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Starke Konkurrenz: Ausgebuchter Yachthafen in Nidden (Foto: Plath/.rufo)
Starke Konkurrenz: Ausgebuchter Yachthafen in Nidden (Foto: Plath/.rufo)
Mittwoch, 19.09.2007

Kaliningrad: Polessk soll zum Skipper-Mekka werden

Kaliningrad. In Polessk, dem früheren Labiau, soll ein Zentrum für den internationalen Bootstourismus entstehen. Das Marina-Projekt namens "Tor Labiau" wurde dieser Tage in der Regionalregierung vorgestellt.

Die eigentlichen Probleme, die das Kaliningrader Gebiet von europäischen Wasserwanderwegen abschotten, liegen freilich ganz woanders.

Eigentlich hat die Kleinstadt Polessk beste Voraussetzungen, um zu einem Mekka für Bootfahrer und Wasserwanderer zu werden. Das Haff liegt knapp zwei Kilometer entfernt, per Schiff schnell erreichbar über den Fluss Deima, der am Stadtrand entlang strömt. Von der Deima zweigt der Große Friedrichsgraben ab, ein kanalartiger künstlicher Wasserlauf aus dem 17. Jahrhundert, einst gebaut, um den Handelsschiffen den Weg über das bei Sturm kreuzgefährliche Haff zu ersparen.

Traumrevier für Kanutouristen: Paddeln in der Elchniederung (Foto: Plath/.rufo)
Traumrevier für Kanutouristen: Paddeln in der Elchniederung (Foto: Plath/.rufo)
Der Friedrichsgraben, heute Polesskij Kanal genannt, mündet in die Matrossowka (Gilge) und schließlich unweit von Tilsit in die Memel, zuvor auf etwa 40 Kilometern die legendäre ostpreußische Elchniederung durchströmend - eine grundlose, kaum zugängliche Moorwildnis, wie es sie in Mitteleuropa kaum noch gibt, durchzogen von einem Geflecht aus Flüssen und Querkanälen.

Von Polessk liegt diese amphibische Wunderwelt eine knappe Bootsstunde entfernt. Also ein Traumrevier für Tourenboote, Kanus und Ausflugsdampfer.

Luxus-Marina in künstlichem Kanal



Entstehen soll die Marina direkt am Stadtrand an der Deima, unweit der Adlerbrücke, wo die ruinösen Reste der Ordensburg als vor sich hingammeln. Natürlich ist auch der Wiederaufbau der Backsteinfeste geplant, wie es derzeit eine Art Mode ist im russischen Teil des früheren Ostpreußens.

Schrott und Wildnis: Das Ufer der Deima bei Polessk derzeit (Foto: Plath/.rufo)
Schrott und Wildnis: Das Ufer der Deima bei Polessk derzeit (Foto: Plath/.rufo)
Auch die Rekonstruktion eines Teils der im Krieg zerstörten historischen Häuserzeile sieht das Projekt vor. Daneben ist der Bau eines künstlichen Stichkanals geplant, der in eine großzügige, nach international üblichen Standards ausgestattete Marina für Sportboote, Yachten und Ausflugsschiffe führt.

An Land erwartet die künftigen Bootstouristen und Skipper ein Welcome-Center mit kleinen Läden, Gastronomie und Service. Sie sollen sich wie im Westen fühlen in der Wasserwelt des "Kultur-Historischen Komplex Tor Labiau". Und sie sollen Geld ausgeben.

"Wir müssen unseren natürlichen Reichtum endlich stärker für den Tourismus nutzen", sagt Michail Pluchin, Minister für Regionalentwicklung in der Gebietsregierung von Gouverneur Georgij Boos. Pluchin steht voll hinter dem Marina-Plänen in Polessk, er verspricht sich davon einen großen Impuls für einen wirtschaftlichen Aufschwung der verarmten Haffgemeinden.

