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Waisenkinder in Neman: Jahrelang unterfinanziert (Foto: Plath/.rufo)
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Mittwoch, 19.03.2008

Kaliningrad: Spenden-Flut für die „Wodka-Waisen“

Kaliningrad. Die Kaliningrader Kinderheime können sich über einen unerwarteten Geldsegen freuen: Unternehmen spenden, der Gouverneur stiftet gar sein Gehalt. Doch ist das die Lösung eines schweren sozialen Problems?

Auf eine Spenden-Initiative von Gouverneur Georgi Boos hin gingen bislang fast vier Millionen Rubel (ca. 110.000 Euro) bei den Kinderheimen ein. Dutzende Kaliningrader Unternehmen überwiesen große Beträge, andere stifteten Sachwerte: Computer, Sanitärtechnik, Schuhe, Bekleidung, Möbel, Haushaltstechnik. Der Gebietschef hatte kürzlich aus Anlass seines 45. Geburtstages Gratulanten gebeten, auf teure Geschenke und die üblichen Aufmerksamkeiten zu verzichten und stattdessen Geld für die Kinderheime zu spenden.

Georgij Boos engagiert sich seit seinem Amtsantritt in Kaliningrad auch privat für die Heimkinder. Seit zwei Jahren spendet der Vater von vier Kindern sein gesamtes Gouverneurs-Gehalt an ein Waisenhaus – monatlich 62.000 Rubel (rund 1750 Euro).

Boos: Ein reicher Mann an der Gebiets-Spitze


Auch 2008 will er wieder eine ähnlich hohe Summe spenden. Der Mann kann es sich leisten: Seinen Lebensunterhalt verdient Boos nicht in der Kaliningrader Regionalregierung, sondern vor allem über seine Anteile an mehr als 20 Moskauer Firmen, Jahreseinkünfte laut Steuererklärung etwa 1,8 Mio. Euro.

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• Sozialminister will Renten anheben - auf 150 Euro (31.07.2007)
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• Eine Insel für Waisenkinder ohne Heim und Hoffnung (06.02.2007)
• Neue Wege für behinderte Kinder in Kaliningrad (20.06.2005)
Die Kinderheime im Kaliningrader Gebiet litten wie in den meisten Regionen Russlands vor allem in den 1990er Jahren Not durch chronische Unterfinanzierung. Viele überlebten vor allem durch humanitäre Hilfslieferungen aus Deutschland. Auch dies ärgerte Boos, wie er nach Besuchen in Waisenhäusern mehrfach sagte: Es gehe nicht an, dass man seine sozialen Probleme aus dem Ausland lösen lasse. „Dies müssen wir schon selbst in den Griff bekommen.“

Allerdings, so betont es der Gebiets-Chef immer wieder, sei langfristig nicht eine bessere Finanzierung der Kinderheime das Ziel, sondern ein wirtschaftlicher Aufschwung und eine moderne Sozial- und Familienpolitik, „damit solche Heime einfach überflüssig werden.“ In zehn Jahren sieht der Gouverneur das Kaliningrader Gebiet soweit. Doch die Wirklichkeit ist eine andere.

Im Osten der Oblast ist die Not noch groß


Nach wie vor prägt gewaltige soziale Not vor allem die ländlichen Regionen im Osten des Gebietes. Vom Wirtschaftsboom Kaliningrads ist schon zehn Autominuten stadtauswärts kaum noch etwas zu spüren, und mit jedem Kilometer nehmen Armut und Ausweglosigkeit zu.

In vielen Familien grassiert Alkoholismus, herrscht Gewalt. Nur in den schlimmsten Fällen, wenn die Familie für das Kind zur Lebensgefahr wird, entziehen die Sozialämter den Eltern das Sorgerecht und bringen die Kind in einem Heim unter. „Wodka-Waisen“ nennt sie der Volksmund wenig schmeichelhaft.

Russische Kinderheime - hier in St. Petersburg - müssen vor allem Sozialwaisen auffangen (Foto: ld/.rufo)
Russische Kinderheime - hier in St. Petersburg - müssen vor allem Sozialwaisen auffangen (Foto: ld/.rufo)
Die Waisenhäuser, in jedem Landkreis des Gebietes gibt es mindestens eins, wurzeln in den Krisen und sozialen Degradierungserscheinungen der postsowjetischen Jahre. In dem von Moskau verwahrlost fallengelassenen Militärsperrgebiet Kaliningrad gab es damals plötzlich Dörfer, in denen ausnahmslos allen Eltern die Kinder weggenommen wurden, weil zu befürchten war, dass sich die gesamte Ortschaft kollektiv zu Tode soff.

Früher halfen ehemalige Ostpreußen - jetzt das lokale Business


In den Heimen wiederum war die Lage vor allem deshalb besser, weil regelmäßig Hilfstransporte aus Deutschland eintrafen – oft von ehemaligen Bewohnern Ostpreußens organisiert.

Eben diese Lieferungen werden inzwischen nicht mehr ins Land gelassen. Der Kaliningrader Zoll blockiert fast jeden Transport an der Grenze mit dem Hinweis auf den wirtschaftlichen Aufschwung, den Russlands Exklave mittlerweile zweifellos nimmt. Dass besagter Aufschwung bei jenen, die in Not leben, in aller Regel nicht ankommt, wie viele Hilfsinitiativen klagen, lässt die Wächter der Ein- und Ausfuhr kalt.

Dafür spenden jetzt die einheimischen Unternehmen einen Teil ihrer Gewinne und der Gebietsfürst gibt sein Jahresgehalt. Die Freude in den Kinderheimen zeigt: An Bedarf mangelt es nicht.



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