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Willkommen in Russlands EU-Enklave: Moskau lässt weitere Sperrgebiete schleifen. (Foto: Plath/.rufo)
Willkommen in Russlands EU-Enklave: Moskau lässt weitere Sperrgebiete schleifen. (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 29.05.2012

Kaliningrad: Sperrgebiete für Ausländer aufgehoben

Kaliningrad. Das Gebiet Kaliningrad ist für Besucher aus dem Westen ein Stückchen größer geworden. Moskau hat den Sperrzonen-Status für das Bernsteinstädtchen Jantarnyj (Palmnicken) und weitere Küstenorte aufgehoben.

Ausländer dürfen hier nun ohne Sondergenehmigung hin, dabei hat von den bisher geltenden Verboten kaum jemand etwas gewusst.

Es ist gut fünf Jahre her, da wollte Aristide Fenster, Deutschlands Generalkonsul in Kaliningrad, eine Fahrt nach Jantarnyj unternehmen. Es war Ende Januar, auf den verschneiten Straßen war kaum jemand unterwegs, doch am Ortsrand von Jantarnyj stoppte ihn plötzlich eine Polizeistreife.

Ob er eine Sondergenehmigung zum Besuch der Siedlung habe? Der Diplomat hatte nicht. Und wunderte sich: Niemand hatte ihm gesagt, dass das einstige Palmnicken Sperrgebiet sei.

Für Ausländer nun frei zugänglich: die Stadt Primorsk (Fischhausen). (Foto: Plath/.rufo)
Für Ausländer nun frei zugänglich: die Stadt Primorsk (Fischhausen). (Foto: Plath/.rufo)
Die Miliz blieb hart, der Konsul, obwohl in diplomatischer Mission unterwegs, musste umkehren. Der Fall brach anschließend hinter den Kulissen ein heftiges Scharmützel zwischen Außenministerium und FSB vom Zaun, doch der Geheimdienst berief sich auf eine alte, seit Anfang der 1990er geltende Regelung:

Jantarnyj sei wegen militärstrategisch wichtiger Objekte im Ort für Ausländer tabu. Dass dieses Verbot nirgendwo angezeigt und in der Praxis auch kaum noch durchgesetzt wurde, zählte nicht.

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„Reglementierte Territorien“ freigegeben


Vor derartigen Überraschungen sind Reisende künftig hoffentlich sicher im Bernsteinstädtchen an der Ostsee. Seit voriger Woche darf jeder ausländische Tourist Jantarnyj auch offiziell frei besuchen, ebenso die Stadt Primorsk (Fischhausen) und deren Bucht am Frischen Haff, die benachbarte Fischereisiedlung Wsmorje (Groß Heydekrug) und einen Abschnitt bei Pionerski (Neukuhren).

Die russische Regierung habe diese Orte und Regionen von der Liste der „reglementierten Territorien“ gestrichen, teilt der Pressedienst der Gebietsverwaltung mit. Insgesamt geht es um 23 Kilometer Küste und Strand.

Auch wer sich bislang in der Königsberg-Exklave halbwegs auszukennen meinte, dürfte verwundert sein: Von diesen Sperrzonen wussten selbst Insider nichts. Schilder wiesen auch nirgends darauf hin.

Touristisches Image verbessert?


Doch was vom Kreml kommt, muss beklatscht werden. In den Gebieten, die nun auch für Ausländer unbeschränkt zugänglich wären, könne nun damit begonnen werden, Investitionsprogramme zu realisieren, unter anderem in touristische Richtung, freut sich die Chefin der Regionalen Agentur für Internationale Beziehungen, Alla Iwanowa, als sei gerade Manna vom Himmel gefallen.

Noch touristisches Niemandsland: Frisches Haff bei Primorsk. (Foto: Plath/.rufo)
Noch touristisches Niemandsland: Frisches Haff bei Primorsk. (Foto: Plath/.rufo)
Sämtliche der vom Passierschein-Regime entlasteten Regionen befänden sich an der Küste. „Die Maßnahmen der Regierung werden helfen, das touristische Image unseres Gebietes weiter zu verbessern.“

Wie schön. Nur: touristisches Image? Primorsk? In das einstige Fischhausen haben sich ausländische Urlaubsgäste bislang eher selten verirrt, abgesehen vielleicht von den alten Ostpreußen, die hier einst wohnten – und das kriegszerstörte, anschließend größtenteils eingeebnete und mit sowjetischen Wohnkasernen entstellte Städtchen vor lauter Tristesse und Zerfall kaum wiedererkannten.

Am Haffufer wäre es gewiss malerisch, läge nicht überall Müll herum. Außer Ruinen und einer Kolonie wild zusammengebastelter Bootsschuppen gibt’s wasserseits von Fischhausen nicht wirklich etwas zu sehen.

Wer will schon nach Wsmorje?


Noch weniger in Wsmorje, etwas weiter östlich am Seekanal gelegen. Dessen Ufer ist großenteils durch Zäune und Mauern diverser Firmen abgeschottet – und wo noch Platz ist, wuchert Wildnis, verrottet der Schutt des Kaliningrader Baubooms. Dass bislang nach Wsmorje keine ausländischen Touristen durften, ist auch deshalb nicht aufgefallen, weil dieses Nest schlichtweg niemanden interessierte.

Über solche Belanglosigkeiten freilich pflegt Kaliningrads regierende Beamtenschaft hinweg zu schauen. Dass Moskau nur einige völlig unsinnige und seit Jahren quasi eingemottete Sperrgebietsregelungen aufhebt, während touristisch wirklich entwicklungsfähige Landschaften wie die Rominter Heide oder das Memeldelta samt einem großen Teil der Elchniederung für Ausländer ohne Passierschein nach wie vor verboten sind – kein Wort davon.