"In Polen, in Litauen, in den westlichen Ländern, überall schlägt man aus solchen natürlichen Bedingungen touristisches Kapital. Die Araber legen für ihre Touristen ganze künstliche Inseln an. Warum schaffen wir in einer Stadt wie Mamonowo nicht mal einen simplen Anlegesteg für Boote am Haff zu bauen?", fragte er dieser Tage in einem Treffen mit Rayonchefs und Bürgermeistern.

500 neue Arbeitsplätze?



Entsprechende Statistiken aus Polen zum Maßstab nehmend, hält Alexander Paskar, Direktor des regionalen ökotouristischen Fonds "Grüner Planet", in der Region Polessk durch den Bau des Marina-Areals mit entsprechenden touristischen Dienstleistungen 300 bis 500 Arbeitsplätze für denkbar. Allein ein Ausflugsdampfer für kleine Flusskreuzfahrten könne dem regionalen Haushalt rund 50 000 Euro pro Jahr einspielen.

Bisher die einzige Yachtmarina im Gebiet: Hafen Pionerskij (Foto: Plath/.rufo)
Bisher die einzige Yachtmarina im Gebiet: Hafen Pionerskij (Foto: Plath/.rufo)
Reale Vorstellungen oder Träumerei? Der Bürgermeister von Polessk heißt Nikolai Schajowko. Also, wenn das alles ein so lohnendes Geschäft ist, warum gibt es eine solche Anlegestelle für begüterte Bootfahrer nicht schon längst in Ihrer Stadt, Herr Schajowko? Auf solche Fragen zuckt der Verwaltungschef nur mit der Schulter: Woher die Rubel nehmen für so ein gewaltiges Ding? "Wir haben nicht einmal genügend finanzielle Mittel für dringende Investitionen in die kommunale Infrastruktur." 80 Prozent des Polessker Haushalts sind Subventionen aus dem Gebietsbudget.

Bisher nur ein Modell - und verarmte Realität



Wer die Labiau-Marina am Ende bezahlen wird, ist denn auch noch ebenso offen wie Baubeginn und Investitionssumme. Bislang gibt es nur ein Modell, Minister Pluchin ließ es jüngst präsentieren. Auf den Maßstab 1:100 verkleinert sieht das Ensemble richtig schick aus.

Doch wer das verwilderte Deima-Ufer am Stadtrand von Polessk im Hier und Heute betrachtet, wird sich kaum etwas schwerer vorstellen können als einen Hafen für feine Yachten, Hausboote und Ausflugsschiffe. Das Areal um die einstige Burg: ein Trümmerhaufen. Viele Häuser längst des Friedrichsgrabens sind ebenfalls dem Zusammenbruch nahe.

Die Menschen sind arm hier, kein Vergleich mit dem aufstrebenden Kaliningrad, zwischen der Gebietshauptstadt und Polessk liegen Welten. Auf dem Wasser bewegen sich allenfalls verbeulte Angelkähne und dann und wann ein Fischkutter, der vom Haff einläuft.

Wegelose Moorwildnis



Einen Bootstourismus gibt es bisher nicht einmal ansatzweise in der an Wasserwegen reichen russischen Ostsee-Region. In das Flussrevier der Elchniederung etwa wagen sich per Boot nur Einheimische. Für Kanufahrer mit Hang zu Naturtrails ist das "Große Moosbruch", wie die Landschaft am Haff einst auch hieß, eigentlich ein Traumrevier.

Doch ohne Ortskenntnis geht im Labyrinth zwischen Nemonienstrom, Gilge, Timber, Inse und Wiepe schnell die Orientierung verloren, außerdem gibt es so gut wie keine Einsetzstellen oder Anleger in der wegelosen Wildnis. Von den geheimnisvollen alten ostpreußischen Moorkolonien, für die die Niederung einst berühmt war, steht kein Stein mehr, ihre Grundmauern hat längst die Natur überwuchert.

In den Wäldern rechts und links der wuchernden Ufer hausen Elche, Biber, Wölfe. Auch Schwarzstörche und Schreiadler, die seltensten Greifvögel Europas, sind hier heimisch, seit der Mensch den Rückzug angetreten hat.

