eines Seminars der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kaliningrad.

Weiter Weg zur Modellregion



Wenn die Strategie aufgehe, aus Kaliningrad eine Modellregion und wirtschaftliche Drehscheibe zwischen der EU und Russland zu machen, dann werde die Region auch für das gehobene Management in international agierenden Unternehmen interessant, so Generalkonsul Herz.

Natürlich sei dies noch ein weiter Weg, und dass noch viele Probleme auszuräumen seien, zeigten die aktuellen Zahlen. „Aber der politische Wille ist da. Und dass es der russischen Regierung ernst ist mit dieser Richtung, lässt die jüngste Entwicklung in Kaliningrad eigentlich deutlich erkennen.“

(Thoralf Plath/tp/.rufo)