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| Alles millimetergenau dokumentiert: Archäologen an der Grabungsfläche (Foto: Plath/.rufo) | |
Montag, 11.09.2006
Kaliningrad: Spur zur Wikingersiedlung Wiskiauten
Kaliningrad. Russische und deutsche Archäologen haben nahe der Kurischen Nehrung Siedlungsspuren entdeckt, die zum versunkenen Wikinger-Handelsplatz Wiskiauten führen könnten. Die Schätze locken auch Grabräuber an.
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Der Fundort liegt auf einem Feld etwa drei Kilometer südlich des Seebades Selenogradsk (Cranz). Die in knapp einem Meter Tiefe freigelegten Feldsteinpackungen, Reste eines Brunnens und mehrerer Häuser, stammen ungefähr aus dem 12. Jahrhundert. „Das ist zwar noch etwas jung, gut zwei Jahrhunderte fehlen uns schon noch bis in die Wikingerzeit“, sagt der deutsche Grabungsleiter Timo Ibsen. „Aber wir sind auf der richtigen Spur.“
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Der Kieler Archäologe und seine Kaliningrader Kollegen Wladimir Kulakow und Konstantin Skworzow suchen mit einem russisch-deutschen Team seit zwei Jahren nach dem verschollenen Ort, an dem die Nordmänner mit Kriegern und Handwerkern der heidnisch-baltischen Prussen zusammen lebten und Handel trieben.
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Nur die Gräber kennt man
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| Zurück in die Zukunft: Freigelegte Reste eines Brunnens aus dem 12. Jahrhundert (Foto: Plath/.rufo). |
Wiskiauten ist eines der letzten großen archäologischen Geheimnisse im Ostseeraum. Auch nach 160 Jahren frühgeschichtlicher Forschung im einstigen Ostpreußen weiß niemand, wo der legendäre Ort lag. Bekannt ist nur ein Gräberfeld, es liegt auf einem flachen Hügel namens Kaup nahe dem heutigen Dorf Mochowoje und wurde schon 1865 entdeckt. Laien-Archäologen der Königsberger Altertumsgesellschaft „Prussia“ bargen kostbare Beigaben aus den insgesamt über 500 Gräbern: vergoldete Fibeln, Schwerter und Lanzenspitzen, filigranen Frauenschmuck, sogar Reste von Trachten – alles unverkennbar skandinavischer Prägung. Die ältesten Wikingergräber gehen zurück bis in das 9. Jahrhundert.
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„Es gibt viele Frauengräber. Darum gehen wir davon aus, dass die Menschen aus dem Norden nicht auf Beutezug herkamen, sondern tatsächlich hier lebten, in einer multiethnischen Siedlungsgemeinschaft mit Dänen, Goten und den einheimischen Prussen“, meint Kulakow, Leiter der baltischen Expedition am Nationalen Archäologie-Institut Russlands. Er forscht seit den 1970er Jahren auf den Spuren Wiskiautens und seiner Nekropole und hat dort viele Funde geborgen – im Wettlauf mit illegalen Raubgräbern, die schon dutzende Hügelgräber plünderten und dabei immer professioneller vorgehen. Der sagenhafte Wohlstand des Handelstützpunktes lockt.
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In einer Reihe mit Haithabu
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Wiskiauten war eine Metropole in der Morgendämmerung der Ostseekulturen. Die Wissenschaft stellt es in eine Reihe mit dem berühmten Haithabu bei Schleswig, mit Ralswiek auf Rügen, der Vineta-Insel Wolin und dem ebenfalls lange verschollenen, erst vor wenigen Jahren entdeckten Truso bei Elblag (Elbing) am Frischen Haff. Das wikingerzeitliche Handelsnetzwerk entlang der Küste ist gut erforscht. Nur Wiskiauten fehlt noch.
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Als sicher gilt, dass es direkten Zugang zum Wasser hatte. Die Skandinavier waren Bootsfahrer. Drei Kilometer nordöstlich der Grabungsfläche beginnt das Kurischen Haff – eine riesige Süßwasserlagune, die durch die Nehrung von der Ostsee getrennt wird. „Vor tausend Jahren lag die Öffnung zum Meer noch hier im Süden der Landzunge und nicht wie heute am nördlichen Ende. Durch diese strategisch günstige Lage wuchs Wiskiauten in seine Bedeutung“, sagt Timo Ibsen.
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60 Hektar Ackerland „gescannt“
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Im Frühling 2006 untersuchten deutsche Geologen daher im Rahmen des Projekts, wie weit sich das Haff in der Wikingerzeit nach Süden ausdehnte. Parallel dazu lief eine der größten geomagnetischen Erkundungen an, die die Archäologie in Nordeuropa je auf die Beine stellte. Tagelang schleppten Spezialisten der Kieler Universität mit einem Traktor ein Georadargerät über den hart gefrorenen Acker rings um den Gräberhügel. Bahn für Bahn wuchs so das Röntgenbild einer versunkenen Landschaft. Am Ende hatten sie mehr als 60 Hektar Gelände gescannt. „Die Geomagnetik hat phantastische Ergebnisse geliefert“, sagt Ibsen. „Man kann sogar den Verlauf von Wegen erkennen.“
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| Erste Spuren: Grabungsleiter Timo Ibsen prüft ein Fundstück. (Foto: Plath/.rufo). |
Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen hat seither ein Koordinatensystem. An den ersten Strukturen wurden die Wissenschaftler sofort fündig. An einer der Flächen bargen sie eine byzantinische Münze, Beleg für den Fernhandel der Balten. Motor der Wirtschaftsbeziehungen in den Orient: Bernstein, das Gold der Ostsee. Die Halbinsel Samland südlich der Kurischen Nehrung gilt als bernsteinreichste Gegend der Welt.
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Cranz im Wiskiauten-Kult
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Für dieses Jahr sind die Ausgrabungen fast beendet. In den nächsten Monaten werden die Ergebnisse am Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig ausgewertet. Die Ergebnisse stellt das Team ins Internet (www.wiskiauten.eu). Das Fundmaterial bleibt im Kaliningrader Kunsthistorischen Museum, dem russischen Partner des Projekts.
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Vor Ort hat die archäologische Forschung einen regelrechten Wiskiauten-Kult ausgelöst. Vor allem das Seebad Selenogradsk möchte aus seiner berühmten Frühgeschichte touristisches Kapital schlagen. Am Haff ist, mit finanzieller Beteiligung der EU, der Bau eines ethnografischen Museumsdorfs geplant. Und nahe der Ausgrabungsstelle wurde im Sommer erstmals ein Wikingerfestival ausgerichtet. Tausende kamen, um sich das Spektakel aus Folklore, Mittelalter-Handwerk und raubeinigen Schwertkämpfen anzusehen.
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Kaliningrads Chef-Archäologe Kulakow sieht den Rummel mit gemischten Gefühlen. Natürlich sei es gut, wenn Geschichte auf solche Weise erlebbar gemacht werde. „Aber eigentlich arbeiten wir lieber im Stillen. Zuviel Lärm lockt Raubgräber an. Und die haben hier schon genug kaputt gemacht“, so Kulakow.
(tp/.rufo)
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