Vom großen Zusammenbruch der Kolchosen hat sich die Landwirtschaft im Gebiet Kaliningrad bis heute nicht erholt. (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 22.11.2011
Kaliningrad soll wieder zur Kornkammer werden
Kaliningrad. Mit einem milliardenschweren Förderprogramm will die Regierung von Gouverneur Nikolai Zukanow die Landwirtschaft im Gebiet Kaliningrad in Fahrt bringen. Die Idee ist nicht neu. Wie weit kommt Zukanow?
Verstepptes Brachland bis zum Horizont, Birkengestrüpp, wo einmal fruchtbare Felder waren, das Grünland versumpft und versauert: Um Ackerbau und Viehzucht sieht es traurig aus in der einstigen Kornkammer Ostpreußen. Vom großen Crash der 1990er Jahre hat die Landwirtschaft im Gebiet Kaliningrad sich nie erholt.
Drei Viertel des Ackerlandes in der einstigen "Kornkammer" ostpreußen liegen brach. (Foto: Plath/.rufo)
In den Zeiten unter Hammer und Sichel von Moskaus Agrarstrategen auf Rinderzucht getrimmt und nach dem Aus der Sowjetunion sich selbst überlassen, brachen die meisten Kaliningrader Kolchosen zusammen oder verkamen im Privatisierungs-Chaos der Jelzin-Ära zu dörflichen Selbstversorgern. Bis heute liegt der größte Teil der einst so fruchtbaren landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Provinz brach – aktuell zwischen 55 und 83 Prozent, je nachdem, wen man fragt.
EU versorgt Kaliningrad mit Lebensmitteln
Nicht, dass darum Notstand herrschte in Kaliningrads Supermärkten. Die Regale von Victoria, Wester & Co. sind vollgestopft mit Lebensmitteln aus dem Ausland. Finnische Butter, deutsches Mehl, Gemüse aus Holland und Spanien: Die EU versorgt Russlands Ostsee-Provinz mit allem, was der Mensch so zum Sattwerden braucht, allen voran die Nachbarländer Litauen und Polen.
Gouverneur Nikolai Zukanow will das ändern. Wenigstens die Versorgung mit Getreide, Kartoffeln und Gemüse müsse das Gebiet aus eigener Kraft schaffen, fordert er seit seinem Amtsantritt, wann immer sich Gelegenheit dazu bietet. „Es kann nicht sein, dass unsere Läden voller Lebensmittel aus dem Ausland stehen, während unsere eigenen Landwirte Existenzprobleme haben, und wir Getreide importieren, während im Gebiet viele tausend Hektar Ackerland nicht bewirtschaftet werden“, wetterte er kürzlich auf einer Veranstaltung des regionalen Bauernverbandes.
Zugleich kündigte er erhöhte Zuschüsse und Beihilfen zur Förderung der regionalen Landwirtschaft an. Jetzt nimmt das Projekt Form an: Im Entwurf des Gebietshaushaltes 2012 sind 1,35 Milliarden Rubel (rund 33 Mio. Euro) für den Agrarsektor vorgesehen – fast dreimal so viel wie im Vorjahresetat.
Noch nie hat eine Kaliningrader Gebietsregierung so viel Geld in die Landwirtschaft gepumpt. Unterstützt werden soll unter anderem die Melioration, eines der technischen Hauptsorgen vieler Bauern. Allein für diesen Bereich hat Zukanow 2012 rund 100 Millionen Rubel planen lassen und will das Meliorations-Programm in den nächsten Jahren mit Hilfe föderaler Mittel stetig ausbauen. Das scheint auch dringend nötig angesichts des miserablen Zustandes, in dem viele Entwässerungssysteme auf den Feldern sind, sie stammen zum Teil noch aus Vorkriegszeiten und müssen seit Jahren erneuert werden.
Schafe, Ziegen, Lagerhallen
Fördern will das Agrar-Programm der Gebietsregierung auch die Zucht und Haltung von Schafen und Ziegen, den Ölfruchtanbau sowie den Bau von Trocknungs- und Lagerkapazitäten in den einheimischen Marktfruchtbetrieben. Getreide und Kartoffeln seien zwar in den letzten Jahren zum Teil in ausreichender Menge geerntet worden, mussten mangels Lagermöglichkeiten aber im Ausland vermarktet werden. Später kehrten diese Produkte als Importe auf den eigenen Markt zurück, klagt Gouverneur Zukanow.
Kaliningrad zählt, nicht zuletzt aufgrund des hohen Importanteils, zu den teuersten Regionen Russlands, was die Verbraucherpreise betrifft. Zukanow gilt daher als Befürworter von EU-Einfuhrverboten etwa bei Gemüse und hohen Zöllen, um den heimischen Markt vor den Produkten der hochsubventionierten EU-Landwirtschaft zu schützen. Dass die solchermaßen „geschützten“ Kaliningrader Landwirte und Verarbeitungsbetriebe ihre Waren dann auch nicht billiger anbieten, hat sich freilich schon vielfach gezeigt.
Geld nur für die Großen?
Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Gebietsregierung der brachliegenden Landwirtschaft im einstigen Bauernland Ostpreußen mit Geld auf die Beine helfen will. Schon unter Zukanows Vorgänger Georgi Boos gab es solche Bemühungen – von denen allerdings nur einige wenige Muster-Großbetriebe profitierten, und die waren in der Regel im Besitz von Boos-Günstlingen.
Alexander Nikulin, Chef des Landwirtschafts-Ausschusses der Kaliningrader Gebietsduma, fordert denn auch, mit einem Agrar-Finanzierungsprogramm nicht wieder nur große Investoren zu bedienen, sondern besonders kleine und mittlere Bauern und Verarbeitungsbetriebe zu unterstützen. Dass die Regierung eine Rekordsumme in die Landwirtschaft investiert, begrüßt Nikulin aber ausdrücklich: „Ich bin optimistisch, dass sich damit die Situation unserer Bauern zum Besseren bewegen wird und hoffentlich auch die Preise der Lebensmittel sinken, wenn unser Markt stärker von unseren eigenen Produzenten versorgt wird.“
Auf dem Land leben in der Exklave Kaliningrad fast nur noch alte Leute. (Foto: Plath/.rufo)
Starthilfen in Planung
Es wäre ein gewaltiger Schritt nach vorn, hätte Zukanow mit seinem Programm Erfolg – nicht nur für Agrarwirtschaft selbst, sondern gegen den um sich greifenden Verfall, die Abwanderung junger Leute, die den ländlichen Osten der Exklave regelrecht ausbluten lässt. Ein Aufschwung auf dem Acker schaffte Jobs. Kaum etwas ist nötiger als das in den notleidenden Dörfern des Gebietes Kaliningrad. Mit einem weiteren Förderprogramm will der Gouverneur auf dem Land eine Art Kolonisation in Gang bringen: Starthilfen für Bauern, die die Existenzgründung wagen. Wie die Hilfe konkret aussehen wird, hängt auch von föderalen Geldern ab, auf die Kaliningrad hofft.
Schon seit Juli gilt ein neues Gesetz, mit dem die Gebietsregierung die so genannten Bodennnutzungs-Kontrollen verschärft hat. Wer sein Ackerland zu lange ungenutzt liegen lässt, musste schon davor mit saftigen, nun aber noch einmal drastisch erhöhten Strafgeldern rechnen. Im Gegenzug soll es für Urbarmachung von Brachland zukünftig ordentliche Zuschüsse geben. Auf diese Weise wollte Zukanow im jetzt auslaufenden Jahr rund 16.000 Hektar „zwangskultivieren“ - ob das funktioniert hat, ist angesichts der mageren Erntestatistik eher zu bezweifeln. Zahlen zur Rubrik „Neuland unterm Pflug“ gibt es bislang nicht. Dafür bereits für die nächsten Jahre ehrgeizige Ziel: Pro Erntesaison sollen zehn Prozent Steppe in Acker und Grünland rückverwandelt werden.
Problem: Es fehlen die Bauern
Ob es allein hilft, einfach ein paar Milliarden Rubel in die brachliegende Agrarwirtschaft zu pumpen, bleibt abzuwarten. Kenner der Lage verweisen auf ein ganz anderes Problem: Es gibt viel zu wenig Fachkräfte. Wo sollen die auch plötzlich herkommen? Jahrelang erschien es weder lukrativ noch zukunftsträchtig in der Exklave Kaliningrad, Bauer zu werden. In die landwirtschaftliche Aus- und Hochschulbildung zu investieren, darin dürfte die eigentliche Herausforderung der nächsten Jahre liegen.
Doch Nikolai Zukanow hat da noch eine andere Idee. Um den Anbau von Kartoffeln, Getreide und Gemüse auf den Feldern der alten Kornkammer anzukurbeln, will er den Kaliningrader Acker notfalls Bauern aus Weißrussland zur Nutzung anbieten. Denen traut er offenbar mehr zu als seinen eigenen Leuten.
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xy 17.12.2011 - 00:23
Kaliningrad soll wieder zur Kornkammer werden
Hallo otti,
die eigntlichen Besitzer war die Slawen und wurden vom Deutschen Orden vertrieben. Was deinem Vater gehört hat, interessiert mich überhaupt nicht.
Grüße nach Berlin
otti 15.12.2011 - 21:09
Landwirtschaft
Hallo,
Die eigentlichen Besitzer wurden damals vertrieben. Selbst habe ich eine Urkunde von meinem Vater,über 12 Hektar Land.Er hat mit seinem Vater dort Pferdezucht und Ackerbau betrieben
Vieleicht sollte man die Enteignung rückgängig machen um dieses Land wieder Fruchtbar zu machen. Es Eignet sich doch auch zum Ferienbetrieb.
Grüße aus Berlin
Auf einem Relief im Giebel der Petersburger Isaakskathedrale hat sich der Baumeister des Gotteshauses selbst verewigt: Herr Montferrand hält sein monumentales Werk zärtlich im Arm. (Topfoto: Brammerloh/.rufo)