Künftig ein paar weniger Zäune im Sperrbezirk: Sonnenaufgang am Kaliningrader Seekanal bei Primorsk. (Foto: Plath/.rufo)
Künftig ein paar weniger Zäune im Sperrbezirk: Sonnenaufgang am Kaliningrader Seekanal bei Primorsk. (Foto: Plath/.rufo)
Selbst für einen Besuch des Städtchens Gerdauen, heute Schelesnodoroschnyj, brauchen EU-Touristen nach wie vor eine Sondergenehmigung. Dort gibt’s weder Militär noch irgendwelche Geheimnisse. Der Grenzzaun steht schlichtweg ein paar Meter zu nahe an der Stadt. Offenbar fürchtet Moskau, Ausländer würden von Gerdauen aus in den Westen abhauen.

Baltijsk bleibt Sperrgebiet


Seit Jahren ringt der (zivile) Bürgermeister der Marinestadt Baltijsk um eine Öffnung der Stadt für westliche Besucher und Touristen. Es gibt sogar ein Entwicklungskonzept, gemeinsam erstellt von der Technischen Universität Kaliningrad und der Fachhochschule Aachen.

Die Militärs haben dafür nur ein kaltes Njet übrig und wissen Moskau hinter sich. Dem Kreml ist die demonstrative Stärke der Armee am Westrand Russlands allemal wichtiger als ein paar ausländische Ostsee-Reisende. Ginge es nach den Falken in der Admiralsriege, würde man die Sperrzonen im Gebiet Kaliningrad eher noch ausdehnen.

Auch der Ausbau der zum Bezirk Baltijsk gehörenden Frischen Nehrung als Zentrum des Wassersports und Yachttourismus hat keine Perspektive, solange die Baltische Flotte dort regiert. Auf polnischer Seite der Landzunge blüht die Ferienbranche, zehntausende Urlauber bevölkern im Sommer die Strände, Pensionen und Hotels und lassen den Zloty rollen. Auf russischer Seite: Totenstille. Sperrgebiet. Vor allem für Ausländer.

Gouverneur träumt den Touristentraum


Trotzdem sieht Gouverneur Nikolai Zukanow rosige Zeiten auf die Ferien-Insel Kaliningrad zukommen. Schon bald werde das Gebiet pro Jahr von sieben Millionen Touristen besucht werden, sagte er jüngst voraus. Derzeit sind es knapp fünf Prozent. Wahrscheinlich hat Zukanow die Zahl morgens aus seinem Kaffeesatz gelesen.

Oder sie soll die Megaprojekte begründen, mit denen die Gebietsregierung seit einigen Jahren so gern prahlt: Hotelkolonien auf der Kurischen Nehrung, riesige Feriencenter an der Bernsteinküste zwischen Selenogradsk (Cranz) und Swetlogorsk (Rauschen), den größten Yachthafen des Baltikums in Pionersk (Neukuhren).

Hofft auf westliche Touristen: Schlosshotel im Bernsteinstädtchen Jantarnyj. (Foto: Plath/.rufo)
Hofft auf westliche Touristen: Schlosshotel im Bernsteinstädtchen Jantarnyj. (Foto: Plath/.rufo)
Unterhalb einer Milliarde Rubel geht in Kaliningrads touristischen Investitionsplanungen nichts mehr, Motto: Hauptsache größer als die anderen. Doch die anderen, sprich Polen, sprich Litauen, die anderen haben die Gäste. Kaliningrad hat die Sperrzonen.

Jantarnyj profitiert von Befreiung


Doch künftig sind es ein paar weniger, und einen Gewinner gibt’s in diesem Fall wirklich: Jantarnyj. Die Siedlung, berühmt für den weltweit einzigen Bernsteintagebau und gesegnet mit einem der schönsten Strände an der Ostsee, hat den Tourismus für sich entdeckt und bereits eine Menge investiert, um Gäste anzulocken.

Die kommen inzwischen auch zahlreich. Darum ist Nikolai Wlassenko, Kaliningrads Senator im Russischen Föderationsrat, froh über die Befreiung der Stadt vom Passierschein-Zwang: „Diese Sperrgebiete gehörten längst aufgehoben, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Jantarnyj orientiert sich seine Entwicklungsstrategie in zwei Richtungen: Bernstein und Touristen. Die Stadt muss auch für ausländische Besucher frei erreichbar sein.“

Dass Wlassenko so redet, ist kein Wunder. Der Politiker und Geschäftsmann – Mitgründer der Supermarktkette Viktoria – betreibt in Jantarnyj das nobelste Hotel.



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Daniel 03.06.2012 - 20:47

Schön das Sperrzonen schrumpfen!

Nur was nützt das dem Tourismus? Viel mehr Urlauber wird man damit wohl nicht anlocken. Das Kaliningrader Gebiet ist sicher eine oder mehr Reisen wert. Was sich leider in Westeuropa noch nicht herumgesprochen hat. Nur der größte Bremsklotz für einen wachsenden Tourismus ist die Visumspflicht. Dicht gefolgt von der immer noch schlechten und umständlichen Erreichbarkeit mit Auto oder Zug. Und solange daran nichts geändert wird, fahre ich lieber nach Litauen auf den nördlichen Teil der kurischen Nehrung und verbringe da meinen Urlaub.


Uwe Niemeier 29.05.2012 - 16:46

Sperrzonen schrumpfen

Hallo und Guten Tag Herr Plath,
danke für den Artikel zur Schrumpfung der Sperrzonen in Kaliningrad. Lang, informativ, hilfreich - aber warum teilweise so bissig? Bin ich sonst gar nicht gewohnt von Ihnen.
Uwe Niemeier


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