Große Pläne, nichts dahinter?



Einerseits ein Schatz, andererseits ein ungenutzter. Das soll nun alles anders werden. Vielleicht liegt es daran, dass Gouverneur Boos sich in diesem Jahr eine luxuriöse Motoryacht zugelegt hat und nun nicht weiß, wo er anlegen soll, sobald er seine schwimmende 100 000-Dollar-Villa aus dem Heimathafen Pionerskij herausgeskippert hat?

Bescheidene Anfänge: Ausflugsboot auf dem Pregel in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Bescheidene Anfänge: Ausflugsboot auf dem Pregel in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Die Gebietsregierung hat schon vor Monaten ein Entwicklungsprogramm zur Förderung des Bootstourismus vorgelegt. "Von Holland nach Litauen über den Pregel" titelt das Programm, mit dem die russische Exklave an europäische Wasserwanderrouten andocken will. Geplant ist ein ganzes System von modernen Yachthäfen unter anderem in Rybatschi (Rossitten) auf der Kurischen Nehrung, in Selenogradsk (Cranz) und Pionerski (Neukuhren) - inklusive der Erschließung von attraktiven Routen für Bootstouren und Schiffsausflüge.

Das Konzept liest sich gut. Die Sache hat nur einen Haken: die Seegrenzen des Kaliningrader Gebietes. Die sind binnenseits nach wie vor so dicht wie eiserne Vorhänge nur sein können: Weder auf dem Frischen Haff von und nach Polen noch auf dem zwischen Russland und Litauen geteilten Kurischen Haff dürfen ausländische Wasserfahrzeuge die Grenze überqueren. Was soll ein Hafen ohne Boote? Man arbeite intensiv an diesem Problem, sagt Silvia Gurowa, Chefin der Internationalen Abteilung der Gebietsregierung, "aber diese Grenzfragen können leider nur auf föderaler Ebene gelöst werden."

Kreuzfahrtschiffe in der Warteschleife



Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Grenzen im Haff für Schiffsverkehr offen? (04.03.2007)
• Kaliningrad: Eisangler zwischen Bruch und Beute (20.02.2007)
• Kaliningrad: Bootstourismus kämpft mit Gegenwind (16.06.2006)
• Kaliningrad: Deutsche Touristen kommen per Bahn (09.08.2006)
• Deutsche Archäologen im „Grenzsperrgebiet“ erwischt (28.08.2007)
Den Satz kann Hans Kaufmann vermutlich nicht mehr hören. Seit bald fünf Jahren hofft der Schweizer Unternehmer darauf, mit seinen in Polen erfolgreich laufenden komfortablen Flusskreuzfahrtschiffen von Elblag (Elbing) aus auch die russischen Haffgewässer befahren darf. Die Kaliningrader Sicherheitsbehörden stimmten schnell zu, doch Moskau kassierte die Genehmigung wieder ein.

Seither kämpft Kaufmann auf ziemlich verlorenem Posten. Der Briefwechsel mit den russischen Behörden füllt inzwischen einen dicken Hefter, sogar der Regierungschef schaltete sich in die Sache ein. Daraufhin hatte die erste Binnenkreuzfahrt von Elbing hinüber nach Baltijsk und weiter nach Kaliningrad sogar schon einen Termin, doch am Ende ließ der FSB den Luxusliner doch nicht einlaufen.

Ein typisches Kaliningrader Dilemma dieser Umbruchszeit: Zwischen Plänen und Projekten wie der Labiau-Marina in Polessk und der praktischen Umsetzung klafft eine gewaltige Lücke.

Doch die Konkurrenz schläft nicht - gerade im harten Geschäft um Bootstouristen und Kreuzfahrten. Im litauischen Klaipeda, in Nidden, Gdansk und auf der polnischen Halbinsel Hel warten längst moderne Marinas um Kundschaft, und mehr und mehr Skandinavier, Deutsche, steuern diese Ziele an.

Um Kaliningrad werden sie vermutlich noch eine Weile herumsegeln.

(Thoralf Plath/tp/.rufo)


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