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Orkantief "Elfriede" richtet an der Küste von Selenogradsk (Cranz) schwere Verwüstungen an. (Foto: Plath/.rufo)
Orkantief "Elfriede" richtet an der Küste von Selenogradsk (Cranz) schwere Verwüstungen an. (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 17.01.2012

Kaliningrad: Schwere Sturmschäden an der Bernsteinküste

Kaliningrad. Handbreite Risse in Seepromenaden, weggeschwemmte Strände, unterspülte Dünen: Schwere Winterstürme haben Russlands Bernsteinküste verwüstet. Die Schäden sind aber auch eine Folge vernachlässigten Küstenschutzes.

Die Promenade des Kaliningrader Vorzeige-Seebades Swetlogorsk (Rauschen) war gerade erst saniert, nun dürfte sie bald wieder Baustelle sein: An mehreren Stellen klaffen breite Risse im Beton des neuen Laufstegs, die große Treppe hinunter zum Strand in Höhe des Nobelhotels „Grand Palace“ liegt komplett in Trümmern.

Auch nebenan in Selenogradsk (Cranz) zerstörten bis zu vier Meter hohe Wellen sämtliche Strandaufgänge und unterspülten die massiven Steinpackungen, große Teile der Böschung sackten ab.

Am Rand der neuen Promenade verlor ein eben erst gebautes Strandcafé seine komplette Terrasse, die schweren Sturmseen machten aus dem Vorbau in wenigen Stunden Kleinholz.

Sowohl in Swetlogorsk als auch in Selenogradsk spülten die anstürmenden Brecher fast den kompletten Strand ab, nicht viel besser sieht es in Pionersk (Neukuhren) aus – wo noch vor einer Woche ein breiter Sandstrand war, glänzen nun blanke Steine im Winterlicht.

Eine solche Serie schwerer Winterstürme wie in den ersten beiden Januarwochen 2012 hat der Russische Hydrometeorologische Dienst in Kaliningrad seit über zwanzig Jahren nicht mehr registriert.

(Foto: Plath/.rufo)
(Foto: Plath/.rufo)
Besonders schlimm trieb es „Elfriede“: Das atlantische Orkantief hatte noch einmal kräftig Luft geholt auf dem Weg ins Baltikum, ehe es in der Nacht zu Sonnabend Kaliningrads etwa 140 Kilometer lange Bernsteinküste erreichte.

Nehrung wieder von Durchbruch bedroht


Hart traf es die Kurische Nehrung. Zwischen Selenogradsk und Lesnoje (Sarkau), dem südlichsten Dorf der Halbinsel, rissen die vom Orkan aufgepeitschten Wellen auf mehreren Kilometern einen Großteil der Vordüne weg.

Es traf fast genau jene Stelle, an der ein Winterorkan am 18. Januar 1983 die Nehrung schon einmal durchbrach, Armeeangehörige und Hunderte freiwillige Helfer brauchten damals mehrere Wochen, um den zwei Kilometer langen Riss wieder zu schließen. Eine solche Katastrophe droht der berühmten, hundert Kilometer langen Landzunge nun wieder.

Die Kurische Nehrung, heute zwischen Litauen und Russland geteilt, auf beiden Seiten Nationalpark und zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörend, ist bei Lesnoje am schmalsten. Nur knapp 400 Meter trennen die Ostsee hier vom Kurischen Haff, einer Binnenlagune dreimal so groß wie der Bodensee.

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“Der Hang ist einfach weg“


Wie ein Bollwerk schützt die bis zu zehn Meter hohe Vordüne die Nehrung gegen die offene, in diesem Teil der Ostsee besonders starke Sturmbrandung. Wo die Wellen den Wall durchbrechen, steht ihnen nichts mehr im Weg.

„Zum Teil ist die Düne nach den letzten Orkanen jetzt fast zur Hälfte unterspült und abgetragen. Der Hang ist einfach weg, und das gleich kilometerweise“, beschreibt ein Mitarbeiter der russischen Nationalverwaltung das Ausmaß der Schäden.

Eigentlich sei der Strandwall nahezu auf der gesamten russischen Hälfte der Nehrungsküste betroffen, aber im sensiblen Bereich rings um das Dorf Lesnoje müsse dringend etwas geschehen. „Die Vordüne muss aufgeschüttet und wieder in Kontur gebracht werden. Bevor sie bricht. Denn dann haben wir wirklich ein Problem.“

Im Ausmaß der Sturmschäden zeigt sich auch eine Folge des vernachlässigten Küstenschutzes. Jahrzehntelang ist zwischen Baltijsk und der Kurischen Nehrung kaum etwas getan worden für den Bau und die Pflege von Dünen und Buhnen.

(Foto: Plath/.rufo)
(Foto: Plath/.rufo)
Eine Zeitlang war dieser Finanzposten sogar gänzlich gestrichen aus dem Staatshaushalt. Die alten Buhnen aus ostpreußischer Zeit, bewährt als Wellenbrecher und Erosionsbremsen, sind bis auf wenige Reste verfault.

Beton vs. Natur


Zu sowjetischer Zeit setzte man auf die Kraft von Stein und Beton: Die in den 1970er Jahren anstatt der hölzernen Vorgängerbauten neu angelegten Strandpromenaden von Swetlogorsk und Selenogradsk gleichen massiven Bollwerken.

Doch das Meer hat Zeit. Welle für Welle nagte an den Betonwänden, bis sie zu bröckeln begannen, die Salzluft tat ein Übriges, und wenn es stürmt an der Samlandküste, brechen Naturgewalten los, die man der kleinen Ostsee kaum zutraut.

So wurden die Flanierbollwerke in Rauschen und Cranz schon 30 Jahre nach ihrem Bau zum Sanierungsfall. Nun baut man sie neu. Wieder aus Beton. Der Bau von Buhnen, nach Meinung vieler Küstenschutzexperten entscheidend für das sanfte Brechen der Brandung, ist nicht vorgesehen.

Sand wird einfach umverteilt


Längst ist in den drei Seebädern Selenogradsk, Swetlogorsk und Pionersk, einst berühmt für ihre breiten Strände, kaum noch Sand vorhanden, die Strömung spült ihn während der Sturmsaison einfach aus der Bucht heraus. Der Chef des Kaliningrader Küstenschutzamtes, Wjatscheslaw Schtscherbina, fühlt sich dafür nicht zuständig.

„Die Schäden an den Promenaden und Bauwerken werden natürlich repariert, aber der Strand? Fällt nicht in unseren Verantwortungsbereich. Strand ist ein Naturobjekt. Nicht unser Thema“, sagte er angesichts der jüngsten Schäden nach dem Durchzug von „Elfriede“. Der Sand an der Küste sei schlichtweg in Bewegung, dagegen könne man nichts machen.

An der litauischen Küste nördlich der Exklave Kaliningrad hat man mittlerweile das umgekehrte Problem: In der Hafenstadt Klaipeda führt die Versandung des Fahrwassers zu immer mehr Problemen für die Schifffahrt. Und während die berühmte Kurische Nehrung an ihrem südlichen Ende zu zerreißen droht, wird sie an der Nordspitze immer breiter.



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